Vor 125 Jahren wanderte in Atlanta das erste Coca-Cola über den Tresen einer Apotheke und schrieb im Laufe der Jahre Werbegeschichte.  

Wirtschaft: Andreas Geldner (age)

Washington - Wie eine Götterstatue steht sie da, im gläsernen Turm gleich neben dem Eingang des 1990 eröffneten, offiziellen Coca-Cola-Museums im Herzen von Atlanta. Die wohl größte Coca-Cola-Flasche der Welt in der Heimatstadt des Getränkekonzerns ist natürlich leer - eine reine Ikone. Und das ist für eines der berühmtesten Produkte der Welt bezeichnend. Die Verpackung ist für das Getränk, das seit dem 8. Mai 1886 von Atlanta aus die Welt erobert hat, immer mindestens so wichtig gewesen wie der schwarzbraune, süßlich-klebrige Inhalt.

Das Getränk des Apothekers John Pemberton, das damals zum ersten Mal über den Ladentisch ging, hatte mit dem modernen Lifestyle-Produkt noch nichts zu tun. Es galt nicht einmal als Erfrischungslimonade, sondern als Medizin. "Gut bei Kopfschmerzen und gegen Erschöpfung", steht auf einer der ältesten Flaschen, die in Atlanta ausgestellt ist. Erfinder Pemberton warb auch mit erwiesener Wirkung gegen Impotenz.

Das Kokain wurde 1903 aus der Rezeptur genommen

An der heute noch geheimnisumwitterten Rezeptur wurde noch einige Male gefeilt. Das Kokain wurde wegen der veränderten Gesetzeslage im Jahr 1903 aus der Rezeptur genommen. Doch Extrakte der Kokapflanze sind immer noch darin zu finden. Lange vor den modernen Energiedrinks mischte man schon eine kräftige Dosis aufputschendes Koffein hinein.

Die Phosphorsäure, die das Getränk von anderen Limonaden unterscheidet, ist Stoff für Legenden. Zwar lösen sich Fleischstückchen nicht über Nacht auf, wie auf zahllosen Schulhöfen unverdrossen behauptet wird - aber die Brause setzt organischem Material stärker zu als etwa Orangenlimonade. Nägel soll man dank dieser Säure tatsächlich entrosten können. Für den Knochenbau ist allerdings zu viel Phosphor schädlich, weil er die Absorption von Kalzium erschwert - was besonders für Kinder in der Wachstumsphase nicht gut ist.

Coca-Cola ist ein amerikanischer Mythos

Aber ging es je nur um das, was in der Flasche - und seit 1955 auch in den Dosen - enthalten ist? Coca-Cola ist auch ein amerikanischer Mythos. Das geheime Rezept liege in einem Tresor, zu dem nur zwei Menschen einen Schlüssel hätten, so lautet die Firmenlegende. Der Erzrivale Pepsi ging mit seiner Variante eines Getränkes mit Extrakten der Kolanuss schon 1898 an den Start, allerdings nicht unter dem heutigen Namen.

Wenn Coca-Cola seine Besucher in das Firmenmuseum führt, dann braucht es für Emotionen keine chemische Formel. In einem mit klassischen Coca-Cola-Werbeplakaten gepflasterten, halbdunklen Vorraum muss der Besucher erst einmal warten, bis er eingelassen wird. Und kein Besucher verlässt den Tempel ohne einen Talisman. Eine eigens errichtete kleine Abfüllanlage produziert eine Museums-Sonderedition der Limonade. Letztlich hat die Firma weniger Lebensmittel- als Werbegeschichte geschrieben. Schon der anstatt mit sperrigem K mit elegantem C geschriebene Name sowie die schwungvolle Schrift, die vom Buchhalter des Erfinders konzipiert wurden, sind unverwechselbar.

Zur Einführung vor 125 Jahren bepflasterte Coca-Cola Atlanta mit Werbeplakaten. 1916 wurde die charakteristische Flasche entworfen. Coca-Cola erfand den Gratis-Probiercoupon ebenso wie schon 1928 das Sponsoring der Olympischen Spiele. Die Firma machte sich zum Symbol des amerikanischen Lebensgefühls. Ein Abteilung im Museum widmet sich den Künstlern, die Coca-Cola in ihre Werke eingebaut haben - ob als Flasche, Dose oder Schriftzug. Im vergangenen November erzielte ein vom Pop-Art-Künstler Andy Warhol gemaltes Porträt einer Coca-Cola-Flasche den Rekordpreis von 35 Millionen Dollar.

Ein Highlight ist die Limonadentankstelle

Die Idee, nur das Sirup zu liefern und die Abfüllung unabhängigen Lizenznehmern zu überlassen, ermöglichte eine rasche Expansion. Skrupel standen hintan. So konnte man auch in Nazideutschland noch lange nach Kriegsbeginn sich die martialische Wochenschau im Kino bei einer kühlen Cola anschauen. Irgendwann einmal seien dann die Rohstoffe ausgegangen, heißt es diskret in der offiziellen Coca-Cola-Firmengeschichte.

Ein Highlight im Firmenmuseum ist die große Limonadentankstelle. Dort können Besucher sich Dutzende von Geschmacksvarianten von Coca-Cola-Produkten in die Becher füllen. Inca-Cola, ein vor dem Aufkauf durch den Konzern erfolgreicher Konkurrent aus Südamerika, gehört ebenso dazu wie das deutsch-österreichisch-schweizerische Cola-Spezi mit dem für Amerikaner gewöhnungsbedürftigen Orangengeschmack.

Zurzeit gehören der Iran, Nordkorea, Kuba und Myanmar zu den wenigen Ländern, wo Coca-Cola nicht erhältlich ist. Im arabischen Raum hat das in Frankreich erfundene Mecca-Cola wachsenden Erfolg - nicht zuletzt aus politischen Gründen.

Fakten zu Coca-Cola

Gigant: Mit 3500 Getränkevarianten, die nach Angaben des Coca-Cola-Konzerns weltweit jeden Tag mehr als 1,7 Milliarden Mal getrunken werden, ist die Firma aus Atlanta fast in jedem Land der Erde präsent. Sie gilt als eines der solidesten US-Aktienunternehmen.

Kritik: Immer wieder wird Coca-Cola wegen seines effizienten Marketings in den USA dafür verantwortlich gemacht, dass viele Teenager übergewichtig sind. Die Firma verweist darauf, dass Coca-Cola auch nicht mehr Kalorien habe als Orangensaft.

Rezept: Was in Coca-Cola prinzipiell drin ist, steht eigentlich auf jeder Flasche: Wasser mit Kohlensäure, viel Zucker, Koffein, Phosphorsäure und natürliche Aromen. Doch wie diese Aromen, die unter anderem Vanille, Zimt, Kokaextrakt und Muskat enthalten dürften, genau destilliert und dosiert sind, bleibt ein großes Geheimnis.