Die Schatzalp oberhalb von Davos, früher Sanatorium, heute Hotel, soll Thomas Mann zu seinem Berghof inspiriert haben. Foto: imago stock&people
Wie altert ein Buch, das die Zeit außer Kraft setzt? Vor hundert Jahren ist Thomas Manns „Der Zauberberg“ erschienen. Doch wer mit diesem Jahrhundertroman durch die Erinnerung reist, landet in der Gegenwart.
Hier liegt er vor einem: „Der Zauberberg“, ein Buchgebirge in Gestalt einer auf den doppelten Umfang aufgeblähten, zerlesenen alten Fischer-Taschenbuchausgabe, deren mikroskopisch kleines Schriftbild auf die Leistungskraft eines eher jugendlichen Sehvermögens ausgelegt gewesen sein muss. Dass es einmal lesbar war, darauf deutet ein feines Netzwerk von Unterstreichungen und Markierungen, die sich von vergilbtem, porösem Papier abheben. Individuelle Spuren innerhalb eines vielbegangenen Geländes.
Es mag widersinnig erscheinen, ein Buch, das die Zeit aus den Angeln hebt, den gedankenlosesten Routinen zu unterwerfen, die das Verstreichen der Jahre mit sich bringt: dem kalendarisch bedingten Erinnerungsschub runder Geburtstage. Am 28. November 1924 erschien Thomas Manns Jahrhundertroman. Nicht vielen Werken wird die Gunst zuteil, dass Jubiläen ihres Alterungsprozesses begangen werden. Doch der „Zauberberg“ zählt zu den Büchern, die im Leben Epoche machen.
Thomas Mann im Jahr 1925 Foto: www.imago-images.de/IMAGO
Wurde er auch als eine fleißig ausgebeutete Mine philologischer Bedeutungsproduktion inzwischen von ungezählten Interpretationsgängen ausgehöhlt, und türmen sich auf seinem Rücken ganze Bibliotheken wie Seilbahnstationen in den Schweizer Bergen, so steht am Anfang das subjektive Glück eines Leseerlebnisses, das man nicht so schnell vergisst. Ganz entgegen dem Urteil eines Davoser Tuberkulosespezialisten, der die Diskreditierung des Geschäftsmodells befürchtete, das den abgelegenen Alpenort zum „Mekka der Schwindsüchtigen“ gemacht hat: „Dieser Sensationsroman, ein trübes Destillat einer trüben Zeit, hat bei Ärzten und Tuberkulosekranken Schaden angerichtet, wird aber bald vergessen sein.“
Eine klare Fehldiagnose. „Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen. Er fuhr auf Besuch für drei Wochen.“ So beginnt die Reise nach „dort hinauf“, die auf unabsehbare Zeit der flachen Alltäglichkeit entrückt. Auch wenn die Lektüredauer es mit den sieben Jahren nicht aufnehmen kann, zu denen sich der Aufenthalt im Falle jenes einfachen jungen Menschen namens Hans Castorp streckt, übt die Lesekur in der geistigen Höhenluft des Bergsanatoriums eine nachhaltige Wirkung.
Schwindsüchtiger Luxus
Wie grundsätzlich hier Zeitverhältnisse irritiert werden, zeigt sich auch, wenn man das knappe Handlungsgerüst seiner monumentalen Einkleidung gegenüberstellt. Castorp, ein angehender Hamburger Schiffsbauingenieur von strategischer Mittelmäßigkeit, besucht seinen tuberkulosekranken Cousin, verliebt sich in eine türenschlagende Russin mit Kirgisenaugen, leidet plötzlich selbst unter jenem bakteriellen Mal du Siècle, das in dem mondänen Wolkenkuckucksheim in all seinen kulturellen Begleiterscheinungen entfaltet wird. Er gerät in das diskursive Duell zweier Weltbildantagonisten und findet in der existenziellen Verirrung einer an den Rand des Todes führenden Schneewanderung kurzfristig Orientierung, bevor man ihn schließlich als Teil einer dem Untergang entgegen marschierenden Schattenarmee unter dem Donnerschlag des ersten Weltkriegs aus den Augen verliert. Und schon sind sieben Jahre vorbei.
In der Zwischenzeit wandelt sich Thomas Mann, der im Frühjahr 1912 zum ersten Mal nach Davos reist, um seine Frau Katia im Lungensanatorium zu besuchen, von einem romantisch-reaktionären unpolitischen Betrachter zum engagierten Republikaner. Und die Lesenden haben Bekanntschaft mit einer Reihe von Begriffen, Gegenständen und Personen gemacht, die fortan einen Flashback an die glücklichen tausendseitigen Tage im schwindsüchtigen Luxus des „Berghofs“ auslösen werden: Der Pneumothorax gehört dazu, mittels dem manche Mitglieder des Vereins „Halbe Lunge“ auf dem letzten Loch pfeifen können. Oder die Institution der „Saaltöchter“, die täglich fünf Mahlzeiten im hierarchisch streng gegliederten Speisesaal mit seinen sieben Tischen servieren, darunter ein guter und ein schlechter Russentisch.
