Zum tausendsten Mal gibt es am Freitagabend um Viertel nach acht „Wer wird Millionär?“. Da werden wieder Millionen zuschauen.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Köln - Als am 3. September 1999 Günther Jauch zum ersten Mal auf RTLWer wird Millionär??“ moderierte, begann landauf, landab ein großes Gelächter. Die Öffentlich-Rechtlichen lachten, weil der Privatsender zur besten Sendezeit so etwas unendlich Verstaubtes wie ein Ratespiel präsentierte. Die Kollegen von Jauch lachten, weil sich damit der ansonsten so gebildet wirkende TV-Journalist mit der Rolle des Abfrageonkels begnügte. Die Feuilletons lachten, weil sich in diesem Wissensabfragen im Multiple-Choice-Verfahren der ganze Niedergang des kritischen Abendlandes manifestierte. Und auch das Publikum lachte. Und zwar aus Vergnügen.

Von all den eben Genannten lacht jetzt nur noch das Publikum. Alle anderen sind inzwischen mit stillem Neid oder nervigem Nachmachen beschäftigt: RTL teilt soeben mit, dass in den zurückliegenden zwölfeinhalb Jahren und 999 Sendungen mehr als 2000 Kandidaten über 26 000 Fragen beantwortet und dabei insgesamt über 95 Millionen Euro an Gewinnen erspielt haben. Sechs Menschen wurden bei „Wer wird Millionär?“ tatsächlich Millionär. Und all diese Investitionen lohnen sich dank hoher Einschaltquoten sehr für den Kölner Privatsender – dank teurer Werbeblöcke, dank unzähliger Kandidaten-Bewerbungsanrufe und Zuschauer-Raterunden bei teuren Telefonnummern. Viel Geld, das im Grunde faszinierend simpel verdient wird.

Und das Faszinierendste an diesem Erfolg ist, dass sich in all den Jahren an „Wer wird Millionär?“ so gut wie nichts geändert hat. Der Kenner weiß, warum; das Quizformat ist schließlich ein internationales Produkt des holländischen Unternehmens „2waytraffic“. Es läuft in Fernsehprogrammen in aller Welt – überall mit dem gleichen Ablauf, dem gleichen Vorspann, der gleichen Musik, den gleichen Möbeln, im exakt gleichen Design. Es sind allerhöchstens Nuancen, die sich wandeln dürfen. Vor einigen Jahren führte RTL einen weiteren Publikumsjoker ein. Seit einigen Wochen kann man die drei Telefonjoker eines Kandidaten kurz auf kleinen Bildchen bewundern. Das muss reichen an Abwechslung.

Wer allerdings schon mal auf Reisen die Gelegenheit hatte, andere „Wer wird Millionär?“-Ausgaben zu sehen, wird schnell feststellen: Das Design ist täuschend echt, aber die RTL-Ausgabe trotzdem besser. Sie wirkt – was bei all dem Vorgestanzten ja ein Widersinn ist – frischer und spontaner, ungekünstelter. Und all dies geht natürlich vor allem auf sein Konto: ohne Günther Jauch wäre das deutsche „Wer wird Millionär?“ (bei Fans kurz WWM genannt ) so beliebig wie, sagen wir mal, in Österreich.

Manche Kandidaten mag Jauch

Wohl kein WWM-Moderator nimmt sich auf seinem Drehstuhl so viel Freiheiten wie Günther Jauch. Neben den sehr unterschiedlich gestrickten Kandidaten ist es vor allem sein Spiel mit eben diesen, was die sechzig Minuten am Montag- und Freitagabend so abwechslungsreich macht. Der geübte WWM-Zuschauer weiß: manche Kandidaten mag Jauch. Die lässt er zumindest bis zur achten Frage nicht völlig unnötig in irgendwelche Fallen tappen. Andere Kandidaten dagegen, vor allem allzu forsch Vorlaute bei gleichzeitig existierender Selbstüberschätzung, erregen Jauchs Immunabwehr. Sie werden durch komplexes Minenspiel in Zweifel und Verunsicherung getrieben, und zwar fieserweise selbst dann, wenn sie bei einzelnen Antworten zufällig mal richtigliegen.

Bei manchen Kandidaten täuscht sich Jauch in der Einschätzung. Aber er ist lernfähig. Bei anderen Kandidaten ist es ein Smalltalk mit dem Telefonjoker, den Jauch zur kabarettreifen Nummer ausbaut. Manche Kandidaten (jene, die er mag) beschimpft er, weil sie die Joker unnötig einsetzen. Anderen (denen, die er nicht mag) zieht er sie aus der Tasche. Dem zuzuschauen ist herrlich. Längst legendär ist seine an sich so harmlose Zwischenfrage: „Was wollen Sie eigentlich mit Ihrem Gewinn anfangen?“ Aus solcher Routine ergeben sich oft die witzigsten Fachsimpeleien über Automarken, Kachelfarben oder Reiserouten. Wo sich andere TV-Moderatoren peinlich dem Publikum anbiedern, bleibt Jauch schlicht auf Augenhöhe. Und gewinnt.

Ach ja, noch ein Faszinosum dieser Reihe: am schönsten ist „Wer wird Millionär?“ immer dann, wenn es ganz normal ist. Aus Feier der tausendsten Folge am Freitagabend kommen natürlich wieder Promis vorbei, darunter die üblichen Pocher-Schönebergers. Aber die schauspielern ja dann doch nur wieder, wie sie überall schauspielern, und auch Jauch wird dann leider zum Schauspieler. Der wahre Fan weiß darum: die eigentliche Jubelsendung zum Jubiläum läuft erst am kommenden Montag. Wenn das Ritual exakt so verläuft wie immer. Und darum ständig Überraschungen bietet. WWM kann weiterlaufen. Auch für Jauch gilt: Rente frühestens mit 67.

RTL, 20.15