Stadtkind Stuttgart

15 Jahre HHO: DJ Emilio erinnert sich „HipHop-Festivals sind nur für HipHop-Fans“

Von Emil Calusic 

Gastautor Emil Calusic alias DJ Emilio, Stuttgarter HipHop Urgestein, Erfinder der Wortmarke 0711 und längst auch Hochkultur-DJ über 15 Jahre HipHop Open.

Fast 15 Jahre HipHop Open um den Hals: DJ Emilio. Foto: privat
Fast 15 Jahre HipHop Open um den Hals: DJ Emilio. Foto: privat

Stuttgart - Als zur Blütezeit des Stuttgarter HipHop-Booms im Jahr 2000 die ersten HipHop Open angekündigt wurden, war ich erst mal erstaunt, dass diese am Pragsattel im Hinterhof vom Kopfnicker Studio und gegenüber vom 0711 Club / Prag (heute ein Autohaus, die Red.) genehmigt wurden. Nie wieder sollte für mich als DJ ein Weg vom Festivalgelände zur Aftershow Party so kurz sein wie in diesem Jahr. Ausschließlich deutsche Acts bildeten das Line-up. Die meisten Künstler hatte ich über die letzten Jahre persönlich kennen gelernt. Es hatte trotz MTV Präsentation und TV-Übertragung eher den Charakter eines Familientreffens, wie es Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre bei HipHop Jams üblich war.




Das änderte sich schlagartig im folgenden Jahr, als man im damaligen Waldau-Stadion mit LL Cool J einen US-Rapstar als Headliner gewinnen konnte. Der muskelbepackte Prototyp eines HipHop B-Boys in sportlicher Streetwear, dessen Bilder Mitte der 80er Jahre neben Run DMC und Beastie Boys als erste Rap Poster in meinem Kinderzimmer hingen. Dieser Held meiner Jugend sollte bei uns in Stuttgart im Stadion des Kickers spielen. Wow!

Unvergesslich jenes Szenario, als während seines Auftritts ein Platzregen über Degerloch wütete  und LL Cool J den Schutz des überdachten Teils der Bühne verließ, um Tracks wie ‚I’m bad‘ oben ohne im Flutlicht des Kickers Stadions unter strömenden Regen zu performen. Bei diesem Bild für die Götter schnalzen diese wahrscheinlich heute noch immer mit der Zunge. Ich realisierte damals den Vorteil von überdachten VIP-Tribünen und hatte schon einen etwas weiteren Weg zur Aftershow Party, der noch durch ausgiebige Verkehrskontrollen rund ums Stadion künstlich in die Länge gezogen wurde.

Im Jahr 2002 fand das Festival erstmalig im Reitstadion statt, wo es für die folgenden Jahre sein Zuhause fand. Auf die Show von Pharoahe Monch war bei mir von Beginn an die größte Vorfreude und er enttäuschte kein bisschen. Rückwirkend bleiben die dritten Open in ihrer Gänze für mich stimmungsmäßig die stärksten. Die Summe von guten Performances und guter Stimmung startete schon am frühen Mittag und zog sich über den ganzen Nachmittag bis zum Abend ohne große Druckabfälle. Ob es auch an mir und meinen DJ-Sets zwischen den Auftritten der Künstler lag, darf diskutiert werden.

2004: Azad poliert Sido die Fresse

Ein Jahr später war es ziemlich heiß und ich hatte Durst. In bester Erinnerung habe ich vom Open 2003 vor allem die Auftritte der Saian Supa Crew und der Absoluten Beginner.

2004 poliert Azad dem Kollegen Sido die Fresse, weil der auf der Bühne seine Mama beleidigt. Azad bekam Auftrittsverbot und darf wirklich nicht auftreten. Jadakiss kann oder will nicht auftreten und sagt einige Stunden vorher seinen Auftritt ab. Auf die Absage hätte ich gern verzichten können. Es tut noch immer etwas weh, ihn zu jener Phase seiner Karriere nicht hier gehabt zu haben. Das Festival findet erstmalig sowie einmalig am Samstag und Sonntag statt. Erklärung der Veranstalter: ein zweitägiges Festival würde sich nicht rechnen. Elf Jahre später meint man, dass man als eintägiges Festival nicht mit mehrtägigen konkurrieren könnte. Verrückt.

2005 holt man mit Snoop Dogg wieder einen richtig US-Rapstar als Headliner und dieser liefert eine gute Show ab. Zehn Jahre später finden die HHO wegen schlecht laufender Ticketverkäufe ihr Ende, während Snoop sein vier Tage später statt findendes Konzert am Killesberg innerhalb von 24 Stunden ausverkauft. Auch verrückt.