Das Sanatorium strotzt vor dankbaren Nebenrollen. Eine der schönsten stammt aus Bad Cannstatt. Mit ihrer Gabe, ambitionierte Ausdrucksweisen wohl anzustreben, aber jeweils knapp zu verfehlen, bringt die tuberkulosekranke Musikergattin Frau Stöhr alle um den Verstand. Sie empfiehlt als Begräbnismusik Beethovens ¬„Erotica“, verwechselt „kosmisch“ und „kosmetisch“, hält den Assistenten des leitenden Arztes für einen „Fomulus“ und spricht statt vom Todeskampf scheiternd vornehm lieber von „Agonje“. Doch sollte man die wackere Schwäbin, deren reales Vorbild ein Nacktmodell gewesen ist, nicht auf die leichte Schulter nehmen: In ihren Bildungsschnitzern klingen alle wichtigen Themen des Romans an.
Überhaupt die Namen: Doktor Blumenkohl oder Adriatica von Mylendonc, die burschikose Oberin, die dem fiebernden Hans Castorp, der sonst lieber „Maria Mancini“ raucht, seine erste „Quecksilberzigarre“ verkauft, und damit die Initiation in die Sphäre der „Hiesigen“ besiegelt. Und wenn man schon bei länglichen Gegenständen ist, wäre an dieser Stelle auch der Bleistift zu nennen, auf den sich der Diskurs des Begehrens zuspitzt. Madame Chauchats Satz „N’oubliez de me rendre mon crayon“ eröffnet eine Liaison, die das in Rede stehende Objekt zugleich in Erinnerung an Castorps männliche Jugendliebe queer überschreibt. Die Wissenschaft, die in der Form von Bleistiften das gestaltende Element der Sexualität zu erkennen glaubt, verkörpert Doktor Edhin Krokowski: „Was treibt er? Seelenzergliederung? Das ist ja widerlich!“ ruft Hans Castorp aus.
Herrschaft des Todes
Doch wäre die zentrale Erkenntnis aus seinen Schneeträumen zwischen hochgestimmtem Humanismus und kannibalistischem Blutmahl nicht zustande gekommen, hätte Thomas Mann nicht ausgiebig den Seelenzergliederer Sigmund Freud studiert. In dessen Essays „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“ liest man: „Wäre es nicht besser, dem Tode den Platz in der Wirklichkeit und in unseren Gedanken einzuräumen, der ihm gebührt“. Der als einziger kursiv hervorgehobene Schlüsselsatz des Romans lautet: „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“ Allerdings ist die hehre Einsicht nach einem üppigen Essen am Abend auch schon wieder verflogen.
Zu den Bestandsverzeichnissen, die der „Zauberberg“ in die kollektive Erinnerung eingeschrieben hat, zählt neben Dingen, Charakteren, Ideen auch eine kleine Geschichte des Wintersports. Die Witwe Hessenfeld liegt im Wettfieber, sie setzt nicht nur auf das Ergebnis von Untersuchungen oder auf den Verlauf sich anspinnender Liebesgeschichten, sondern vor allem „auf gewisse Bobs, Eisschlitten, Schlittschuh- oder Ski-Champions bei sportlichen Konkurrenzen“.
Pionier des Skisports
Unter den berühmten Kurgästen in Davos war nicht nur Robert Louis Stevenson, der dort seinen Roman „Die Schatzinsel“ geschrieben hat, sondern 1894 auch der Sherlock-Holmes-Erfinder Sir Arthur Conan Doyle mit seiner tuberkulosekranken Frau. Auf Skiern legte er den Weg von Davos nach Arosa zurück und schrieb darüber im Londoner Magazin „The Strand“, was der eben aufkommenden winterlich-alpinen Fortbewegungsart einen enormen Popularisierungsschub verlieh. Nur wenige Jahre später kann sich Hans Castorp schon in einem Spezialgeschäft an der Hauptstraße ein Paar schmucker Ski zulegen, „hellbraun lackiert, aus gutem Eschenholz, mit prächtigem Lederzeug und vorne spitz aufgebogen“.
