100 Jahre „Triadisches Ballett“ Oskar Schlemmer tanzt in die Gegenwart

Zum Festival-Auftakt mischt Pascal Sangl in der Performance „The Explorer:s“ Astronauten unter Stadtflaneure. Foto: Dominique Brewing

„Körper der Gegenwart“ heißt ein Performance-Festival. Zum 100. Geburtstag des „Triadischen Balletts“ fragt es nach der Aktualität des Avantgarde-Meisterwerks.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Am 30. September 1922 zeigte Oskar Schlemmer mit dem Tänzerpaar Elsa Hötzel und Albert Burger im Kleinen Haus in Stuttgart „Das Triadische Ballett“ erstmals in seiner kompletten Form. Zum 100. Geburtstag der Uraufführung verbeugt sich die Staatsgalerie, zu deren Sammlung sieben der 18 Originalkostüme gehören, nicht nur mit der Ausstellung „Moove“ vor dieser besonderen Bewegungsstudie. Unter dem Titel „Körper der Gegenwart“ veranstaltet das Museum mit dem Produktionszentrum für Tanz und Performance von diesem Donnerstag an ein Festival, das in sechs Produktionen nach dem visionären Impuls von Kunst fragt.

 

Wo liegt Oskar Schlemmers Relevanz für den Tanz der Gegenwart? Dem Stuttgarter Künstler war zu seiner Zeit an nicht weniger gelegen, als „zur allgemeinen Erneuerung der Bühnenkunst“ beizutragen, wie er 1929 im Programmheft zur Stuttgarter Aufführung der Bauhaus-Produktion „Tanz Pantomime Sketch“ festhielt. Ermöglichen sollte das eine „Intensität in jeder Beziehung“. Aus heutiger Sicht fällt die Reduktion der Bewegungsmöglichkeiten durch Kostüme auf, die wie ein Gefäß den Körper verschlucken und dem Tanz Vorgaben machen. Schlemmer notierte dazu: „Strenge Regularität kann höchste Kunstform sein.“

Dieser Kontrast zwischen Freiheit und Einschränkung hat auch das Performance-Kollektiv Multipluralwesen beschäftigt, wie der Choreograf und Tänzer Johannes Blattner berichtet. Mit der Produktion „Das multikordale Konstrukt“ ist ein sechsköpfiges Team am Festival beteiligt. „Wir wollen an diese Restriktion anknüpfen: Schlemmer schränkte sich mit der Darstellung von Geometrie ein, um neue Bewegungen auf der Bühne zu finden. Wir übersetzen das in eine Verbindung der Figuren untereinander mit Fäden, aber es bleiben organische, menschliche Wesen“, betont Blattner. Durch die Verknüpfung der Körper beeinflusst jede Figur die Bewegung einer anderen. „Das ist einschränkend, aber ein sehr inspirierender Vorgang, durch den wir neue Bewegungen finden“, sagt Johannes Blattner. „Außerdem befördert es das Nachdenken darüber, wie das eigene Handeln andere beeinflusst.“

Maschine gegen Mensch

Ein Kordeltanz hätte vielleicht auch gut in Schlemmers Zeit gepasst, am besten mit marionettenhaften Akteuren. Anfang der 1920er Jahre waren auf Theaterbühnen neben expressiven auch konstruktivistische Bestrebungen im Trend. Körper wurden wie Skulpturen behandelt, Bewegungen biomechanisch interpretiert, der Mensch mechanisiert. Höhepunkt dieser Tendenz war das Stück „R.U.R.“, in dem der tschechische Dramatiker Karel Capek und sein Bruder Josef den Begriff Roboter einführten und ein seither beliebtes Science-Fiction-Szenario entwarfen, in dem die von Menschen konstruierten Maschinen sich gegen den Menschen erheben – eine Grundangst der Moderne.

