Die Tat sei aus Versehen passiert, sagte der Angeklagte bei Prozessauftakt am Dienstag. „Ich habe niemand verletzen oder gar töten wollen“, beteuerte der 19-Jährige aus dem Kreis Esslingen vor der 4. Großen Strafkammer (Jugendkammer) des Stuttgarter Landgerichts. Mit dem Cutter-Messer habe er vor dem Gesicht des Opfers nur herumgefuchtelt, um ihn einzuschüchtern. Die Anklage bewertet den Vorfall in den Abendstunden des 5. Mai vor der Bahnhofskneipe in Neuffen aber anders. Sie wirft dem jungen Mann unter anderem versuchten Totschlag vor. „Die Verletzung sei zwar nicht konkret lebensgefährlich gewesen“, sagte die Staatsanwältin. Sie geht aber davon aus, dass der Angeklagte alles getan hat, um sein Opfer zu töten.
Der Angeklagte war an dem Tatabend mit mehreren Kollegen, darunter auch sein Chef, in der Bahnhofskneipe zu Gast, um den Feierabend ausklingen zu lassen. Er habe viel getrunken, Bier und Schnaps, wie viel es am Ende war, daran könne er sich nicht mehr erinnern. Mit dem späteren Opfer, das er nur vom Sehen kannte, habe es an diesem Abend immer wieder Stress gegeben, sagte der Angeklagte aus. Als der 25-Jährige und seine Bekannte loszogen, um zur Bank zu gehen, habe er sich den beiden angeschlossen, denn auch er habe Bargeld gebraucht.
Dass sie auf dem Rückweg nicht auf ihn gewartet hätten, habe ihn geärgert. „Ich war genervt, weil sie mich alleine gelassen haben.“ Als sie in der Kneipe wieder aufeinandertrafen, habe eine Äußerung des 25-Jährigen das Fass zum Überlaufen gebracht. „Ich war vollkommen angepisst“, beschrieb er seinen Gemütszustand. Was das Opfer zu ihm gesagt hat, daran konnte sich der Angeklagte auch nach mehreren Nachfragen der Richterinnen nicht erinnern. Mit dem Messer habe er nur drohen wollen. Dabei habe er den 25-Jährigen möglicherweise versehentlich erwischt, sagte der Angeklagte. Der Cutter habe als Werkzeug in einer Messertasche an seinem Gürtel gesteckt. Weil er es bei der Arbeit ständig brauche, sei die Klinge immer ausgefahren. Bis zur Festnahme war der 19-Jährige als Hilfsarbeiter in einer Dachdeckerfirma beschäftigt, die dort begonnene Ausbildung hatte er abgebrochen. Auf weitere Brüche im Leben weisen die Einblicke hin, die der Angeklagte vor Gericht in seine Biografie gab. Er wuchs zwar in geordneten Verhältnissen auf, kam aber mehrfach in Heimen unter. Er galt als aggressiv, musste die Schule wechseln und flog wegen eines Rückfalls aus der Drogentherapie.
Tatwaffe ist verschollen
Dass der 25-Jährige verletzt wurde, habe er erst später bemerkt. Auch das Opfer selbst hatte von dem tiefen Schnitt am Hals, der mit neun Stichen genäht werden musste, zunächst nichts bemerkt. Er war am Dienstag als Zeuge geladen und berichtete, dass der 19-Jährige ihn im Verlauf des Tatabends immer wieder angepöbelt und ihm vorgeworfen habe, seine Cousine blöd angemacht zu haben. „Ich kannte aber weder ihn und schon gar nicht die Cousine“, sagte er. Er habe den 19-Jährigen, der völlig in Rage gewesen sei, gegen einen Zaun gedrückt, um ihn zu beruhigen.
Erst als ein neben ihm stehender Bekannter ihn auf das Blut an seinem Hals aufmerksam gemacht hat, habe er die Wunde realisiert. Dass der Angreifer ein Messer gehabt hat, habe er nicht bemerkt. Er habe den Cutter dann am Boden entdeckt und einem Bekannten des Angeklagten ausgehändigt, der es der Polizei übergeben wollte. Doch seitdem ist die Tatwaffe verschollen.
Der Angeklagte gab an, dass ihm erst am nächsten Morgen, als er daheim seinen Rausch ausgeschlafen hatte, klar geworden sei, was passiert war. Aus eigener Initiative habe er dann die Polizei angerufen. Der Prozess wird am heutigen Mittwoch fortgesetzt.