Nils Hoffmann ist mit seinem Fahrrad von Stuttgart nach Südkorea gefahren. Foto: Nils Hoffmann
Nils Hoffmann (20) ist mit dem Rad um die Welt gefahren. Uns hat er erzählt, warum er China am beeindruckendsten fand und welchen schwäbischen Klassiker er am meisten vermisste.
Ann-Kathrin Haag
28.01.2026 - 16:54 Uhr
Links vom Lenker ein nach Multimillionär aussehender Mann im Luxuswagen. Rechts vom Lenker eine gebückte Frau mit schwerem Holzbalken und Säcken über den Schultern, geplagt von Armut. Dieses Bild wird Nils Hoffmann noch lange begleiten. Zu diesem Zeitpunkt ist er schon über 80 Tage auf dem Sattel und fährt gerade durch China. Das sei für in das überraschendste Land gewesen, erzählt der 20-Jährige Sindelfinger in einem Video-Call.
Vor allem diese starken Kontraste, die ihm an diesem Tag auf Chinas Straßen begegneten, seien der Grund dafür, warum ihn das asiatische Land prägte. Da liegt die herausfordernste Etappe seiner Reise noch vor ihm.
Von Juli bis Dezember reiste Nils im vergangenen Jahr durch 15 Länder – knapp 13.000 Kilometer davon mit seinem Fahrrad. Sein Motto: „Einfach machen – nicht zu viel planen und flexibel bleiben.“ Doch wie kommt man auf solch eine Idee?
Grundsteine schon früh gelegt
Sein Fahrrad war schon zu Schulzeiten fast immer an seiner Seite, erzählt er. Es verging kein Tag, an dem er nicht mit dem Rad zur Schule oder zu Freunden fuhr. Für diese sei immer klar gewesen: „Wenn einer mit dem Fahrrad kommt, dann Nils“.
In seiner Kindheit lebte der Sindelfinger ein paar Jahre mit seiner Familie in Burundi. Dadurch habe er schon früh gelernt, wie unterschiedlich Länder, Kulturen und Lebensweisen sein können. Seine Neugier, die Welt weiter zu entdecken und andere Länder kennenzulernen, hält bis heute an.
So kam der 20-Jährige nach seinem Fachabitur auf die spontane Idee, sich aufs Rad zu schwingen und völlig unvorbereitet drei Tage lang in die Schweiz zu fahren – ganz ohne Zelt oder sonstige Ausrüstung. „Das war schon naiv und leichtsinnig“, sagt er rückblickend. Eine Woche später ging es dann schon mit dem Fahrrad nach Marseille. Auf dieser Tour machte er Erfahrungen mit der französischen Gastfreundschaft. Für Nils war klar: Er will Menschen auf der ganzen Welt kennenlernen.
Doch die Weltreise mit dem Fahrrad musste erstmal noch warten. Denn für Nils ging es nach der Schule auf die Fidischi-Inseln. Dort arbeitete er an einer südkoreanischen Schule, die auch von südkoreanischen Missionaren besucht wurde. Diese schlugen ihm vor, sie bei Gelegenheit mal in Südkorea zu besuchen. Daraufhin versprach er, irgendwann mit dem Fahrrad vorbeizukommen, was sie ihm nicht glauben wollten.
Die Idee ließ ihn nicht mehr los: Am 1. Juli 2025 sattelte er in Sindelfingen sein Fahrrad und fuhr los – im Schnitt 115 Kilometer pro Tag. Sein Ziel: Südkorea. Seine Route: Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Türkei, Georgien, Kasachstan, Kirgistan, China, Hongkong und Vietnam, bis er schließlich sein Zielland Südkorea erreichte, wo er mit der Fähre ankam.
Nils an der serbischen Grenze. Foto: Nils Hoffmann
Die Tour hielt er täglich mit dem Handy fest und teilte seine Videos über Instagram. Warum? Um andere Menschen zu inspirieren und bestehende Länderklischees aufzubrechen, sagt er.
Sein größter Gegner auf der Reise sei das Wetter gewesen, das seine Stimmung täglich prägte – besonders die Windrichtung natürlich. Die herausforderndste Etappe für ihn sei das letzte Stück in China gewesen: „Ich hatte die ganze Zeit Gegenwind, bin auf einer Hauptstraße gefahren und hatte so langsam keine Lust mehr“.
Ernsthaft bedroht gefühlt, habe sich Nils auf seiner Reise nie. Nur einmal unwohl, wegen Straßenhunde in Istanbul, weil diese direkt neben seinem Zelt miteinander kämpften.
Ein bisschen geschummelt hat der 20-jährige Schwabe bei seiner Reise allerdings: Um Russland zu umgehen, tauschte er Sattel gegen Flugzeugsitz. Außerdem griff er hin und wieder auf Mitfahrgelegenheiten zurück, um beispielsweise nicht ewig durch die Wüste fahren zu müssen. So auch in Kirgistan: Hier nahm ihn ein Mann mit. Dieser verlangte nach der Fahrt jedoch mehr Geld als zuvor vereinbart – zum Glück fanden die beiden am Ende einen Kompromiss.
Ob Nils seine Reise auf eine einzige Erkenntnis herunterbrechen kann? „Die Welt ist besser, als wir uns vorstellen“. Immer wieder betont er, wie sehr er die Begegnungen mit den verschiedensten Menschen schätze und wie dankbar er für deren Hilfe sei.
Nils ist auf seiner Reise vielen Menschen begegnet. Foto: Nils Hoffmann
Wie finanzierte sich der 20-Jährige die mehrmonatige Reise?
Klingt alles nach Leichtigkeit und Abenteuer. Doch wie finanzierte sich Nils seine Reise? Kurzum: durch Erspartes. Nach den Fidschi-Inseln ging es für ihn zehn Monate zur Bundeswehr. Hier wollte er Hierarchie, klare Strukturen und das Arbeiten in der Gruppe zu erleben – und Geld für seine Fahrradreise verdienen.
Die Kosten für Fahrrad und Co. seien mit rund 2000 Euro höher als die sechsmonatige Reise mit circa 1200 Euro gewesen. Nils schlief 80 Prozent im Zelt und hatte die Möglichkeit, in jedem Land, das er durchquerte, kurzzeitig bei Freunden seiner Eltern unterzukommen. Ab und an schlief er auch in Hotels, manchmal wurde er in Moscheen eingeladen. Zu essen gab es immer das, was das jeweilige Land zu bieten hatte – gefehlt haben ihm Käsespätzle sowie Kaffee und Kuchen mit seinen Großeltern in deren Garten.
Nach der Reise ist vor der Reise
Obwohl Nils in den letzten Wochen und Monaten schon viel von der Welt gesehen hat, schlummert die Abenteuerlust weiterhin in ihm. Und er steht auch schon in den Startlöchern für seine nächste Tour. Diesmal liegt seine Route in Australien: von Brisbane nach Melbourne und dann noch nach Tasmanien. Am 19. Februar soll’s für zwei Monate losgehen. Doch sein Bike, das ihn über 13 000 Kilometer begleitet hat, bleibt in Südkorea. In Australien kommt ein Rad dazu, denn der Sindelfinger fährt mit einem Trike durch den für ihn neuen Kontinent.