Weniger Teilnehmende zwar, aber herbstliches Kaiserwetter, trockene Straße und eine herrlich familiäre Stimmung: Auch der 14. Goldberg-Cup, landesweit renommiertes Seifenkistenrennen, wird in die Annalen der Stadt Sindelfingen eingehen. Die kleinen und großen Piloten in den teils witzigen Unikaten bretterten auf der Jagd nach Rekordzeiten wagemutig die Goldmühlestraße hinab – und schoben ihre Gefährte hernach auf dem Gehweg wieder bergan. Auf zur zweiten „Runde“.
Wer vom Seifenkisten-Rennfieber verschont bleiben will, sollte Sindelfingen als Austragungsort meiden. Hier fängt man sich den Bazillus leicht ein. Wie Hunderte mitfiebernde und applaudierende Goldbergler am Streckenrand. Oder wie ein Männer-Quintett aus dem Kleinstädtle Wanfried in Hessen nahe der thüringischen Grenze. Florian Kremmer (21), Thomas Jessl (41), Daniel Ohnesorge (37), Sebastian Schäfer (25) und André Lamgelotz (30) hatten sich viereinhalb Stunden ins Auto gesetzt, um zu gucken, wie man in Sindelfingen Seifenkistenrennen organisiert. „Wir haben einen Verein gegründet und wollen jetzt auch einen Meisterschaftslauf ausrichten“, lachen die Männer in ihren Klappstühlen am Streckenrand. Und genießen ein Hefeweizen.
Hessische Gäste-Spione: Mit den Augen stehlen ist erlaubt
Das sei verdient, sagt Robert Brandelik, Vorsitzender des Seifenkistenverbands Baden-Württemberg. Der richtet den Goldberg-Cup zusammen mit dem örtlichen Partner Stadtjugendring (seit 2015) in bewährter Manier aus. Die hessischen Gäste hätten morgens schon mitgeholfen und ihr Vergnügen verdient – ein bissle „stehlen mit den Augen“, ein bissle lernen, wie andere das machen.
Auch bei Robert Brandelik hat am Sonntag um 3.15 Uhr der Wecker geklingelt. Die Organisation so eines Rennens sei eine Herkulesaufgabe, sagt der Sindelfinger, der mittlerweile in Pforzheim als selbstständiger „Head Hunter“ lebt. 2006, beim ersten Goldberg-Cup, hat der 62-Jährige seine Tochter am Start gehabt, seit 2016 ist er Chef des Seifenkisten-Landesverbands – und kann nicht „Nein“ sagen. Obwohl: Die immens größer gewordenen Auflagen ärgern ihn, der Papierkrieg, die Bürokratie. Diesbezüglich nimmt er kein Blatt vor den Mund.
Vier Wochen Vorlauf für die Veranstaltung waren zu knapp
Weil zuletzt nicht wirklich klar war, wie mögliche Corona-Auflagen sein würden, gingen die Vorbereitungen für das 14. Event auf dem Goldberg mit nur vier Wochen Vorlauf an den Start. „Da war schon keine Plakatwerbung mehr möglich, weil wegen Zeitfristen nicht mehr genehmigt“, sagt auch Stadtjugendring-Chefin Adelheid Schlegel. Zwar habe man noch zuletzt über „Social Media“ getrommelt. Aber mehr als die 34 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gab’s nicht mehr – die Hälfte der Vorjahre.
„Heiß“ freilich waren alle, sich nach zwei Jahren Corona-Zwangspause wieder in ihre Kisten zwängen zu können – auf der Hatz nach Speed. Die Jüngsten in der Bobby-Car-Kategorie gerade mal 4, die Ältesten 60plus, quasi die Opi-Generation. Jede(r) musste zwei Läufe absolvieren – einmal die kürzere Innen-, einmal die längere Außenbahn.
Wie Philipp und Anton im Wechsel. Die beiden 14-Jährigen aus Wörth am Rhein waren mit einem Maserati-F-250-Nachbau in Ferrari-Rot unterwegs, und sie reizten die 55 „Sachen“, die man auf der 200 Meter langen Gefällstrecke mit 16 Meter Höhendifferenz draufkriegen kann, aus. Der Überrollbügel ihres Flitzers hätte im Fall der (Un-)Fälle Schlimmeres verhindert.
Unfall-Tränen trocknen – der Stolz bleibt ewig
Doch bei den konventionellen Seifenkisten ist nix passiert. Anders bei den Vier- bis Siebenjährigen mit ihren zumeist klassisch roten Bobby-Vehikeln. Es ist schon ein großer Spaß, den Knirpsen zuzugucken, wie sie mit den Beinen pendeln und schlenkern, um Wankbewegungen auszugleichen. Und wie sie Fersen-Gummi abrubbeln auf Asphalt, wenn die Aufschaukelei zu dolle wird. Zwei Stürze gab’s, Schürfwunden und Tränen. Aber es müssen viele Schutzengel überm Goldberg Wache gestanden haben – wirklich passiert ist Gott sei Dank nichts. Ein paar seelische Wundpflaster von Mama oder Papa, und gut war’s. Manche heizten sogar weiter. Vielleicht zeigen sie in der Kita stolz die Blessuren als Beweis ihres Mutes.
In Stellvertretung für den Oberbürgermeister ist dessen Vize Christian Gangl (60) zum dritten Mal in die städtische Seifenkiste gestiegen – gegen den etwa gleichaltrigen Möbelhaus-Chef Frank Hofmeister. Der war aber in beiden Läufen um eine Kistenlänge voraus. Nun gut, der Bietigheimer hat die (Nicht-)Brems- und Kurventechnik einfach raus und in der Vergangenheit sogar Weltmeister Armin Braun in die Schranken gewiesen. Der Fairness halber hat man Hofmeister Bleigewichte ins Fahrzeug, um sein Mindergewicht auszugleichen. Masse schiebt bekanntlich. Gertenschlank sind zwar Gangl wie Hofmeister, aber Ersterer ist fast einen Kopf größer.