Anzeige 18. Indisches Filmfestival in Stuttgart Bollywood emanzipiert sich

Berlin To Bombay wurde von zwei Filmaka-Studenten gedreht (rechts im Bild: Daniel Popat). Foto: Indisches Filmfestival 2 Bilder
"Berlin To Bombay" wurde von zwei Filmaka-Studenten gedreht (rechts im Bild: Daniel Popat). Foto: Indisches Filmfestival

Auch die diesjährige Ausgabe des Indischen Filmfestivals findet überwiegend online statt. Einige ausgewählte Filme werden dennoch im Kino gezeigt – darunter ein herrlicher Beitrag von der Ludwigsburger Filmakademie.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart – Stuttgart und das Indische Filmfestival gehören einfach zusammen. Vor der Pandemie war das Event eines der Highlights nicht nur im cineastischen Kalender, mit farbenfroher Deko, rotem Teppich, allerlei indischer Prominenz und einem erlesenen Filmprogramm. Klar, erlesen ist das Filmprogramm natürlich auch im Jahr 2021, noch dazu so queer und emanzipatorisch wie nie zuvor. Der Großteil des Festivals, der muss zwischen dem 21. und 25. Juli 2021 allerdings auch in diesem Jahr online stattfinden.

Europas größtes Festival für indischen Film

Das ist natürlich halb so wild, bis einschließlich Sonntag lässt Europas größtes Festival für indische Filmkultur einfach auf www.indisches-filmfestival.de die digitalen Muskeln spielen und zeigt 40 Filme (Spielfilm, Kurzfilm, Doku) – alle im Festivalpass enthalten, der mit 18 Euro wunderbar schwäbisch kalkuliert wurde. Das Besondere in diesem zweiten Pandemiejahr ist aber: Drei ausgewählte Filme bekommen am Samstag, den 24. Juli 2021, ab 18 Uhr dennoch ihren Auftritt auf der großen Leinwand des Cinema Kinos – darunter mit der herrlichen Doku „Berlin To Bombay“ auch ein Werk der beiden Filmakademie-Studierenden Daniel Popat und Marco Hülser. Darin wandeln die beiden auf den Spuren von Borat und lassen Daniel, ein Sohn indisch-afghanischer Eltern, zur Kunstfigur werden, die für Deutsche ein Inder und für Inder ein Deutscher ist.

Unterwegs in Mumbai

Er begibt sich auf die titelgebende Reise von Berlin in die Bollywood-Hauptstadt, ein skurriler und haarsträubender Trip, den man nicht beschreiben kann, sondern sehen muss. „Im Sommer 2018 haben wir festgestellt, dass wir beide zufällig zur gleichen Zeit in Mumbai sein werden“, erinnert sich Daniel an den Start des Projekts. „Während Marco dank einer Drehbuchförderung in Mumbai ein Drehbuch entwickeln wollte, gehörte ich zu den glücklichen Teilnehmern der Filmakademie, die einen Workshop an der indischen Filmhochschule FTII absolvieren durften. Diesen Zufall wollten wir natürlich nutzen, denn um einen Film zu drehen braucht es unserer Meinung nach nicht viel.“

Nicht viel ist sicherlich Definitionssache. Für die beiden ist es genau das: „Eine Kamera, viel Motivation und zwei Freunde, die sich für nichts zu schade sind.“ Das kommt in den herrlich anarchischen und dennoch liebevollen Streifen rüber. Die beiden crashen Filmpremieren und inszenieren die von Daniel gespielte Kunstfigur auf höchst amüsante Weise. „Finanziert haben wir den Film ausschließlich mit eigenen Mitteln – und die sind natürlich als Student sehr gering“, sagt Marco. „Deswegen war unser Hotel im Stadtteil Colaba für 800 Rupien (ungefähr zehn Euro) die Nacht nicht einfach nur ein Schlafplatz. Es war auch Drehort, Produktionsbüro und Schnittraum.“ Kreativität kann man eben nicht mit Geld ersetzen.

Mit 96 in die Schule

Neben dem Kurzfilm „Rettai Jadai – Das Mädchen mit den roten Schleifen“ der Münchenerin Franziska Schöneberger wird im Cinema mit „Illiralare Allige Hogalaare – Can Neither Stay Here Nor Journey Beyond“ zudem ein titanischer, visuell beeindruckender Film mit dem Zeug zum modernen Kinoklassiker gezeigt. Eine Bestandsaufnahme des immer noch stark verwurzelten indischen Kastensystems mit allem, was dieses System mit sich bringt – keine leichte, aber essentielle Kost. Gemacht für die Leinwand.

Emanzipatorische Narrative gibt es online: „Ritu Goes Online“ berichtet vom schweren Kampf einer Hausfrau aus Neu-Delhi um ihr eigenes Label für Taschen, in „A Rifle And A Bag“ rufen Frauen ein Aussteigerprogramm für ehemalige Mitglieder:innen einer Guerilla-Bewegung ins Leben. „The Barefoot Empress“ begleitet auf besonders bewegende Weise eine 96-Jährige, die ihr ganzes Leben einen Tempel fegte und jetzt das erste Mal die Schulbank drückt. Bilder wie diese gehen nicht aus dem Kopf.

Queere Beiträge aus Bollywood

Drei LGTBQ+-Filme runden das bislang offenste und zeitgeistigste Festivalprogramm ab: „Sheer Qorma“ erzählt sanft über die Sehnsucht nach Liebe und Akzeptanz, die queere Kinder in ihren Elternhäusern empfinden, dargestellt in einer feinfühligen Geschichte, die von mutigen muslimischen, queeren Women of Colour erzählt wird. In „Dammy“ will ein Vater nach dem Tod seiner Partnerin zur Frau werden, mit „Manny“ gibt es einen queeren Science-Fiction-Film über eine heimlich homosexuelle Autorin, die von ihrem Sprachassistenten unter Druck gesetzt wird. Klar, wunderbar farbenfrohe Fernwehstiller gibt es auch in diesem Jahr im Programm – unter anderem ein sehr privater Blick auf Mumbai im Globetrotter von der in Mumbai geborenen Stuttgarter Sängerin Fauzia Maria Beg. Es ist jedoch bemerkenswert, wie sich der filmische Fokus auch in der gigantischen Industrie Bollywood langsam zu wandeln beginnt. Ehrensache, dass Stuttgart diesen Entwicklungen Rechnung trägt – die offizielle Partnerstadt von Mumbai hat schließlich einen Anspruch zu erfüllen.




Unsere Empfehlung für Sie