100. Todestag Die Wunde Kafka
Vor hundert Jahren starb Franz Kafka. Seine literarische Erkundung der menschlichen Verletzbarkeit ist in der krisengezeichneten Gegenwart aktueller denn je.
Vor hundert Jahren starb Franz Kafka. Seine literarische Erkundung der menschlichen Verletzbarkeit ist in der krisengezeichneten Gegenwart aktueller denn je.
Verletzbarkeit bildet ein Grundgefühl der Gegenwart. Pandemien, Kriege und der Klimawandel haben in den vergangenen Jahren eindringlich vor Augen geführt, wie verwundbar Menschen, politische Ordnungen und der Planet sind. Entsprechend nimmt der Begriff der Verletzbarkeit mittlerweile in zahlreichen Disziplinen eine Schlüsselstellung ein: in der Medizin, den Umweltwissenschaften, der Entwicklungspolitik, der Philosophie und zuletzt vermehrt auch in der Literaturwissenschaft.
Ein Schriftsteller, der bereits vor hundert Jahren verschiedenste Facetten der Vulnerabilität ausgeleuchtet hat, ist Franz Kafka. Als Angestellter der Arbeiter-Unfallversicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen war er tagtäglich mit der Verletzbarkeit des menschlichen Körpers konfrontiert. So klagt er in einem Brief an Max Brod: „[W]as ich zu tun habe! In meinen vier Bezirkshauptmannschaften fallen […] wie betrunken die Leute von den Gerüsten herunter, in die Maschinen hinein, alle Balken kippen um, alle Böschungen lockern sich, alle Leitern rutschen aus, was man hinauf gibt, das stürzt hinunter, was man herunter gibt, darüber stürzt man selbst. Und man bekommt Kopfschmerzen von diesen jungen Mädchen in den Porzellanfabriken, die unaufhörlich mit Türmen von Geschirr sich auf die Treppe werfen.“
Unter dem wenig poetischen Titel „Unfallverhütungsmaßregel bei Holzhobelmaschinen“ veröffentlichte Kafka einen Artikel, in dem er für die Einführung „runder Sicherheitswellen für Holzhobelmaschinen“ wirbt. Während von den Vierkantwellen leicht Fingerglieder oder gar ganze Finger abgeschnitten würden, bewirke die Bauart der runden Sicherheitswellen, „dass nur ganz unbedeutende Verletzungen sich ereignen können, Risswunden, die nicht einmal Unterbrechungen der Arbeit zur Folge haben“.
Aus dem Artikel Kafkas geht deutlich hervor, wie sehr seine Arbeit ein beständiges Nachdenken über die potenzielle Verletzbarkeit des menschlichen Körpers erforderte. Gewissermaßen ist die Unfallversicherungsanstalt eine Institution, deren ganze Existenz auf der körperlichen Vulnerabilität gründet – wären Menschen unverwundbar, gäbe es keinen Anlass für Versicherungen.
Mit der Verletzbarkeit des Körpers setzte sich Kafka nicht nur in seinem Brotberuf, sondern auch in seinem literarischen Schaffen intensiv auseinander. Sein Werk gleicht einem großen Lazarett, in dem sich alte, kranke und verletzte Körper tummeln. Insbesondere das Motiv der Wunde bildet einen blutroten Faden, der zahlreiche Erzählungen durchzieht: Zu denken ist etwa an die „schwere Verwundung“ des in einen Käfer verwandelten Gregor Samsa, die vernarbte Schusswunde des Affen Rotpeter in „Bericht für eine Akademie“ oder die Verletzungen, die der Folterapparat in der „Strafkolonie“ zufügt. Die vielleicht eindrucksvollste Wundenschilderung findet sich jedoch in der Erzählung „Ein Landarzt“. Dort wird beschrieben, wie der titelgebende Protagonist nachts an das Krankenbett eines kleinen Jungen eilt und in dessen Hüfte eine „handtellergroße Wunde“ gewahrt: „Rosa, in vielen Schattierungen, dunkel in der Tiefe, hellwerdend zu den Rändern, zartkörnig […]. Wer kann das ansehen ohne leise zu pfeifen? Würmer, an Stärke und Länge meinem kleinen Finger gleich, rosig aus eigenem und außerdem blutbespritzt, winden sich, im Innern der Wunde festgehalten, mit weißen Köpfchen, mit vielen Beinchen ans Licht. Armer Junge, […] an dieser Blume in deiner Seite gehst du zugrunde.“
Die Beschreibung der Wunde gibt viel Anlass zum Wundern: Seit wann haben Würmer Beinchen? Warum sollte man bei einem so widerlichen Anblick ausgerechnet pfeifen wollen? Und was verbindet eine klaffende Fleischwunde mit einer Blume? Die Rätselhaftigkeit und Deutungsoffenheit des Bildes hat in der Forschung viel Irritation hervorgerufen und zu einer stattlichen Anzahl an Interpretationen geführt: Man deutete die Wunde als Verweis auf die Seitenwunde Christi; als Anspielung auf Baudelaires Fleurs du Mal; als Bild für Kafkas Lungentuberkulose – und schließlich als Metapher für den Text selbst, der ebenso offen und rätselhaft sei wie eine Wunde.
