Timo Kabel ist eine auffällige Figur des Widerstands gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21. Ein Portrait zur 100. Montagsdemo.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Stuttgart - Montags macht der Landschaftsgärtner Timo Kabel pünktlich Feierabend. In seiner Gaisburger Altbauwohnung streift er die Parkschützeruniform über, eilt durchs Treppenhaus, steckt die K-21-Fahne in die eigenhändig gefertigte Halterung am Fahrrad - und zieht in den Kampf.

Zur ersten Montagsdemonstration am 26.Oktober 2009 erschienen fünf Teilnehmer am Nordausgang des Hauptbahnhofs, sie hatten sich in einem Internetforum verabredet. Eine Woche später waren es schon fünfzig, am Montag darauf einige Hundert, darunter Timo Kabel. Er hielt eine Fackel in der Hand, andere hatten selbst gebastelte Lampions mitgebracht. Die Bühne bestand aus einem Brett, das auf zwei Pflanzenkübeln lag. Es gab kein festes Programm und keine offiziellen Redner, nur ein Megafon, das jeder in die Hand nahm, der etwas zu sagen hatte. Wenn eine Parole gut ankam, wurde sie im Chor wiederholt.

Lebendiges Maskottchen

Bald kamen Tausende und riefen das Mantra der Bewegung: O-ben blei-ben, o-ben blei-ben, o-ben blei-ben! Um in der Menge den Überblick zu behalten, stieg Timo Kabel auf einen Steinpoller. Fortan war der 1,68-Meter-Mann mit Fidel-Castro-Rauschebart nicht mehr zu übersehen. Als die Montagsdemonstration vom Nordflügel in die Schillerstraße umzog, stellte das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 ihrem lebendigen Maskottchen eine Kiste als neues Podium bereit. Seitdem fühlt sich Timo Kabel "wie ein Fels in der Brandung".

Längst ist die Montagsdemo für alle Beteiligten Routine. Um halb sechs sperrt die Polizei die Schillerstraße; rings um den Hauptbahnhof kommt es zu Verkehrsbehinderungen. "Wir sind das Wunder!", steht über der Bühne, die eigentlich eine Lastwagenpritsche ist. Timo Kabel steigt auf seine Kiste und blickt sich um: "Das sind heute wieder locker 3000 Leute."

Überlastungsschaden am Knie

Sein Kumpel Matthias schaut kurz vorbei, man kennt sich schon seit den gemeinsamen Jahren auf der Waldorfschule. Matthias wird "der Stelzenmann" genannt, doch zurzeit geht er an Krücken. Überlastungsschaden am Knie, zu viele Demonstrationen auf Stelzen in den vergangenen Monaten.

Auf der Bühne groovt derweil eine stimmgewaltige Brünette den Stephen-Stills-Klassiker "Love the One you're with" - frei übersetzt: Habe den gern, der zufällig neben dir steht. So friedfertig waren die künstlerischen Botschaften nicht immer. An einem Montag ließ der Staatstheater-Regisseur Volker Lösch seinen Bürgerchor Texte des blutrünstigen Revolutionärs Jean Paul Marat skandieren.

Jeder Stuttagrter kennt die Bedenken

Neben solchen kulturellen Schmankerln gibt es montags viel trockene Kost. Die Redner fürchten um die alten Bäume im Schlossgarten, den denkmalgeschützten Bonatz-Bau oder die Mineralquellen im Untergrund. Jeder Stuttgarter kennt die Bedenken in- und auswendig. Einzelne Referenten beackern Spezialgebiete wie "Integraler Taktfahrplan", "Tunnelbohrungen in Gipskeuper" oder "Die Architektur der Stuttgarter Überwerfungsbauwerke".

Das Publikum ist selbst für oft Gehörtes und schwer Verdauliches empfänglich; es klatscht, trötet und grölt die bewährten Schlachtrufe. Mappus, Gönner und Rech sind zwar weg, aber man kann immerhin die Bahn-Manager als "Lü-gen-pack, Lü-gen-pack, Lü-gen-pack!" beschimpfen. Sowie die halbe grün-rote Landesregierung, weil die SPD-Führung ja offiziell hinter dem Milliardenprojekt steht.

Seine K-21-Flagge hisst er auch im Sommerurlaub

Timo Kabel ist mit seinen 44 Jahren bereits ein Alt-Linker. Er wuchs im roten Stuttgarter Osten auf. Sein leiblicher Vater, sein Stiefvater, seine Mutter - alles Sozis. Timo Kabel sagt, in der SPD habe man den Parteimitgliedern von Anfang an eingebimst, dass sie Stuttgart 21 gefälligst gut finden sollten. Doch er ist überzeugt, dass der kleine Mann nichts von dem Großprojekt hat. Warum Spitzengenossen wie der Fraktionsvorsitzende Claus Schmiedel sich beim Thema Bahnhof mit der CDU-FDP-IHK-Sippe verbünden, bleibt Kabel rätselhaft. "Man muss als Sozialdemokrat heutzutage keinen Klassenkampf mehr betreiben", sagt er. "Aber man muss auch nicht gleich zum Interessenvertreter der Wirtschaft mutieren." Zum Glück gibt es die Parteifreundin Hilde Mattheis. Die Vizelandesvorsitzende der SPD unkt, was sich bei einer Montagsdemo zu unken gehört - die Kosten beim Bau eines Tiefbahnhofs werden ausufern. Kabel ruft: "Schmie-del weg! Schmie-del weg!"

