Leben: Erik Raidt (era)

Ein Windstoß fährt durch die Wipfel, Eicheln prasseln zu Boden. Der Wind zaust Buchen und Ahornbäume, deren Äste sich wie Arme schützend über den Gräbern ausbreiten. Unter ihnen liegen Generationen. Manche Familiengräber fächern die Abfolge der Todesfälle wie Stammbäume auf, die Urahnen gingen längst verschwundenen Berufen nach, linker Hand ruht ein Herr, der als Oberrechnungsrat tätig war. Auf dem Waldfriedhof liegen Menschen, die in Stuttgart geboren und gestorben sind, andere kamen in Antwerpen oder in Hamburg auf die Welt und sind fern ihrer Wiege begraben. Ein Friedhof bietet letzte Gewissheiten, und doch lädt er auch zu Spekulationen über den Lebensweg fremder Menschen ein: Wie könnte er verlaufen sein?

Am Himmel zieht ein Flugzeug eine leise Bahn. Zwischen verwitterten Grabsteinen ragen immer wieder Holzkreuze empor, vor denen kaum verwelkte Blumen stehen. Hier sind die Spuren der Trauer noch frisch und nicht zu Erinnerungen geronnen. An den Gräbern der Prominenten finden sich oft Hinweise, dass sie nicht vergessen wurden. Vor Robert Boschs Grab hängt ein Kranz seiner Firma. Inmitten der Schale voller Erikas, die vor dem Grabstein von Theodor Heuss und seiner Frau Elly Heuss-Knapp steht, leuchtet eine einzelne Rose.

Die Eichen wurzeln im 18. Jahrhundert

Der Waldfriedhof ist ein steinernes Geschichtsbuch mit unzähligen Kapiteln. Hier ruhen der Wiederaufbau-Oberbürgermeister Arnulf Klett, der Maler Oskar Schlemmer, der Grünen-Mitbegründer Willi Hoss, der Fernsehturm-Baumeister Fritz Leonhardt, der Kaufhauskönig Eduard Breuninger und der einstige Leibarzt des Kaisers von Japan. Ohne jene, die hier oben, in Halbhöhenlage, bestattet wurden, sähe das Gesicht der Stadt anders aus. Aber was sind Ruhm und Ehre gegen die Geschichten, die die Bäume an diesem Ort erzählen könnten? Vier Generationen sind eine Winzigkeit für Eichen, die im späten 18. Jahrhundert wurzeln, als Friedrich Schiller seine „Räuber“ schrieb.

Vor einem der Grabsteine hält die Dame aus der Standseilbahn eine stille Zwiesprache. Zweige knacken unter den Schuhen, eine Maus raschelt im Unterholz, der Pfad führt fort von der eleganten Dame, hinüber zu jenem Bereich des Friedhofs, in dem die Grabmale aus Stein seltener werden. Seit einigen Jahren bietet der Waldfriedhof Baumgräber an. Manche wollen ihren Angehörigen die Grabpflege ersparen, ihre Namen finden sich auf Metalltäfelchen, die nur mit einem Nagel in den Baum gehauen wurden. An einer Buche hängen die beiden Tafeln eines Paars. Auf einer von ihnen steht: „In Liebe verbunden.“