Die Schatzalp auf einer historischen Postkarte Foto: www.imago-images.de/ via www.imago-images.de
Von Schneemassen wie die, von denen er verschluckt wird, kann man heute auch in Davos nur noch träumen. Gleichwohl beschreibt Thomas Mann in der Wettermetaphorik einer außer Kraft gesetzten natürlichen Ordnung schon ein Phänomen, das mit dem Klimawandel zur alltäglichen Erfahrung geworden ist. „Es gibt Wintertage und Sommertage und Frühlings- und Herbsttage, aber so richtige Jahreszeiten, die gibt es eigentlich nicht bei uns hier oben“, klärt der Vetter auf. „Das ist ja eine schöne Konfusion“, antwortet Hans Castorp.
Eingehüllt in Wolldecken verbringt er wie die anderen Berghofbewohner seine Tage mit Liegekuren auf dem Balkon. „Krankheit ist doch gewissermaßen etwas Ehrwürdiges“, sagt er einmal zu seinem Mentor, dem italienischen Humanisten Settembrini, der gegen morbide Sympathien wie diese in sein philanthropisches Hörnchen bläst: „Krankheit ist durchaus nicht vornehm, durchaus nicht ehrwürdig – diese Auffassung ist selbst Krankheit oder sie führt dazu.“
Fragwürdigste Praktiken
Mit dem „Zauberberg“ verschiebt sich der Schauplatz des Gesellschaftsromans von der Großstadt in die Heilanstalt. Hier sammelt sich eine untergehende Welt, die auf die Katastrophen des 20. Jahrhunderts zutaumelt. Vor diesem Hintergrund mag man es für ein bedenkliches Zeichen halten, dass in der Literaturgeschichte der letzten Jahre wieder vermehrt Dependancen des „Berghofs“ eröffnet wurden. Der Heilstättenroman ist auf dem Vormarsch.
In Olga Tokarczuks „Empusion“ spuken weibliche Wesenheiten durch ein schlesisches Sanatorium, um die maskuline Diskurshoheit zu travestieren. Ulla Lenze gräbt in „Das Wohlbefinden“ die Geschichte des Mediums Anna Brenner in den Arbeiter-Lungenheilstätten Beelitz vor den Toren Berlins aus. Sie stößt damit die Tür in die Sphären des mit „Fragwürdigstes“ überschriebenen „Zauberberg“-Kapitels auf, in dem die junge Dänin Ellen Brand, die statt „Fleisch“ immer „Fleich“ sagt, Stimmen aus dem Jenseits hört. Wo einst Spiritismus, Wissenschaft, gesellschaftliche Reformbewegungen und ökonomische Zweckrationalität Hand in Hand gingen, sucht bei Lenze heute die psychisch instabile Content-Managerin einer Wellness-App eine Bleibe – und findet die Geschichte ihrer Urgroßmutter.
Die Depression hat die Tuberkulose als Leiden der Zeit abgelöst. Auf den Tag 100 Jahre nach der Erstveröffentlichung erscheint Heinz Strunks tiefschwarze Übermalung „Zauberberg 2“, worin ein mit Anfang Dreißig schon gründlich abgewirtschafteter Startup-Unternehmer in einer Psychoklinik am Stettiner Haff strandet. Wie Hans Castorp schließlich stumpfsinnig an den schlechten Russentisch durchgereicht wird, durchläuft Strunks Patient eine absteigende Folge von Therapieformen und Medikationen, vorbei an traurigen Existenzen, die eine immer noch trostlosere Wirklichkeit ausgespien hat. Alles verfällt, schließlich das Sanatorium selbst. Einer bleibt zurück, heimgesucht von „Kirgisenträumen“, einem wild geschüttelten „Zauberberg“-Kaleidoskop aus Leere, Verwesung, Lethargie, durchbrochen von einzelnem Türenschlagen. Als hätte Settembrinis dunkler Gegenspieler Naphta die Regie übernommen, jener autoritäre Prediger eines „heiligen Terrors, dessen die Zeit bedarf“. Erstaunlicherweise stammen die abgefahrensten Sätze darin von Thomas Mann selbst.
Zurück im Original ist die „große Gereiztheit“ angebrochen: „Was lag in der Luft? – Zanksucht. Kriselnde Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zu giftigem Wortwechsel, zum Wutausbruch.“ Gibt es eine präzisere Beschreibung des aktuellen gesellschaftlichen Reizklimas? Im Roman folgt nun nur noch der „Donnerschlag“, das „Weltfest des Todes“, der große Krieg. Finis operis.
In der Schweizer Höhenluft konserviert der „Zauberberg“ das Bild einer versunkenen Welt. Aber das ist das Merkwürdige, Zauberhafte und durchaus auch Beunruhigende daran: dass man, mit jedem Schritt in die Erinnerung, der eigenen Wirklichkeit immer näherzukommen scheint.