Man kann Timo Kabel für die Leidenschaft bewundern, mit der er seine Überzeugung vertritt. "Acht Stunden arbeite ich, sechs Stunden schlafe ich, die restliche Zeit kämpfe ich gegen den Tiefbahnhof", sagt er. Seine K-21-Flagge hisst er auch im Sommerurlaub am Strand von Amrum oder auf der Hochzeitsreise mit seiner Frau Janina vor den Pyramiden von Gizeh.


Aber wo endet Passion, und wo beginnt Obsession? Timo Kabel erzählt, wie er bei der 36. Montagsdemonstration den Nordflügel mit einer Leiter erklommen hat, als hätte er den Mount Everest bestiegen: "Wow, tolle Aktion, da wurde ein Zeichen gesetzt." Oder er beschreibt, wie er bei der 79. Montagsdemo die Baustellenbesetzung empfand: "Medial lief die Sache gut, weil wir wieder in den Schlagzeilen waren." Freilich wurde in den Tageszeitungen vor allem über einen verletzten Polizisten berichtet.

Kabel glaubt, dass die Demonstranten einen Querschnitt der Gesellschaft repräsentieren. "Ich rede hier mit Menschen, mit denen ich sonst nie in Kontakt kommen würde." Doch sehen jene Mitstreiter, die ihn von unten auf seiner Kiste ansprechen, genauso linksalternativ aus wie er selbst. Der Sozialforscher Dieter Rucht, der während einer Montagsdemo mehrere Hudert Teilnehmer befragt hatte, kam zu dem Schluss: das Gros der Protestierenden ist nicht mehr jung, gut gebildet und wählt Grün. Dieses Milieu hat sich zu einer Bürgerbewegung zusammengeschlossen, die den Kopfbahnhof verteidigt. Im vergangenen Jahr zählte das Aktionsbündnis regelmäßig 5000 bis 10.000 Montagsdemonstranten. Am 4.Oktober 2010, nach dem "schwarzen Donnerstag", versammelten sich gar 50.000 Menschen. Auch während der Schlichtungsgespräche war der Zulauf beachtlich.

Dagegen-Republik mit Ursprung in Stuttgart

Doch als Heiner Geißler sein Urteil gefällt hatte, wurde nicht nur die Resonanz beim Publikum geringer, sondern auch die Rezeption in den Medien negativer. Die anfängliche Sympathie für die aufmüpfigen Schwaben verflog. Stattdessen wurde das Bild vom rückwärtsgewandten Wutbürger gezeichnet und von einer Dagegen-Republik, die ihren Ursprung in Stuttgart hat.

Während etwa die "Süddeutsche Zeitung" im August 2010 noch entzückt feststellte, dass "die neue Art politischer Beteiligungskultur Baden-Württembergs Hauptstadt aus ihrer Beschaulichkeit reißt", urteilte dasselbe Blatt kürzlich: "Der Protest gegen einen modernen, unterirdisch organisierten Bahnhof war das Initial der neuen, trillernden und buhenden Tiradengesellschaft." Die Protestler seien selbstgerecht, lautet der Vorwurf. Sie täten nur so, als ob sie das Allgemeinwohl im Auge hätten.

Rockenbauch, der Popstar der Bewegung

"Ist es egoistisch, wenn man verhindern will, dass Steuergelder verschwendet werden?", fragt Timo Kabel. Die Schlichtungsgespräche, die grün-rote Landesregierung, die erste Volksbefragung in der Geschichte Baden-Württembergs - all das habe erst der Aufstand der Bürger ermöglicht. "Bis zu den Montagsdemos scherte sich die Politik doch einen Scheißdreck um die Kritik an S21", sagt er. "Nur durch unsere Hartnäckigkeit hat sich das geändert."

Die 99. Montagsdemo verläuft wie die meisten Montagsdemos: keine besonderen Vorkommnisse. Die einzige Neuigkeit ist ein "Spendentool per Handy", das Hannes Rockenbauch vorstellt, der rothaarige Popstar der Bewegung. Einfach eine SMS mit dem Stichwort "Ausstieg" an die Nummer 81190 senden, und schon hat man den Kampf für den Kopfbahnhof mit fünf Euro unterstützt. Bei der Nutzung von Kommunikationsmitteln sind die Stuttgart-21-Gegner gewiss nicht fortschrittsfeindlich.

Punkt 19 Uhr gibt's den Schwabenstreich, das tägliche Lärmritual mit Trommeln und Tröten. Dann ziehen die Montagsdemonstranten über die Theodor-Heuss-Straße zum Schlossplatz. Unterwegs klebt Timo Kabel "Ja zum Ausstieg"-Bäbber an Haltestellen, Leuchtreklamen und Parkplatzschilder. Schon dreimal wurde er beim "unerlaubten Plakatieren" von der Polizei erwischt, 470 Euro Strafe musste er zahlen. Timo Kabel macht trotzdem weiter.

100. Montagsdemo: Die heutige Demonstration findet um 18 Uhr nicht auf der Schillerstraße statt, sondern dort, wo der Protest begann: am Nordausgang des Hauptbahnhofs.