150 Heimplätze fehlen Pflege ist auch eine Mammutaufgabe für den Kreis und die Kommunen

Die Pflege der immer älter werdenden Bevölkerung ist eine Mammutaufgabe auf allen Ebenen, vom Bund bis zu den Kommunen. Foto: imago//Inga Kjer

Im nördlichen Kreis Böblingen fehlen etwa 150 Plätze in Pflegeheimen. Doch mit dem Bau von fünf neuen Einrichtungen allein ist es nicht getan.

Vor einer großen Wahl wird heftig um die Gunst der größten Wählergruppe gerungen. So auch jüngst bei der Bundestagswahl im Februar. Immerhin sind 42 Prozent aller Wahlberechtigten in Deutschland 60 Jahre und älter, 23 Prozent sogar 70 und älter.

 

Was wurde den Rentnern und Bald-Ruheständlern da nicht alles versprochen. Ein höheres Rentenniveau, Grundsicherung gegen Altersarmut, mehr Mütterrente, keine Erhöhung des Renteneintrittsalters. Zwar hatten die Parteien auch verschiedene Ansätze zur Pflege in ihren Wahlprogrammen, eine Rolle spielte das Thema im Wahlkampf jedoch kaum. In den Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD kam Pflege kaum vor, magere 17 Zeilen dazu finden sich im ersten Entwurf eines Koalitionsvertrags. Ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft.

Denn die Bundespolitik muss die Rahmenbedingungen festlegen, die die Kreise und Kommunen gemeinsam mit den Trägern der stationären und ambulanten Pflege ausfüllen. Das ist eine Mammutaufgabe, die auf jede Region in Deutschland zukommt.

Der Kreis Böblingen hat im vergangenen Jahr mit der Fortschreibung des Kreispflegeplans den Weg bis 2035 vorgezeichnet. Bis dahin ist so einiges zu tun. Rein rechnerisch kann Leonberg seinen Bedarf an Plätzen in Seniorenheimen, also stationärer Pflege, decken. Doch im direkten Umland fehlen laut Berechnungen aus dem Kreispflegeplan schon jetzt mehr als 200 Plätze, bis 2035 wird diese Zahl sich halten. Das ist mit Abstand die größte Unterversorgung im gesamten Kreis. Es wird also höchste Eisenbahn, das hier etwas passiert.

Pflege im Wohnort ist wichtig

Bis 2030 sollen laut Kreispflegeplan fünf neue Seniorenheime im Kreis entstehen mit etwa 300 Plätzen. Ein weiteres mit 60 Plätzen ist vorgesehen, aber es gibt noch kein anvisiertes Jahr. Dass hier unter Federführung des Kreises Bestand ermittelt und Bedarf für die Zukunft prognostiziert wurden und anschließend der Ausbau koordiniert wird, ist eine gute Sache. Plätze müssen aber auch da entstehen, wo sie benötigt werden. Denn die Menschen möchten – wenn sie schon nicht in den eigenen vier Wänden bleiben können – dann wenigstens in ihrem Wohnort bleiben.

So ist es eine vertane Chance, dass das frühere Seniorenzentrum am Leonberger Stadtpark nun zu betreuten Wohnungen umgebaut werden soll – und nicht als stationäre Pflege reaktiviert wird. Sicher braucht es auch mehr altersgerechte Wohnungen mit angeschlossener ambulanter Pflege. Aber für den Investor haben wohl wirtschaftliche Interessen den Ausschlag gegeben.

Die wohl größte Herausforderung, das betonen alle Seiten, ist aber der Fachkräftemangel, der sich bei steigenden Pflegezahlen noch weiter verschärfen wird. Hier müssen durch die Politik die Bedingungen der Pflege verbessert werden. Aber auch Kreise und Kommunen können unterstützen. Viele ambulante und teilstationäre Angebote werden bereits vor Ort gefördert. Aber warum nicht, analog zu Wohnungen für Beschäftigte in der Kinderbetreuung oder an den Kliniken, auch Wohnraum speziell für Pflegekräfte bauen und zur Verfügung stellen?

Gleichzeitig könnte der Kreis als Träger der Kliniken dort Plätze für Kurzzeitpflege nach medizinischen Behandlungen schaffen. Denn auch die sind Mangelware – und für Pflegeheime oft viel zu aufwendig. Das würde Kapazitäten schaffen für die Entlastung von pflegenden Angehörigen. Denn die sind noch immer die erste Bastion im Kampf um ein menschenwürdiges Leben im Alter.

Weitere Themen