Der Zeitgeist mag auch Schlemmer inspiriert haben; als Maschinentanz, wie Zeitgenossen das „Triadische Ballett“ nannten, wollte er seine Kunst aber nicht ausschließlich verstanden sehen. Da fehlten ihm das „seelische Gehaben“ und das Erspüren von Gefühlszuständen, um die es ihm auch ging. Doch nur eine geschlechtsneutrale, entindividualisierte Kunstfigur war für Schlemmer in der Lage, die von Geraden und rechten Winkeln bestimmte Geometrie des Bühnenkubus zu beherrschen. Expressive, körperbetonte Bewegtheit wäre darin Störung. Schlemmers Tänze waren „ein Unternehmen wider die Natur zum Zweck der Ordnung“, wie er in seinem Tagebuch notierte.

Nur mit dem Herzen tanzt man gut

Ganz unspektakulär entwickelt sich auch der Tanz in „Hoomans“, einer Produktion, die am zweiten Festivalwochenende zu sehen sein wird; Smadar Goshen spielt mit dem Titel auf eine rohe Form des englischen Worts „humans“ an; im Interesse für den Schnittpunkt von maschineller und organischer Mechanik sieht die israelische, in Stuttgart lebende Choreografin eine Verwandtschaft ihres Stücks zu Schlemmer. Allerdings mit dem großen Unterschied, dass da, wo früher die Entfremdung von der Natur Thema war, heute das Verbindende betont werde. „Der Fortschritt der Technologie hat heute mehr oder weniger zu einer umgekehrten Bewegung geführt“, so Goshen. „Es gibt eine Forderung, zum rein organischen Körper und zu seinen Eigenschaften zurückzukehren.“ Kostüme und Bemalung gleichen in „Hoomans“ zwar Körper und Geschlechter wie bei Schlemmer an. Doch allmählich offenbart sich im Tanz die Einzigartigkeit der Akteure. „Sie erinnern uns daran, wie wir Menschen uns von Maschinen unterscheiden“, sagt Goshen. „Mit unseren Herzen.“

Wie Körper früher und heute tanzen

Original
Die Junioren des Bayerischen Staatsballetts bringen „ Das Triadische Ballett“ in der Rekonstruktion von 1977 durch den Choreografen Gerhard Bohner und die Kostümbildnerin Ulrike Dietrich vom 30. September bis zum 3. Oktober ins Theaterhaus. Ivan Liška und Colleen Scott, die einst mit der Produktion durch die Welt tourten, haben sie neu einstudiert, nachdem die Urheberrechte an Schlemmers Werk 2013 abgelaufen waren.

Festival
„The Explorer:s“, 29./30. September: Drei Astronauten erkunden Königsbau-Passagen (18.30 Uhr) und S-Bahn-Station Mitte (19.30 Uhr). 2. Oktober: „Transmission“ von Ezaket Ekici, 15 Uhr in der Rotunde der Staatsgalerie. 6. Oktober: „Gewöhnliche Körper – Ungewöhnliche Kommunikation“ von Cindy Cordt in der Kriegsbergstraße 30. 7.–9. Oktober: „Hoomans“ von Smadar Goshen, 19 Uhr im Vortragssaal der Staatsgalerie. 8. Oktober: „Das multikordale Konstrukt“ des Kollektivs Multipluralwesen, 15 Uhr auf dem Erwin-Schoettle-Platz. 8. und 9. Oktober: „Das Verschwinden des Körpers“ von Claudia Senoner und Anja Füsti, 15 Uhr im Altbau der Staatsgalerie.

Lektüre
Norbert Stück, Kurator der Kostüme aus dem Archiv der Akademie der Künste, hat in dem lesenswerten Band „Die Abstrakten. Schlemmer und Bohner – Das Triadische Ballett“ (80 Seiten. 13 Euro) den Weg des Bühnenwerks dokumentiert. Weggenossen Schlemmers kommen in „Das Bauhaus tanzt“ von Torsten Blume zu Wort (Verlag E. A. Seemann. 76 Seiten. 14,95 Euro).

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