All diese Interpretationen sind bis zu einem gewissen Grad sehr überzeugend. Und doch vermag keine das Wundern über die Wunde gänzlich zu beenden und das Rätsel zu lösen. Wenn die Wunden hier mit dem Wundern verbunden werden, soll das nicht einfach nur ein mittelmäßiges Wortspiel sein, sondern auf einen Zusammenhang zwischen beiden verweisen: Gewissermaßen zwingen Kafkas rätselhafte Texte die Lesenden in die Rolle von Landärzten, die versuchen, die offene Wunde des Wunderns zu schließen und zu heilen. Und ebenso wie der Landarzt in der Erzählung daran scheitert, die Ursache und Art der Verletzung zu verstehen, haben alle Interpretationen ihren wunden Punkt, an dem etwas unauflösbar Rätselhaftes bestehen bleibt. Die Wunden in den Texten Kafkas wurden von der Forschung zu Recht als „Grenzen der Deutbarkeit“ charakterisiert. Wenn gerade die Wunden eine eigentümliche Deutungsresistenz besitzen und sich der interpretatorischen Vereindeutigung widersetzen, so begegnet hier eine Verbundenheit von Vulnerabilität und Widerstand, die auch in weiterer Hinsicht bezeichnend für das Werk Kafkas ist.
Gemeinhin könnte man Vulnerabilität und Widerstand als zwei diametral entgegengesetzte Begriffe betrachten: „Verletzbarkeit“ weckt Assoziationen von Handlungsohnmacht, Schwäche und Passivität. Widerstand hingegen lässt an eine kämpferisch-kraftvolle, aktive Haltung denken. Gegenüber dieser Annahme hat die US-amerikanische Philosophin Judith Butler die These vertreten, dass Verletzbarkeit keineswegs notwendig eine Haltung passiver Ohnmacht beschreibt, sondern auch eine widerständige, aktivistische Kraft entfalten kann.
Das widerspenstige Potenzial der Vulnerabilität lässt sich an zahlreichen Protestformen der Gegenwart beobachten: So erinnern die Aktionen der Letzten Generation eindringlich an die Verletzlichkeit des Planeten. Vulnerabilität wird jedoch nicht nur verbal thematisiert, sondern auch performativ in Szene gesetzt – wer am Boden vielbefahrener Straßenkreuzungen festklebt, befindet sich in einer Situation existenzieller Gefahr. Die Wunden, die beim Ablösen des Sekundenklebers entstehen, bezeugen bildhaft die Verletzbarkeit des Menschen.
Auch die Black-Lives-Matter-Bewegung inszeniert sich gerade nicht als unverwundbar, sondern erinnert nachdrücklich an die Fragilität und Bedrohtheit des menschlichen Lebens – zum Slogan der Bewegung wurden 2020 die Worte „I can’t breathe“, die an die tödliche Verletzung George Floyds erinnern.
Die Verbindung von Vulnerabilität und Widerstand, die in Theorien und Protestformen der Gegenwart eine zentrale Rolle spielt, findet sich im Werk Kafkas vorgeprägt. Seine Darstellungen von Verletzbarkeit besitzen stets ein Moment des Widerständigen und des Aufbegehrens – des Aufbegehrens gegen die Gewalt einer patriarchalen Gesellschaft, gegen die Entfremdungserfahrungen der kapitalistischen Welt und gegen die Naturausbeutung. Natürlich sind seine Figuren weit davon entfernt, aktivistische Widerstandskämpfer zu sein. Ebenso wenig lässt sich aber sagen, dass sie reibungslos im Getriebe der Gesellschaft funktionierende Rädchen wären.
