Ein kurzes, intensives Erlebnis ohne Worte: Beim Solo für zwei trifft die Musik einen einzelnen Gast mit Wucht. Stuttgart feiert das 1:1-Festival. Unser Autor hat ein Blind Date der Kunst in einer Villa auf Halbhöhe erlebt.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Stuttgart - Wer die Villa von Kristina Pilz betritt, muss sein Handy ausschalten und darf der Stille folgen. Für zehn Minuten wird man kein einziges Wort sprechen und sich innerlich für einen Genuss frei machen, von dem man noch keine Einzelheiten kennt. Bitte schweigen beim Blind Date der Kunst!

Das vor sieben Jahren erbaute Haus mit atemberaubender Aussicht sieht aus wie ein Prachtexemplar aus „Schöner Wohnen“ und befindet sich an der Richard-Wagner-Straße in der Nähe des Amtssitzes des Ministerpräsidenten. „Früher haben wir gesehen, wie Herr Kretschmann morgens mit Trainer zum Joggen aufgebrochen ist“, sagt die Eigentümerin. Jetzt empfängt Kristina Pilz Gäste, die etwas ganz Besonderes erleben dürfen, von dem gegenüber der Regierungschef allenfalls träumt.

Beifall, Selfies und Worte sind unerwünscht

Die Musikliebhaberin steht an der Straße vor ihrer Villa, in einem Bereich, wo man noch reden darf. Die gastfreundliche Hausherrin erklärt die Regeln, die beim Stuttgarter 1:1-Festival von der Staatsoper und anderen gelten. Ein Musiker – sie nennt weder Namen noch Instrumente – wird für zehn Minuten für nur einen Gast spielen. „Auf Beifall, Selfies und Worte sollte man verzichten“, sagt sie.

Kristina Pilz erinnert an Marina Abramovic, die sich 2010 im New Yorker MoMA auf einen Stuhl gesetzt hat. Auf der anderen Seite stand ein zweiter Stuhl, auf den sich abwechselnd Besucher setzen durften, die von der Performancekünstlerin schweigend betrachtet wurden. Die Vier-Augen-Performance stammt also aus einer Zeit vor der Pandemie. In Stuttgart ist die zweite Auflage des coronakonformen Festivals ein Publikumshit. Alle 500 Termine an besonderen Orten sind ausgebucht. Die Oper hat eine Warteliste eingerichtet. Neben der Musik machen diesmal auch Tanz, Schauspiel, Puppenspiel und Artistik mit. Wer eines dieser Privatkonzerte erleben will, zahlt keinen Eintritt, wird aber um eine Spende gebeten. Außerdem verwendet die Oper das Geld eines Innovationspreises zum Verteilen an freischaffende Künstler, die im Lockdown finanziell schwer getroffen wurden. Festangestellte Orchestermitglieder treten kostenlos auf, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen.

Was denkt der Unbekannte wohl?

Jetzt kann es losgehen! Das Handy ist ausgestellt, voller Vorfreude steigt der Gast hinauf in den ersten Stock der „Villa Riwa“, wie sie beim 1:1-Festival heißt – Riwa wie Richard-Wagner-Straße. Nein, Richard Wagner wird nicht gespielt in dem großzügigen Wohnareal, das lichtdurchflutet ist, da die Fenster von der Decke bis zum Boden reichen. Erst einmal wird nichts gespielt. Der Musiker – später wird der Gast erfahren, dass es Holger Koch ist, Violinist des Staatsorchesters – sitzt stumm auf seinem weißen Gitterstuhl. Der zweite Gitterstuhl an der Wandseite, etwa zwei Meter entfernt, ist frei. Der Gast nimmt darauf Platz. Auf dem Boden ist ein Rahmen gesetzt um beide. Die Blicke von zwei Männern, die sich nie zuvor gesehen haben, treffen sich. Der Musiker sitzt direkt vor der Fensterfront, mit dem Rücken zum Talkessel. Ist es unhöflich, wenn man die Panoramaussicht genießt, statt dem eindringlichen Blick des Musikers standzuhalten? Was denkt der Unbekannte wohl?

Auf Distanz sind sich zwei Fremde doch noch nah gekommen

Sein Blick wirkt fordernd. Der Musiker hat Konzerte mit Augenvorspiel, so ist zu spüren, schon öfter gegeben. Je länger der Blickkontakt geht, desto unangenehmer empfindet ihn der Gast. Deshalb schaut er wieder in die Ferne. Endlich erhebt sich der Geiger und spielt Bach, wie auf den Notenblättern steht.

Aus Adagio wird Sturm. Der Gast schließt die Augen und vergisst, dass ihm die Stadt zu Füßen liegt. Ein Musikerlebnis, das tief berührt, ist nach zehn Minuten zu früh vorbei. Mit Worten darf man sich nicht bedanken. Gesten müssen es tun. Warum sind die Regeln selbst am Ende streng? Auf Distanz sind sich zwei Fremde doch noch nah gekommen.

Info

1:1-Festival
Unter dem Hashtag #1to1festival findet man weitere Eindrücke vom vergangenen Wochenende in Stuttgart. Mit dem Festival soll „ein Zeichen der Solidarität an die finanziell schwer getroffenen Künstler*innen“ gesendet werden, sagen die Veranstalter. Weitere Infos unter www.1to1concerts.de.