Bestürzung bei Menschen vor einigen Tagen, die auf handwerklich gut Gemachtes schwören: Der Manufactum-Katalog wird eingestellt! Vor zwei Jahren hatte die schwedische Möbelfirma Ikea verkündet, dass sie keine Bäume mehr für Katalogpapier opfern wolle. Vor 150 Jahren allerdings war so eine Broschüre für den Kunden, der sich die guten Dinge schon vor dem Besuch im Möbelladen anschauen wollte, noch ein hervorragendes Marketinginstrument.
Der Däne Fritz Hansen, der 1872 als gerade mal 25-Jähriger eine rasch wachsende Möbelfirma gegründet hatte, bekam nämlich bald Kundschaft aus dem Ausland. Und auch die wurde mit einem Katalog über Neuheiten informiert.
Kataloge gibt es im Jahr 2022 nicht mehr bei einer der weltweit führenden Möbelfirmen, dafür zum 150-Jahr-Jubiläum einen Ausstellungs-Pavillon (in dem Klassiker und Neuheiten gezeigt werden); und der ist nach der Schau komplett zerleg- und anderweitig verwendbar.
Der Däne Fritz Hansen schätzte schlichte Möbel
Die Zeichen stehen auf Nachhaltigkeit und Langlebigkeit auch beim Design. Für diese Werte steht die Firma, die seit wenigen Jahren erstmals nicht von einem Dänen geleitet wird, sondern von dem 1967 in der Schweiz geborenen Josef Kaiser (der auch bei Vitra in Weil am Rhein tätig war), schon länger.
Man besinnt sich auf Klassiker von Arne Jacobsen, Poul Kjærholm, Hans J. Wegner aus den 40er und 50er Jahren, die von namhaften Designern immer wieder variiert werden. Da der Midcentury-Stil, also eine zeitgemäße Interpretation der 50er-Jahre-Innenarchitektur weiterhin in Mode ist, sind die Sessel, Liegen, Leuchten und Stühle extrem begehrt und viel gesehen in sozialen Bildernetzwerken wie Instagram.
Und weil sich nicht jeder die zum Teil im vierstelligen Eurobereich liegenden Möbel leisten kann, entwerfen Designer auch Accessoires, Spiegel, Poufs, schmucke Holzbehälter für kleineres Geld.
Zudem setzt Fritz Hansen wie schon mit Arne Jacobsen auf langfristige Beziehungen zu herausragenden Designern. Denn gelegentlich will ja doch noch Neues in die Welt. Schon seit mehreren Jahren arbeitet die Firma, die bis in die 1970er ein Familienunternehmen war, mit der Dänin Cecilie Manz und dem Spanier Jaime Hayon.
Im Jahr 2020 kam der viel gefragte Sebastian Herkner dazu. Der aus Baden-Württemberg stammende Gestalter hat den Lounge-Sessel „Let“ entworfen: runde Formen und eine Andeutung eines kleinen Flügels an den Armlehnen, die sich als Verbeugung vor dem „Schwan“-Sessel interpretieren lassen.
Sogar die ganz junge Zielgruppe hat die Firma im Auge – an einem Wettbewerb junger Unternehmer im Fernsehen nahmen die junge Designerin Isabel Ahm und die Möbeltischlerin Signe Lund teil – ihre Leuchte „Clam“ ist nun bei der altehrwürdigen Firma in Serienproduktion gegangen.
Vorbild waren Bugholzstühle von Thonet
Doch wer ist eigentlich dieser Fritz Hansen, der die Firma 1872 gründete? Ein cleverer Möbelhersteller, der Möbel für Privatkunden wie für Firmen, Kinos, Theater, Hotels entwarf. Und von anderen lernte. So schaute man sich von der Firma Thonet ab, wie man Holz in rücken- und sitzfreundliche Positionen verbiegt. Thonet verkaufte 1912 mit den in Serie produzierten Bugholzstühlen zwei Millionen Exemplare jährlich.
Fritz Hansens Sohn Christian, der das Unternehmen als junger Mann übernahm, hatte sich bei Thonet die geheim gehaltene Technik der unter Dampf gebogenen Holzstühle abgeschaut. Wie in dem zum Jubiläum überarbeiteten Bildband „In Perfect Shape“ über Fritz Hansen zu lesen ist, taufte man die Stühle, damit niemand von Plagiat redete, „DANchairs“, dänische Stühle.
Großen Einfluss übte auch die Ästhetik der deutschen Bauhaus-Schule aus. Aber – und hier setzt die bis heute andauernde wirtschaftliche Erfolgsgeschichte an – die Möbel der Dänen orientieren sich zwar am Bauhaus-Diktum „Weniger ist mehr“, sehen jedoch weniger „seelenlos“ aus, wie ein gängiges Vorurteil lautet.
Die Designer aus dem Norden waren schlicht kompromissbereiter in Sachen Gemütlichkeit. Die heißt im Dänischen Hygge und als etwas eskapistische „Ich mach’s mir daheim schön“-Lebenshaltung wird sie seit Jahren auch vom Rest der Welt imitiert. Es kamen oft Korbgeflecht und Stoff statt „kaltes“ Leder zum Einsatz, Holz statt Metall.
Pragmatismus im Norden
Doch Fritz Hansen und Co. dachten zudem an Bezahlbarkeit – Bauhaus-Möbel aber sind sehr teuer. Und sicher auch weil die Nationalsozialisten das Bauhaus hassten und verboten, konnte da keine Entwicklung in Richtung Massentauglichkeit mehr stattfinden.