Gerade in ihrer nuanciert dargestellten Verletzbarkeit üben Kafkas Protagonisten Widerstand gegen das Ideal eines unverwundbar-robusten, souveränen Subjekts. Dies zeigt sich etwa an der „Verwandlung“: Zunächst könnte man den hinkenden Käfer mit seiner eiternden Wunde als Inbegriff eines verletzlichen, ohnmächtigen und hilfsbedürftigen Körpers wahrnehmen – er schafft es kaum, alleine aus dem Bett aufzustehen, kann nicht mehr zur Arbeit gehen und verspürt einen „brennenden Schmerz“. Gleichzeitig aber wird er in eben dem Maße, in dem seine Verletzbarkeit hervortritt, auch zu einer Figur des Widerstands.
So haben marxistische Analysen überzeugend herausgearbeitet, dass sich die Verwandlung in den Käfer auch als Rebellion gegen eine kapitalistische Gesellschaft deuten lässt, die gänzlich von der Ausbeutung, Instrumentalisierung und Verdinglichung des menschlichen Körpers beherrscht ist. Vor seiner Verwandlung war Gregor Samsa ein Mensch, der „nichts im Kopf [hatte] als das Geschäft“ und jeden Morgen um fünf Uhr vom „möbelerschütternden Läuten“ eines Weckers aus dem Schlaf gerissen wurde. Als er es nicht schafft, den ungelenken Käferkörper aus dem Bett zu hieven und pünktlich im Büro zu erscheinen, denkt er angstvoll an den Krankenkassenarzt, für den es „nur ganz gesunde, aber arbeitsscheue Menschen gibt“. In dem Maße, in dem Gregors Verletzbarkeit sichtbar hervortritt, wird er zur Provokation einer Welt, die nur starke, leistungsfähige Körper duldet.
Mit den Aktivisten der Letzten Generation verbindet Gregor nicht nur die Tatsache, dass an seinen „Beinchen […] ein wenig Klebstoff“ hängt. Wie die Klimakleber den Berufsverkehr blockieren, um an die grundlegende Verletzbarkeit der Natur zu erinnern, so unterbricht Gregors Verwandlung die gewohnten Arbeitsabläufe, verunmöglicht seine Geschäftsreise und lenkt den Blick auf die Vulnerabilität des Körpers. Der unbeweglich am Boden liegende Käfer widersetzt sich einer Gesellschaft, die Verwundbarkeit verleugnet und mobile, arbeitsfähige Subjekte fordert. Stattdessen erscheint Gregor Samsa als vulnerables Naturwesen. Zum Werk Kafkas schreibt Theodor W. Adorno: „Anstelle der Menschenwürde, des obersten bürgerlichen Begriffs, tritt bei ihm das heilsame Eingedenken der Tierähnlichkeit […]. Kafka verherrlicht nicht die Welt durch Unterordnung, er widerstrebt ihr durch Gewaltlosigkeit.“ Gerade der Gewaltlosigkeit und Schwäche wird hier eine widerständige Kraft zugesprochen.
Als tierähnlich stellte Kafka auch sich selbst dar. Um den Einfluss des Dramatikers Heinrich von Kleist auf das eigene Werk zu veranschaulichen, schreibt er in einer Postkarte: „Kleist bläst in mich, wie in eine alte Schweinsblase.“ Bei Schweinsblasen handelt es sich um Schlachtabfälle, die zum Instrumentenbau verwendet wurden. Wie die Literaturwissenschaftlerin Claudia Liebrand gezeigt hat, nimmt Kafka den Topos der dichterischen Inspiration wörtlich, verkehrt ihn aber in einen profan-obszönen Akt: Der Dichter erscheint in dem Vergleich nicht als souveränes, aus sich selbst heraus schaffendes Genie, sondern vielmehr als passiv-rezeptive Schweinsblase, in die andere hineinblasen. Auf diese Weise avanciert der Schlachtabfall – und damit ein versehrter Leib –zum Resonanzkörper für die Kunst.
Autorin
Aglaia Kister, 1994 in Tübingen geboren, arbeitet als Postdoc am Germanistischen Institut der Universität Bern. Sie studierte Literatur- und Kulturtheorie in Tübingen und Zürich sowie Germanistik und Philosophie. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Kritische Theorie, Literatur und Emotionen sowie Thomas Mann.