Die Glasfront der Esslinger Friedenskirche mit den drei lichtdurchfluteten Kreuzen wurde von dem Esslinger Künstler Wolfgang Klein gestaltet, weiß Pastor Holger Panteleit. Foto: Roberto Bulgrin
Sie haben eigene Strukturen, einen eigenen Status, eine eigene Geschichte: Die etwa 450 Mitglieder der methodistischen Gemeinde Esslingen feiern 150 Jahre Friedenskirche.
Sie sind evangelische Christen der etwas anderen Art. Methodisten haben bei vielen Gemeinsamkeiten Besonderheiten, die auch von der Esslinger Gemeinde gelebt werden. Sie feiert mit Veranstaltungen das 150-jährige Jubiläum ihrer Friedenskirche in der Friedensstraße. Doch die Wurzeln der Glaubensrichtung reichen weiter zurück.
Manche Studenten nahmen’s leicht. Sie gönnten sich im Studienalltag eine gewisse Lockerheit, Lässigkeit, Legerness. Doch es gab auch die anderen. Die konsequenteren, strengeren, ernsteren. Eine Gruppe um die Brüder John und Charles Wesley etwa hielt nichts von studentischem Laissez-faire.
Sie beschäftigte sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts intensiv mit der Bibel, traf sich zum gemeinsamen Beten, lebte ihren Glauben auch im Alltag, kümmerte sich um Arme, Kranke, Arbeitslose, Gefangene. Strukturierter, fokussierter und organisierter seien sie gewesen, teilt die methodistische Kirche auf ihrer Homepage mit. Dadurch fielen diese Studenten auf – und sie hatten bald ihren Spitznamen weg. Als „methodistisch“ wurden sie von ihren Kommilitonen verspottet.
Den Namen haben sie nicht selbst gewählt – doch er ist geblieben. Weltweit haben die methodistische Kirche sowie mit ihr verbundene und vereinigte Kirchen eigenen Angaben zu Folge etwa 80 Millionen Gläubige. In Deutschland seien es gut 43 000 Menschen in knapp 420 Gemeinden. Die Esslinger Gemeinde ist laut ihrem Pastor Holger Panteleit ungefähr 450 Mitglieder stark mit Standorten in der Innenstadt, in Berkheim und Hegensberg.
Kirchensteuern gibt es bei den Methodisten nicht
In ihren Anfängen hatten sie sich in einem kleinen Kirchengebäude in der Esslinger Friedensstraße getroffen, weiß der Seelsorger. Es war 1876 – vor 150 Jahren – eingeweiht worden und wurde bis 1962 genutzt, bis es durch ein größeres Gebäude auf dem Grund der Vorgängerkirche ersetzt wurde. Von 1962 bis 1963 wurde die heutige Friedenskirche erbaut: „Sie ist seitdem die geistliche Heimat unserer Gemeinde“, sagt Holger Panteleit.
Er hat evangelische Theologie in Tübingen studiert. Doch nach dem Studienabschluss in den 1990er Jahren gab es unter den Babyboomern eine Pfarrerschwemme mit schlechten Einstellungschancen. Bei der methodistischen Kirche fand der Vater von sieben Kindern eigenen Worten zu Folge eine geistliche Heimat. Die Methodisten seien evangelisch. Aber es gebe auch Besonderheiten, sagt er.
Die Esslinger Friedenskirche aus der Zeit um 1907 auf einer Postkartenansicht. Foto: Evangelisch-methodistische Kirche Esslingen
Unterschiede gibt es in Status, Struktur und Geschichte, zählt Holger Panteleit auf. Anders als die evangelischen Landeskirchen verstehen sich die Methodisten als eine Freikirche. Sie erheben bewusst keine Kirchensteuern, sondern finanzieren sich über freiwillige Gaben und Spenden ihrer Mitglieder. Die Struktur gleicht einem Netzwerk: Eine oder mehrere Gemeinden bilden einen Bezirk.
Bezirke im Kreis schließen sich zu einem Großbezirk zusammen
In der Zusammensetzung gibt es laut Panteleit immer wieder Veränderungen. Die methodistischen Kirchenbezirke Nellingen, Göppingen, Kirchheim sowie Plochingen etwa werden in Kürze zu dem Großbezirk Neckar-Voralb fusionieren. Austritte seien zwar eher selten, doch der demographische Wandel und nachlassende kirchliche Bindungen würden sich auch bei den Methodisten bemerkbar machen.
Die heutige Friedenskirche ist die geistliche Heimat von etwa 450 Mitgliedern der methodistischen Gemeinde Esslingen. Foto: Roberto Bulgrin
Innerhalb der Glaubensrichtung gibt es ebenfalls Unterschiede. Die Methodisten der Esslinger Innenstadt bezeichnet Holger Panteleit als eine „sehr offene Gemeinde“, zu der auch eine kleine queere Community gehören würde. Es würde auch Gemeinden mit traditionelleren Ausrichtungen geben, doch in der Esslinger Innenstadt gehörten Menschen mit anderen sexuellen Ausrichtungen selbstverständlich mit dazu: „Vor Gott sind alle Menschen gleich.“
Bauliche Veränderungen der Friedenskirche in der Friedensstraße
Ein Grundsatz, auf den seine Gemeinde im Wortsinn baut. 2014 wurde laut einer Medieninfo der Gemeindesaal erneuert und an der Friedenskirche ein barrierefreier Zugang errichtet. Mit dieser baulichen Veränderung hätten neue Möglichkeiten in der Gemeindearbeit etwa auch für Menschen mit Handicaps geschaffen werden können.
Die „alte“ Friedenkirche in der Esslinger Friedensstraße wurde 1876 eingeweiht. Foto: Evangelisch-methodistische Kirche Esslingen
Die Esslinger Methodisten sehen sich damit nach eigenen Angaben in der Tradition ihrer Gründerväter. Denn auch in der geschichtlichen Entwicklung gibt es laut Holger Panteleit Unterschiede zur evangelischen Landeskirche. Die Brüder John und Charles Wesley haben seinen Worten zu Folge im England des 18. Jahrhunderts ihre eigene Form des Glaubenslebens entdeckt. Im Hinblick auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Umwälzungen ihrer Zeit, in Reaktion auf die beginnende Industrialisierung mit negativen Auswirkungen wie Kinderarbeit, Verelendung und miserablen Arbeitsbedingungen hätten die Brüder auf tätige Nächstenhilfe gesetzt. In Zeiten fehlender sozialer Absicherung kümmerten sie sich um Witwen, besuchten Strafgefangene, sprachen mit sozial Benachteiligten.
Zum Schlüsselerlebnis wurde für John Wesley, den charismatischeren der beiden Brüder, laut Panteleit das „Aldersgate-Erlebnis“. Nur widerwillig war er zu einem Treffen über eine Schrift Martin Luthers am 24. Mai 1738 in der Aldersgate Street in London gegangen. Doch dort soll er eine „seltsame Erwärmung seines Herzens“ gefühlt haben, die ihn motivierte, seine Erweckungsbewegung zu starten. Dieser Moment gilt als die Geburtsstunde der methodistischen Bewegung.
150 Jahre Friedenskirche Esslingen
Jubiläum Die evangelisch-methodistische Gemeinde Esslingen feiert das 150-jährige Jubiläum ihrer Friedenskirche in der Friedensstraße 8 auch mit einem Festgottesdienst am Sonntag, 22. Februar, um 10 Uhr. Anschließend steht ein Gemeindemittagessen an.
Veranstaltungen Weitere Veranstaltungen sind ein Erzählcafé am Sonntag, 1. März, um 14.30 Uhr, bei dem Gemeindemitglieder von persönlichen Erlebnissen und Eindrücken aus der langen Geschichte der beiden Friedenskirchen berichten. Am Samstag, 7. März, um 19 Uhr steht ein Konzert mit Jonathan Böttcher und Roland Palatzky auf dem Programm.