17. Stuttgarter Kriminächte Nichts für schwache Nerven: Zoran Drvenkar präsentiert seinen Thriller „Asa“

Der Autor Zoran Drvenkar macht einen winterlichen See in der Uckermark zum Ort eines tödlichen Rituals. Foto: imago/tagesspiegel, imagebroker

Die 17. Stuttgarter Kriminächte ermitteln auf vielen Bühnen. Unter den Gästen ist der Autor Zoran Drvenkar, der in „Asa“ von einer Familie und ihrer mörderischen Tradition erzählt.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Asa Kolbert, 44 Jahre, ist keine klassische Krimiheldin. Sie ist einem alten Verbrechen auf der Spur, um ein neues zu verhindern, und dafür geht die als Personenschützerin erfolgreiche Frau über Leichen. Ihren Rachefeldzug plant Asa mit der kühlen Perfektion des Profis – bis hin zum eigenen, verblüffenden Abgang.

 

Ausgedacht hat sich diese Frauenfigur der kroatisch-deutsche Autor Zoran Drvenkar und schlägt mit ihr eine Brücke zu seinem letzten Thriller „Still“. Wieder hält er mit knappem Schreibstil, beklemmenden Emotionen und überraschenden Wendungen über 700 Seiten die Spannung hoch. Auch elf Jahre später, die Drvenkar mit Gedichtbänden und Jugendbüchern füllte, geht es um Jäger und Gejagte, um Starke und Schwache. Fürs Krimipublikum geht es in „Asa“ aber erst einmal darum, Art und Ausmaß des Verbrechens überhaupt zu verstehen.

Zoran Drvenkar mutet seiner Heldin viel zu

Der Weg, auf dem Asa allen emotionalen Ballast abwirft, ist lang. Auf ihm mutet Zoran Drvenkar seiner Heldin harte Prüfungen zu, er versenkt sie im Eisloch eines Sees, lässt sie in einem paramilitärischen Camp jugendliche Wut ausschwitzen. Was bleibt, ist der Wunsch, sich an ihrer nicht so netten Sippe zu rächen, die aus einer mörderischen Tradition Kapital schlägt und für eine Art Initiationsritual das Leben von Kindern aufs Spiel setzt.

Ein Lesepuzzle aus Zeitebenen und Perspektiven

Passend zur Heldin ist „Asa“ kein gewöhnlicher Kriminalroman. An einem simplen Whodunit hätte ein Autor wie Zoran Drvenkar, der wie ein Komponist Themen variiert, der seinen Plot auf verschiedenen Zeitebenen, mit wechselnden Perspektiven und Tonlagen zusammenpuzzelt, keinen Spaß. Nicht nur das macht ihn zum perfekten Gast der 17. Stuttgarter Kriminächte. Denn dieses Literaturfestival stellt nicht nur Mord und Totschlag in den Mittelpunkt. Es sucht ebenso ihre anspruchsvolle Aufarbeitung sowie spannende Themen aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.

Auch die bietet „Asa“. Dass Zoran Drvenkar die Kolberts wie Gutsbesitzer in der Nähe von Prenzlau residieren und agieren lässt, ist sicherlich kein Zufall. Dort im Nordbrandenburgischen, wo sich drei Geschwister nach der Flucht aus Schlesien eine neue Heimat aufbauen, hat Drvenkars Familiensaga ihr Zentrum. Sie führt durch ein Jahrhundert, zwei Weltkriege und über sehr viele Leichen. Und so passt auch der Ort, an dem der Autor am 16. März lesen wird: In der Himmelfahrtskirche in Schönberg könnte eine seiner Erzählstimmen viel Charme entfalten. Mit fast biblischer Inbrunst predigt sie Asas Schicksal, erst im Lauf der Story erfährt man, wer Asa quasi aus dem Jenseits direkt anspricht.

Zoran Drvenkar liest in der Himmelfahrtskirche in Stuttgart-Schönberg. Foto: Ralf Recklies

„Ihr habt Zeit, ihr atmet Zeit, ihr schlaft. Die Nacht öffnet sich wie eine dunkle Blüte. Die Sterne funkeln teilnahmslos. Und so kommt der Schlaf. Und so erwacht ihr vor dem ersten Licht.“ Mit hypnotisierendem Effekt führt diese Stimme den Tag ein, an dem Asa ein paar Absätze später atemlos vor einem Abgrund steht. Am Ende einer Wanderung wird der Vater der damals 15-Jährigen erschossen. Sie selbst entgeht nur knapp dem Tod, landet dafür aber im familiären Abseits. Vom Verbannungscamp auf den Kapverden über Skandinavien, Istanbul und Venedig kämpft sich Asa zurück. Ihr Glück ist kurz, umso bitterer ihr Sarkasmus und umso länger die Todesliste, die sie abarbeitet, um ins Herz ihrer Familie vorzudringen. Würde man dieses Buch verfilmen, käme man irgendwo zwischen Kaurismäki und Tarantino heraus.

Zoran Drvenkar verdichtet in der ihm eigenen Wucht in „Asa“ eine Gegenwart, in der Wettbewerb und Wachstum, Leistungs- und Konkurrenzdruck, Klimawandel und Kriege Menschen weltweit in Gewinner und Verlierer teilen oder, um im Jargon der Kolberts zu bleiben, in Jäger und Beute. Asa sucht den Bruch und die Aussöhnung. Sie ist eine der fast mystischen Frauenfiguren, denen man im Werk von Zoran Drvenkar häufig begegnet – auch wenn ihn vor zwei Jahrzehnten eine Bande von vier Jungs bekannt machte: Für sein Kinderbuch „Die Kurzhosengang“ erhielt der Autor 2005 den Deutschen Jugendliteraturpreis. Veröffentlicht hatte es Drvenkar unter dem Pseudonym Victor Caspak und Yves Lanois und schmückte deren Biografien mit Schlittenhundetraining, Eishüttenbau und Wildnis so aus, dass sie seiner Meinung nach besser zum schneereichen Setting passten als die eines in Berlin aufgewachsenen, im Havelland lebenden Autors, der erklärtermaßen noch nie in Kanada war.

Zoran Drvenkar zaubert Berge in die Uckermark

Kälte und Natur gibt’s auch in „Asa“ reichlich. Dass Zoran Drvenkar heute alpine Landschaften in die Uckermark zaubert, steht vielleicht auch für ein gewachsenes literarisches Selbstbewusstsein. Das Erzähltempo seines Thrillers ist wie immer hoch. Dass da ein Einarmiger auf seine blutigen Hände schaut, dass Titel von Filmen vor ihrem Erscheinen in der Gegenwart der Erzählung auftauchen – was soll’s? Es geht schließlich ums Überleben.

Verbrechen im Buch und auf der Bühne

Theater
Die 17. Stuttgarter Kriminächte starten am 13. März im Alten Schauspielhaus mit „Der Hexer“ von Edgar Wallace in einer Bühnenfassung von Axel Preuss, es inszeniert Eva Hosemann. Mit-Ermitteln ist beim „Improvisierten Kult-Comedy-Krimi“ am 14. März gefragt. Am 18. März gerät ein Jazz-Trio um Erzähler Jo Jung bei „Kuriosen Eisenbahnstories“ auf die schiefe Bahn. „Mit Schuss“ lösen fünf mörderische Schwestern Verbrechen (21. März).

Lesung
Bis am 26. März in der Sparda-Welt der Stuttgarter Krimipreis 2026 verliehen wird, präsentieren elf Autorinnen und Autoren ihre neusten Fälle. Mit dabei sind Martina Clavadetscher (14. März,) Thomas Lang (15. März), Zoran Drvenkar (16. März), Gianrico Carofiglio und Andreas Pflüger (17. März), Chris Warnat und Susanne Kaiser (19. März), Romy Hausmann und Frank Willmann (23. März), Elisa Corti und Gabriela Kasperski (25. März).Helden: Lieblingsszenen aus den „Drei ???“ untermalen Astrid Fünderich und Klaus-Dieter Mayer mit Musik (15. März). Der Schauspieler Thomas Sarbacher bringt am 20. März im Maritim Leben in Raymond Chandlers Detektiv Marlow. Jens Wawrczeck, die Stimme von Peter Shaw, mixt in „Die Vögel“ Literatur und Kino. (24. März).

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