Nur vom ursprünglichen Ziel des Elterngeldes, nämlich die gleichberechtigte Aufgabenverteilung innerhalb von Familien zu fördern und Frauen damit Luft für die Erwerbsarbeit zu schaffen, sei man noch ein gutes Stück entfernt. Das liege weniger am Elterngeld an sich, als vielmehr daran, wie es genutzt wird. Denn drei von vier der Väter, die es beziehen, tun das nur zwei Monate lang, sagt Huebener, der an einer aktuellen Studie des BIB zur Wirkung des Elterngeldes mitgearbeitet hat. Und da zeigt sich: „Erst wenn ein Vater drei Monate oder länger in Elternzeit war, was nur jeder zehnte tut, teilt sich das Paar auch dauerhaft Kinderbetreuung und Hausarbeit gleichberechtigter auf.“ Interessant dabei: Das gilt auch dann, wenn der Mann danach wieder in Vollzeit arbeitet.
Nehme ein Vater hingegen nur zwei Monate Elternzeit, habe das dieselbe Wirkung wie wenn er gar nicht in Elternzeit geht: Der Großteil der Kinderbetreuung und Hausarbeit bleibt dauerhaft an der Mutter hängen.
Steuersystem begünstigt alte Modelle
Für den Leiter der Forschungsgruppe „Bildung und Humanvermögen“ ist deshalb klar, dass die Politik Anreize schaffen muss, dass Väter länger in Elternzeit gehen. „Beispielsweise indem die Höhe des Elterngeldes steigt, je paritätischer sich ein Paar die Elterngeldbezüge aufteilt.“ Oder indem der Höchstbetrag von 1800 Euro monatlich, der sich seit 15 Jahren nicht verändert habe, angehoben wird. Klar sei aber auch: Das Elterngeld könne immer nur eine Stellschraube sein, wenn es um mehr Gleichberechtigung in Partnerschaften geht.
Eine andere ist für ihn die Abkehr von einem Steuersystem, dass das Modell, in dem einer Vollzeit und der andere gar nicht oder Teilzeit arbeitet, begünstigt. Dass beide reduziert arbeiten, was momentan nur gerade mal rund drei Prozent der Paare mit Kindern im Südwesten tun, wäre für Mathias Huebener der richtige Weg. Er denkt an das Modell der Familienarbeitszeit, das unter anderem die SPD einmal vorgeschlagen hatte: Dabei arbeiten beide zwischen 32 und 35 Stunden, wobei der Staat für die reduzierten Stunden einen Lohnersatz bezahlt.
Eine Million verdienen Mütter weniger als Väter
Für die Freiburger Haushaltswissenschaftlerin und Soziologin Uta Meier-Gräwe ist der so genannte Gender Pay Gap, also die teils großen Lohnunterschiede in typischen Frauen- und Männerberufen, der Hauptgrund dafür, dass sich bei der Aufgabenteilung daheim kaum etwas tut. Denn – auch das zeigen Studien – wer wie viel Elternzeit nimmt, hängt in erster Linie davon ab, wer wie viel verdient. Und in sehr vielen Familien verdient der Mann besser. Dabei geraten Frauen häufig in einen Teufelskreis, sagt Meier-Gräwe. Sie verdienen bereits vor der Geburt der Kinder weniger als der Mann. Durch Elternzeiten, Teilzeit danach und dadurch entgangene Karrieresprünge würden sie finanziell immer weiter abgehängt. Eine Studie der Bertelsmannstiftung 2020 hat gezeigt: Frauen mit Kindern verdienen im Laufe ihres Lebens durchschnittlich eine Million Euro oder 62 Prozent weniger als Männer. Bei Frauen ohne Kinder sind es nur 200 000 Euro weniger oder 13 Prozent.
Es gelte diesen Kreislauf zu durchbrechen, sagt die Wissenschaftlerin, indem beispielsweise Pflege- und Erziehungsberufe, in denen viele Frauen arbeiten, besser bezahlt würden, aber auch, indem Paare mehr Anreize bekämen, die Elternzeit anders aufzuteilen. „Man könnte zum Beispiel vier Monate Elternzeit für Väter verpflichtend machen, um das volle Elterngeld zu bekommen.“ Länder wie Finnland und Schweden haben bereits solche Modelle.
18 Monate Elterngeld
Wenn man Väter fragt, warum sie nur zwei Monate Elternzeit nehmen, die Mutter aber 12, nennen diese in Studien häufig: „Meine Partnerin wollte diese Aufteilung.“ Für Uta Meier-Gräwe ein Beleg, dass Frauen in die Rolle der Kümmernden hineinerzogen wurden. Allerdings hätten sie auch oft keine Vorstellung davon, welche finanziellen Auswirkungen es hat, wenn sie beruflich dauerhaft für die Kinder zurückstecken. „Ich würde in allen Schularten verpflichtend einführen, dass jedes Mädchen sich ausrechnen muss, wie viele Rentenpunkte sie sich zum Beispiel mit einem Jahr Mini-Job erarbeitet. Das wäre für viele erhellend.“
Rosemarie Daumüller, Geschäftsführerin des Landesfamilienrates Baden-Württemberg, wünscht sich ebenfalls eine gleichberechtigtere Aufteilung der derzeit 14 möglichen Elterngeldmonate zwischen Vätern und Müttern. Ihr Verband pocht aber darauf, dass Mütter, wenn sie es möchten, weiterhin zwölf Monate ausschöpfen können. „Wir sind nicht der Auffassung, dass dieses Mehr bei Vätern mit einer Verkürzung der Elternzeit für die Mütter und damit gegen deren ausdrücklichen Wunsch durchgesetzt werden soll“, sagt Daumüller.
Väter sollten allein Elternzeit nehmen
Der Landesfamilienrat schlägt deshalb vor, das Elterngeld auf zukünftig zwölf plus sechs Monate zu erhöhen. Von den 18 Monaten sollten aber sechs verfallen, wenn sie nicht vom Vater in Anspruch genommen werden. Außerdem müsste damit die Pflicht einhergehen, dass Väter mindestens vier Monate davon alleine und nicht wie jetzt häufig der Fall gemeinsam mit der Mutter Elternzeit nehmen.
Insgesamt ist das Elterngeld für Daumüller aber „auf jeden Fall eine Erfolgsgeschichte“, weil es Eltern in den ersten 14 Monaten finanziell absichere und ein wichtiger Beitrag für die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit sei.