160 Jahre SPD Großmutter der Parteien

Achter Kanzler in der langen Geschichte der SPD: Olaf Scholz Foto: dpa/Kay Nietfeld

Die SPD, nunmehr 160 Jahre alt, steht für eine positive Kontinuität unserer Geschichte. Aus einer Klassen- zur Volkspartei gewandelt, sucht sie heute nach dem Volk, das ihr noch Vertrauen schenkt. Als Geburtshelfer und Stabilisator der Demokratie verdiene sie jedoch Respekt, meint StZ-Autor Armin Käfer.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Die deutsche Demokratie hat viele Wurzeln. Eine von ihnen, die bis heute Blüten treibt, reicht bis zum 23. Mai 1863 zurück. Damals wurde in Leipzig der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein gegründet. Aus ihm formierte sich 1875 die SPD. Sie ist somit die älteste und traditionsreichste Partei im Land. Und mehr als das: Ohne die SPD hätte sich die Demokratie in Deutschland wohl noch mehr verspätet als ohnehin schon – und sie wäre auch nicht so stabil. Die Sozialdemokraten und ihre Partei stehen für eine positive Kontinuität in der an solcherlei nicht überreichen Geschichte unserer Republik.

 

Bei dem runden Jubiläum vor zehn Jahren nannte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck die SPD ein „Muster für die sich ständig selbst verbessernde Demokratie“. Die Seniorin unter den deutschen Parteien ist aus dem Idealismus des 19. Jahrhunderts erwachsen. In ihren besten Zeiten agierte sie realistischer und pragmatischer als andere, was nicht jeden ihrer Genossen gegen Illusionen immunisiert. In dieser bis zu den Anfängen zurückreichenden Dialektik ist sie bis heute gefangen.

Sie durchlebte (und überstand) viele Identitätskrisen. Das begann mit der Frage, ob gesellschaftliche Fortschritte eher durch radikale Revolutionen oder allmähliche Reformen zu erreichen seien, mit dem Streit über Kriegskredite, die dem Operettenkaiser Wilhelm II. halfen, seine Großmannssucht zu finanzieren. Es setzte sich fort in den oft als qualvoll empfundenen Jahren eigener Regierungsverantwortung, als es unter dem Kanzler Helmut Schmidt etwa darum ging, ob man die Nato erst aufrüsten müsse, um abrüsten zu können. Zu den bis heute fortwirkenden Zerreißproben zählen die (letztlich erfolgreichen) Sozialreformen des inzwischen mental, wenn auch nicht formal ausgegrenzten Kanzlers Gerhard Schröder (der bei der Jubelfeier nicht auf der Gästeliste steht) – und schließlich bis zu der Sinnfrage, wie lange man als Steigbügelhalter für die eigene Konkurrenz (in Gestalt von Angela Merkel) dienen kann, ohne die Selbstachtung zu verlieren.

Auch diese schwierige Phase hat die SPD überwunden und sitzt nun selbst wieder im Sattel der Macht – was nicht zuletzt einer in Genossenkreisen eher seltenen Tugend zu verdanken ist: dem geradezu erstaunlichen Maß an Geschlossenheit. Die nunmehr 160 Jahre alte SPD hat sich vom Prototyp einer Massenpartei zum Prototyp einer Klassenpartei entwickelt, die sich zur Volkspartei wandelte – was wiederum auch schon ein altmodisches Modell unter den politischen Organisationsformen des 21. Jahrhunderts ist. Das Volk, das ihr bei Wahlen noch Vertrauen schenkt, ist rar geworden. In ihrem Geburtsland Sachsen hat sie bei der letzten Landtagswahl ein geradezu beschämendes Ergebnis erzielt: 7,7 Prozent. Anderswo wie etwa in Bayern und Baden-Württemberg ist es kaum besser um sie bestellt, wenngleich sie in zwei Dritteln der Bundesländer mitregiert. Die Zielgruppen lassen sich nicht mehr so klar umreißen wie in der legendären Ära als Arbeiterpartei, zentrale Anliegen wie die soziale Gerechtigkeit sind in einer zu Singularitäten zerfallenden Gesellschaft schwer auszubuchstabieren.

Kein Kreativitätszentrum, aber Stabilitätsfaktor der Ampel

Aus der sozialdemokratischen Gegenwart gibt es weniger Ruhmreiches zu berichten als aus der langen Geschichte dieser Partei. Die SPD ist nicht gerade ein Kreativitätszentrum der Ampelkoalition, hat sich bisher aber als deren Stabilitätsanker erwiesen, was in krisenhaften Zeiten an sich schon Beifall verdient. 160 Jahre ihrer Parteihistorie gebieten, was die SPD im letzten Wahlkampf ihrerseits versprochen hatte: Respekt!

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