Der Pragmatismus herrschte im Norden schon zu Beginn: Fritz Hansen hatte in den 1870ern, 1880ern für die Kundschaft verschnörkelte Sofas und Schränke im Stil des Historismus im Angebot, er selbst aber saß auf seinem selbst gestalteten Bürostuhl, der so schlicht und funktional aussah wie Jahrzehnte später Möbel, die Ludwig Mies van der Rohe und Kollegen in der Bauhaus-Schule in Weimar und später in Dessau entwarfen.
Gleichwohl gab es unter den Designern, die für Fritz Hansen arbeiteten, absolute Puristen. Die Liege aus Metall und Leder von Poul Kjærholm etwa ist deutlich strenger als die von Mies van der Rohe, wie ein schmissig hingezeichnetes V oder ein „Erledigt“-Haken. Wunderschön! Aber eben auch kein Massenprodukt, nicht allzu hyggelig. Fritz Hansen hat sie mit einer Korbgeflecht-Variation herausgebracht.
Einige seiner Arbeiten stehen daher nur noch im Designmuseum und nicht mehr im Möbelladen. Poul Kjærholm war nur ein Jahr bei Fritz Hansen, er trennte sich im Streit, offenbar auch, weil er eifersüchtig auf seinen Kollegen Arne Jacobsen war, der seit den 1930ern für Fritz Hansen arbeitete.
Er soll, so heißt es in dem Jubiläumsbildband, ins Büro des die Geschäfte von Fritz Hansen führenden Enkels Søren Christian Hansen gestürmt sein und gefordert haben, dass die Arbeit mit den Jacobsen-Stühlen endlich aufhören müsse oder er gehe. „Dann auf Wiedersehen, Mr Kjærholm“, sei die Antwort gewesen.
Erfolgsmodelle von Arne Jacobsen
Bis heute sind eben Arne Jacobsens Arbeiten von den Stühlen „Ameise“, „Serie 7“, „Grand Prix“ bis zu den Sesseln „Egg“ und „Swan“ Verkaufsgaranten. Einer der ersten Stühle, den der Däne Arne Jacobsen für den Möbelhersteller Fritz Hansen entworfen hat, ist auch einer der schönsten – die Ameise: Zierliche Taille, oval breiter Rücken, nur drei Beine und doch stabil. Der Stuhl kommt seit exakt siebzig Jahren in Kantinen ebenso zum Einsatz wie an den Esstischen gestaltungsaffiner Menschen.
Namen und Form hat sich der Gestalter von der Natur geborgt – Ameise. Organisch, praktisch, aber eben auch anrührend schön. Arne Jacobsen war 1952 offenbar ebenfalls von dem Entwurf überzeugt. Er weigerte sich, Modell-Varianten anzubieten.
Bei einem späteren Stuhl, dem ebenso berühmt gewordenen Dauerbrenner „Serie 7“ war er kulanter, den gibt es auch mit Lehne und als Barstuhl und mit Rollen als Bürosessel. Selbstverständlich wird das verwendete Holz für die Lehne „ aus naturnah bewirtschafteten Wäldern“ gewonnen.
Manche Möbel, die zur Zeit ihres Entstehens keiner kaufte, weil sie zu futuristisch aussahen, wurden wieder eingestellt oder irgendwann von anderen Firmen produziert, so manches von dem Dänen Verner Panton, der Metall und das damals noch nicht als Klimasünde interpretierte Plastik liebte und bei Vitra mit seinem Panton Chair weltberühmt wurde. Manche Entwürfe wurden später erfolgreich noch einmal lanciert, als die Zeit reifer für schlicht Schönes war. Auch Lizenzen für einige von Kjærholms Modellen konnten zurückgekauft werden.
Wie gut die Klassiker mit Novitäten späterer Generationen mithalten, ist zu sehen, wenn die Entwürfe beisammenstehen und zeigen, wie hervorragend Vergangenheit und Gegenwart kombinierbar sind: Ahm/Lunds „Clam“-Leuchte von 2021 hängt über Cecilie Manz’ Sitzhocker „Pouf“ von 2016 und Poul Kjærholms Liege „PK 80“ von 1957. Lauter Einzelstücke und doch wie aus einem Guss.
Eine Geldanlage sind die Klassiker obendrein. Zwar bekommt man für ein „Ameise“- Modell gleich drei ganz schöne Holzstühle bei einem bekannten Möbelriesen aus Skandinavien. Doch dafür sind die Kjærholm-, Wegner- und Jacobsen-Modelle wertstabiler. Möbel wie der Ant-Chair, so der international gängige Name für das Möbel, das im Original „Myre“ (Ameise) heißt, kostet auch wenn man ihn gebraucht kauft so viel wie neu – mindestens, ist es ein seltenes Modell, kann es auch schon das Doppelte bringen. Dinge behalten, vererben, in andere Hände geben – auch das ist nachhaltig.
Info
Architektur und Wohnen
Sie wollen auf dem Laufenden bleiben, was vor Ihrer Haustür und in der Welt passiert? Mit den kostenlosen E-Mail Newslettern der Stuttgarter Zeitung zum Thema Architektur und Wohnen erhalten Sie hier die wichtigsten Nachrichten und spannendsten Geschichten direkt in Ihren Posteingang. Das ist der Link: