Ein Dorf im Biosphärengebiet Schwäbische Alb mit Blick auf die Burg Teck. Viele Vereine, starker Zusammenhalt. Im knapp 6000 Einwohner zählenden Dettingen scheint die Welt noch in Ordnung. Hier wächst Max auf (alle Namen der betroffenen Familie geändert), geht auf die Grundschule, und auch nach dem Umzug ins wenige Kilometer entfernt liegende Owen hält er als Jugendlicher den Kontakt zu seinem Heimatdorf. Doch vor einem halben Jahr ist diese heile Welt für Max ins Wanken geraten.
Am Samstag, 2. März, ist der 18-Jährige mit seiner Mutter Sabine und seinem Bruder Sven in einem Reutlinger Restaurant zum gemeinsamen Abendessen. Gegen 22 Uhr sind sie zurück in Owen. Max besucht noch einen Freund in Dettingen. „Wir haben gechillt, geredet und Musik gehört“, erzählt er. Schließlich verabschiedet er sich von seinem Kumpel und geht zur nahe gelegenen Bushaltestelle in der Kirchheimer Straße.
Max wartet auf den Bus, der ihn laut Fahrplan um 0.23 Uhr nach Owen bringen wird. Außer ihm ist um diese Uhrzeit niemand an der Bushaltestelle. Er sieht, wie fünf Gestalten vom Bahnhof her auf ihn zukommen. „Hast du ein Problem? Hast du meine Mutter beleidigt“, gellt es ihm aus der Gruppe entgegen. Aussehen und Sprechweise sagen ihm, dass er es mit Ausländern oder Jugendlichen mit Migrationsgeschichte zu tun hat. Er kennt diese Personen nicht.
Ein unvermittelter Schlag ins Gesicht
Max versucht zu beschwichtigen, doch der Wortführer schlägt ihm unvermittelt mit der Hand ins Gesicht. Max springt von der Wartebank auf und rennt zurück zum Haus, wo sein Kumpel wohnt. Die Unbekannten laufen ihm hinterher. In diesem Moment fährt ein Auto vorbei, die Insassen beobachten die Szene und stellen die Gruppe, die hinter Max her ist, zur Rede: „Hey, spinnt ihr? Lasst den Scheiß!“
Max klingelt, der Vater seines Freundes öffnet das Fenster. Max erklärt, dass er gerade angegriffen wurde. Die Unbekannten, die dabei stehen, streiten das ab. Es kommt zum Wortwechsel. Irgendwann entscheidet sich Max, zur Haltestelle zurückzugehen. Sein Bus kommt gleich, er will ihn nicht verpassen. Die Auseinandersetzung ist erledigt, denkt er. Auch der Vater des Kumpels unterschätzt die Lage, schließt das Fenster und lässt die Sache auf sich beruhen. Doch die fünf Angreifer gehen Max hinterher zur Haltestelle – und schlagen ihm dort dreimal mit der Faust ins Gesicht. Seine Nase bricht.
Ein halbes Jahr ist seither vergangen. Wenn Max erzählt, was ihm an der Bushaltestelle passierte, bleibt er lange gefasst. Doch irgendwann kämpft er gegen die Tränen. So geht die Geschichte weiter: Nach den Faustschlägen rennt Max in Richtung Volksbank. „Die liefen hinter mir her und schlugen von hinten auf mich ein. Ich wurde gestoßen und bin auf meine Knie gefallen. Wieder aufgestanden, weitergerannt. Dann habe ich mich in einer Einfahrt versteckt.“ Schließlich lassen die Täter von Max ab. Er wartet einige Minuten, um sicher zu gehen, dass sie weg sind. Dann greift er zu seinem Smartphone.
Sabine wird nicht vergessen, wie ihr Sohn flüstert: „Mama komm, ich brauche Hilfe.“ Die Mutter fährt sofort los. Das Bild ihres blutverschmierten Jungen wird sie nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Sie bringt Max heim, hilft ihm beim Waschen, informiert seinen Vater und die Polizei. Die Beamten am Telefon raten ihr, ins Krankenhaus zu fahren und die Verletzungen dokumentieren zu lassen. Ein Gang zur Polizeiwache würde nicht viel bringen.
Der junge Mann magert auf 53 Kilo ab
Um halb zwei fahren Mutter und Sohn in die Klinik. Max wird erstversorgt: Prellungen am Jochbein, glücklicherweise keine weiteren Schädelverletzungen. Tage später wird der Trümmerbruch an der Nase operiert. Die Tamponade macht das Schlucken schwer, der schon zuvor schlanke junge Mann magert auf 53 Kilogramm ab, der geplante Osterurlaub mit Freunden fällt flach. Max ist vier Wochen krankgeschrieben, der Schweißkurs, Voraussetzung für die Prüfung des Handwerkerlehrlings, muss auf den Herbst verschoben werden.
Am Tag nach dem Angriff gehen Sabine und Max nach Kirchheim/Teck aufs Revier. Es ist Sonntagmorgen. „Auf der Wache haben sie uns erst mal eine Dreiviertelstunde hocken lassen“, sagt Sabine. Die Mutter und der frisch bandagierte Sohn kommen sich vor wie in einem Wartezimmer. Schließlich wird der Tathergang protokolliert. Max und Sabine bekommen zudem eine Opferbroschüre ausgehändigt. Man sei zuversichtlich, dass der Fall aufgeklärt werde, sagt die Beamtin nach der Routinebefragung.
Die Familie ist aufgewühlt, will etwas tun. „Die City Bar, die schräg gegenüber der Bushaltestelle liegt, hat doch eine Überwachungskamera“, fällt Sven, dem Bruder von Max, am Dienstagabend ein. Am Mittwoch geht Sven in die City Bar, und tatsächlich überlässt ihm der Besitzer die Aufnahmen von der Nacht auf Sonntag. Die mutmaßlichen Täter sind darauf zu sehen, Sven bringt den Speicherstick aufs Revier. Die Polizei bestätigt die Übergabe des Sticks und erklärt, die Aufnahmen – überschneidend – bereits selbst sichergestellt zu haben.
Etwa zwei Wochen später der nächste Termin auf der Kirchheimer Wache. Wahllichtbildvorlage. Drei Mappen mit jeweils acht Fotos von jungen Männern. Max schaut sie durch, kann aber die Schläger nicht identifizieren. Die potenziellen Verdächtigen sehen für ihn alle irgendwie ähnlich aus: „Ich konnte nicht hundertprozentig sagen, wer davon die Täter waren.“ Am Ende habe die Polizistin gesagt: „Ich will Ihnen ja keine Vorwürfe machen, aber . . .“ Max, so meint die Polizistin, hätte vor dem Haus seines Kumpels lauter sein müssen. Seine Mutter hätte noch in der Tatnacht unter der Nummer 110 den Ernst der Lage eindringlicher schildern sollen. „Wir waren nach dem Termin bei der Polizei fix und fertig, weil wir gemerkt haben: Das war’s jetzt. Es war einfach nur furchtbar“, sagt Sabine. Mutter und Sohn kehren mit dem Gefühl nach Hause, „alles falsch gemacht zu haben“.
Die Polizei erklärt gegenüber unserer Zeitung, dass „der Wortlaut der Gespräche nicht mehr nachvollzogen werden kann“. Dass aber eine sogenannte Täter-Opfer-Umkehr bei der Erforschung von Straftaten den Beamtinnen und Beamten des Polizeipräsidiums Reutlingen völlig fern liege.
„Gewaltopfer brauchen radikale Akzeptanz“
Björn Nolting ist Chefarzt der Esslinger Traumaambulanz. Er fordert: „Gewaltopfer brauchen für die Verarbeitung radikale Akzeptanz.“ Jede wie auch immer geartete Vorhaltung sei Gift. Die am Klinikum Esslingen angesiedelte Einrichtung gibt es seit zehn Jahren, sie gilt als Vorreiter im Südwesten. Durch das in diesem Januar in Kraft getretene soziale Entschädigungsrecht sind Betroffene nun besser gestellt, haben beispielsweise Anspruch auf Soforthilfe in einer Traumaambulanz. „Da hat man für die Opfer auf dem Papier schon einiges verbessert, die Frage ist aber die Umsetzung“, sagt Björn Nolting. „Die Ambulanzen werden sehr intensiv genutzt, aber der weitere Ausbau in Baden-Württemberg ist notwendig.“ Anfang Juli in diesem Jahr hat auch am Stuttgarter Marienhospital eine Traumaambulanz den Betrieb aufgenommen.
Max und Sabine verlieren sich zunächst im Bürokratiedschungel. Sie füllen seitenweise Formulare aus. Versuchen, psychologische Hilfe zu bekommen. Erst nach einem halben Jahr findet Max den Weg in die Esslinger Traumaambulanz. Er sagt, er habe den Angriff offenbar vergleichsweise gut weggesteckt. Björn Nolting darf sich zu einem konkreten Einzelfall nicht äußern, sagt aber allgemein: „Das soziale Umfeld ist sehr wichtig, nicht jeder Betroffene wird krank.“
Das Leben von Max geht weiter, er verkriecht sich nicht, geht aus, besucht Freunde. Trotzdem hat sich für ihn etwas verändert. Er meidet seit dem Angriff öffentliche Verkehrsmittel, fährt lieber Fahrrad. Kommt ihm eine Gruppe ausländisch aussehender Jugendlicher entgegen, weicht er aus.
Beim Weißen Ring kennt man solche Verhaltensmuster. „Du bist erschüttert. Die Handlungssicherheit ist weg“, sagt Hartmut Grasmück, der Landesvorsitzende des Vereins zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern und ehemals Polizeichef in Heilbronn. Im Südwesten sind im vergangenen Jahr deutlich mehr Körperverletzungen und Raubüberfälle registriert worden. Die Polizei verzeichnete allein 93 442 sogenannte Rohheitsdelikte – dazu zählen Raub, räuberische Erpressung und Körperverletzung. Das entspricht einer Steigerung von mehr als acht Prozent im Vergleich zum Jahr 2022.
Das Sicherheitsgefühl der Deutschen ist zurückgegangen. Laut einer ARD-Umfrage vom Juli fühlen sich 56 Prozent der Menschen im öffentlichen Raum sicher. Bei einer vergleichbaren Erhebung Anfang 2017 waren es noch 75 Prozent der Befragten. Muss man nachts auf der Straße Angst haben? Die Real-Madrid-Legende Toni Kroos, dessen Stiftung sich für gesundheitlich beeinträchtigte Kinder und Jugendliche einsetzt, sagte kürzlich, dass er im Vergleich zu Spanien ein mulmigeres Gefühl habe, seine Tochter „abends um 23 Uhr in einer deutschen Großstadt“ rausgehen zu lassen. Dagegen heißt es in einem Statement der Landeshochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen „Das Sicherheitsempfinden steht häufig in keinem direkten Verhältnis zur objektiven Sicherheitslage.“
Die polizeilichen Ermittlungen sind abgeschlossen
Die Aufklärungsquote bei Körperverletzungsdelikten im Land lag mit 90 Prozent zuletzt hoch. Der Fall von Max könnte zu jenen zehn von hundert gehören, die ungesühnt bleiben. Dass die Täter gefasst und verurteilt werden, ist für Opfer wichtig. „Wenn das nicht passiert, ist das für Betroffene häufig frustrierend“, sagt Björn Nolting.
Die Polizei teilt zu dem Fall mit: „Die polizeilichen Ermittlungen sind zwischenzeitlich abgeschlossen. Die Täter konnten trotz umfangreicher Überprüfungen und Zeugenvernehmungen nicht ermittelt werden. Der Vorgang wurde Ende Juni 2024 gegen Unbekannt der Staatsanwaltschaft Stuttgart zur weiteren Prüfung vorgelegt.“
Bei Max und seiner Familie bleibt das Gefühl einer verloren gegangenen heilen Welt. Und der Frust darüber, dass die Gewalttat wohl zu einem Aktenzeichen-ungelöst wird.