Beim Katholikentag kämpfen vom Zölibat betroffene Frauen gehen diese Kirchenregel. Ihre Geschichten sollen Betroffenen Mut machen.

Lokales: Martin Haar (mh)

Der Mann, der am Stand von Regina Fehrenbacher und Stefanie Eisele meint es nicht böse. Aber sein Tonfall und seine abfällige Handbewegung lassen es vermuten: „Ach“, brummt der Diakon, „das wird in dieser Kirche doch nie was“. Er meint die Abschaffung des Pflichtzölibats. Also das Thema, das die beiden Frauen an ihrem Stand im Stadtgarten in die Welt tragen wollen. Und beide wissen, wovon sie reden. Sie haben jahrelang im Stillen und Verborgenen ihre Liebe mit einem katholischen Priester gelebt. Und womöglich würden sie sich heute noch heimlich treffen, wenn ihre Männer sich nicht ganz bewusst für die Liebe und gegen die Kirche entschieden hätten.

In welchem Dilemma sich Männer in so einer Konstellation befinden, erklärt der brummelige Diakon: „Da schlagen zwei Herzen, zwei Berufungen in der Brust. Und du weißt nicht, welcher du folgen sollst. Es ist eine Zerreißprobe.“ Aber selbst wenn sich die Priester eines Tages für ihre Frau entschieden haben, sei längst nicht alles in Butter. „Viele fallen in ein tiefes Loch, manche verfallen gar dem Alkohol“, sagt Regina Fehrenbacher. Schuldgefühle zerstören Existenzen. Loyalitätskonflikte fressen Seelen.

Ausstieg kann in einer Katastrophe enden

Bei ihr und ihrer Schicksalsgenossin war Gott sei Dank alles anders, alles besser. Sowohl am Tag, als die Männer ihrem Bischof die Abkehr vom Priesteramt mitteilten, aber auch im neuen Leben mit Frau und Kind. „Bischof Stephan Burger hat die ganze Sache sehr respektvoll behandelt. Er war sehr um gute Lösungen bemüht“, sagt Stefanie Eisele, sie kennt aus Erzählungen auch andere Fälle: „Es gibt auch Diözesen, wo es nicht so gut läuft.“ Bei solchen Bischöfen könne der Ausstieg auch in einer Katastrophe enden. Denn diese Bischöfe fürchten solche Fälle wie der Teufel das Weihwasser. Und wenn ein Priester doch seine Liebe zum anderen Geschlecht entdeckt, wird dies zum unrühmlichen Einzelfall bagatellisiert. „Und das schon seit 40 Jahren“, sagt Eisele und merkt an: „So lange gibt es unsere Initiativgruppe vom Zölibat betroffener Frauen schon.“

Seither treffen sich Frauen, die sich in einer heimlichen Beziehung zu einem katholischen Priester befinden oder die Priesterkinder alleine erziehen. Wie viele Frauen und Priester davon betroffen sind, ist unklar. „Viele“, sagt Stefanie Eisele nur, aber eine genaue Zahl könne sie nicht nennen. Nur so viel: In Deutschland gibt es laut einer Statistik von 2020 insgesamt 12 565 katholische Priester. Als sicher gilt: Eine beträchtliche Zahl davon hat eine Geliebte. Die Schweizer Frauenrechtlerin Gabriella Loser Friedli ist der Meinung: „Nur ein Viertel aller Priester lebt wirklich keusch. Im Maximum! Es ist eine Farce.“

Rivalin zur heiligen Mutter Kirche

Dieses Schicksal verbindet die Frauen. Die Erfahrung, als Rivalin zur heiligen Mutter Kirche gesehen zu werden. Das mögliche Getuschel des Umfeldes und der Kampf um Anerkennung. Und wieder scheint es Stefanie Eisele besser erwischt zu haben, als manch andere Leidensgenossin. Sie lebte nicht in der Paranoia, erwischt zu werden. Sie musste ihrem Freundes- und Familienkreis nichts vormachen. Ihr engstes Umfeld war eingeweiht. „Und nach Außen gaben wir uns ganz normal. Wir gingen wie gute Freunde ins Kino oder Restaurant.“ Gleichwohl musten alle gemeinsamen Aktivitäten gut organisiert sein. Ohne diese Fesseln und Hindernisse lasse sich so ein Leben nicht führen. Das bedeutet, Stefanie Eisele hat viele Jahre (die genau Zahl will sie nicht verraten) damit verbracht, unwahrhaftig und nicht authentisch zu leben. Kraft in diesem Kampf gab ihr auch ihr Mann: „Bei Gewissenskonflikten hat er immer zu mir gesagt: Du bist ein Geschenk Gottes.“

„Geschenk des Himmels“

Als Geschenk des Himmels sehen beide Frauen auch ihr heutiges Leben. Regina Fehrenbacher bezeichnet es als „einen Sechser im Lotto“, dass er in der hospizlichen Seelsorge der Stiftung Liebenau arbeiten dürfe und heute mehr Zeit für Seelsorge habe als früher. Auch der Mann von Stefanie Eisele hat sein neues berufliches Glück gefunden. Er arbeitet für den Caritasverband Freiburg als Referent für Integration und Migration. Das Leben hat es mit beiden Paaren noch einmal gut gemeint. Und doch kämpfen Fehrenbacher und Eisele für alle Frauen und Männer, denen es schlechter geht. Und sie kämpfen um eine Abschaffung des Pflichtzölibats. Dass dies keine irrwitzige Forderung ist, zeigen die Ostkirchen. In Griechenland, Russland und der Ukraine dürfen Priester heiraten. Denn offensichtlich ist keiner vor dem Pfeil Amors gefeit. Selbst den heutigen Papst hat er mal getroffen. Als junger Seminarist sei er einmal so verliebt gewesen, „dass sich mir der Kopf drehte“, gab Franziskus zu. Doch im Zölibat sieht er eine kulturelle Überlieferung, mit der man zehn Jahrhunderte lang überwiegend positive Erfahrungen gemacht habe. Deshalb sei er grundsätzlich für die Beibehaltung des Zölibats und schob noch ein „zurzeit“ hinterher.

Genau das und die Einlassung von Papst Johannes XXIII. mit dem französischen Philosophen Etienne Gilson macht vielen in Stille leidenden Mut und Hoffnung: „Der Gedanke an jene Priester, die unter der Last des zölibatären Lebens stöhnen, bereitet mir fortwährendes Leid. Der kirchliche Zölibat ist kein Dogma. Die Heilige Schrift schreibt ihn nicht vor.“

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