1912: Die Titanic sinkt Fakenews Titanic: „Alle Passagiere sind wohlbehalten in Halifax“

Dieses Bild vom 10. April 1912 zeigt die Titanic zu Beginn ihrer Jungfernfahrt. Foto: dpa

Der Böblinger Bote berichtet 1912 vom bis dahin größten Schiffsunglück der Menschheit. Zunächst mit Fakenews, welche die White-Star-Linie verbreitet.

Böblingen : Ulrich Stolte (uls)

Geschichten über die Hybris des Menschen haben sich tief ins Gedächtnis der Menschheit eingebrannt. Ikarus, der zur Sonne flog und abstürzte, der Turm zu Babel, der den Himmel erreichten sollte und die Sprachen verwirrte, Alexander der Große, der die Welt erobern wollte und am Fieber starb. Eine Geschichte über die Hybris der Technik ist der Untergang des britischen Passagierdampfers Titanic, dem damals größten Schiff der Welt, das als unsinkbar galt.

 
Das Wrack der Titanic liegt in 4000 Metern Tiefe. Foto: imago images/Mary Evans

Vielleicht würde man heute den Mythos von der Unsinkbarkeit als Reklamespruch der damaligen White-Star-Linie verstehen, und die Erinnerung an den Untergang des damals größten Dampfers der Welt wäre angesichts neuer Katastrophen verblasst, wenn nicht das Wrack der Titanic im Jahr 1985 in 4000 Metern Tiefe gefunden worden wäre, und wenn nicht im Jahr 1997 der geniale Regisseur James Cameron die Tragödie verfilmt hätte.

Nie gesehene Visualisierung

Der Film „Titanic“ bot vor dreißig Jahren eine nie gesehene Visualisierung des Schiffs, nie gesehene Tricktechnik, die erstmals mit dem Computer animiert wurde. Sie bot die Geschichte von Liebe im Angesicht des Todes, in dem die Standesunterschiede verschwinden, komprimiert in einer der schlimmsten Schiffskatastrophen der Menschheit.

Unvergesslich war damals eine Karikatur, die einen Kinosaal zeigte, in dem die Zuschauer bis zum Hals im Wasser sitzen, dem Wasser ihrer eigenen Tränen. Tatsächlich konnte man damals das Publikum schluchzen hören, als Jack Dawson, der Geliebte der 17-jährigen Rose DeWitt Bukater, für immer in den Fluten des eiskalten Atlantik versank.

Das größte je gebaute Schiff

Die Titanic war mit ihren 269 Metern das größte jemals gebaute Schiff des Planeten. Sie war auf der Jungfernfahrt von Southampton nach New York mit einem Eisberg zusammengestoßen, der den Rumpf aufriss und das Schiff am Morgen des 15. April gegen 2.20 Uhr untergehen ließ. Von den rund 2200 Passagieren und Mannschaften wurden nur 706 Menschen gerettet, meist Frauen und Kinder, die es in die Rettungsboote geschafft hatten. Ein Mensch kann nur etwa 20 Minuten im eiskalten Wasser überleben.

Die Böblinger Kreiszeitung berichtete am 16. April 1912 über das Unglück, einen Tag danach. Allerdings nur im Innenteil, der Aufmacher beschäftigte sich mit der Beerdigung der allseits beliebten und gütigen Herzogin Wera von Württemberg.

Heute würde man es Livestream nennen

Ob man damals schon eine Setzmaschine Typ Linotype verwendete oder die Zeitung noch mühsam Buchstabe für Buchstabe von Hand setzte, wissen wir nicht mehr. Auf alle Fälle war es extrem aufwendig, eine Seite aufzureißen und neu zu setzen. So blieb den Redakteuren des Böblinger Boten nichts anderes übrig, als die Meldungen so wie sie per Telegrafen und per Telefon eintrudelten, untereinander zu setzen, und es entspann etwas, was man heute einen Livestream nennen würde.

Denn die Nachrichtenlage war komplett unklar. Die erste Meldung unter der Überschrift „Großes Dampferunglück“ hörte sich so an:

„Montreal, 15. April. Die hiesige Marinebehörde hat nachmittags vier Uhr die drahtlose Nachricht erhalten, daß der Dampfer Titanic zu sinken drohe, und die die Titanic schleppenden Dampfer versuchen, das Schiff in seichtes Wasser bei Cape Rage zu bringen.“

Die White-Star-Linie verbreitet Fakenews

In der übernächsten Meldung heißt es: „alle Passagiere der Titanic sind in Sicherheit. Der Dampfer „Virginian“ nahm die Titanic ins Schlepptau.“

Die siebte Meldung lautet so: „Eine Meldung aus Montreal sagt, daß der Dampfer Titanic sich mit eigener Maschinenkraft Halifax nähert.“

Eine spätere Meldung berichtet, „daß zwei Schiffe der Titanic beistehen und alle Passagiere übernommen haben.“

Leicht zu erraten, dass hinter den Falschmeldungen die Direktion die Reederei der White-Star-Linie steckte, die zunächst das Ausmaß der Katastrophe verschleiern wollte. Tatsächlich hatte nur die New York Times schon am 15. April aktuell vom Untergang der Titanic und den vielen Toten berichtet, und zwar als einzige Zeitung weltweit.

Als sich für die Redaktion des Böblinger Boten das Ausmaß der Katastrophe abzeichnete und über den Telegraphen nichts mehr kam, versuchte sie telefonisch weiter zu recherchieren, und damit änderte sich das Bild:

Die zweite telefonisch eingeholte Meldung besagt: „Der Dampfer Titanic ist um 2.20 Uhr amerikanischer Zeit untergegangen.“

Die White-Star-Linie gibt es zu

In der nächsten Meldung wird das Ausmaß der Katastrophe offenbar: „Die White-Star-Linie gibt zu, dass von den 2200 Passagieren und der Mannschaft des gesunkenen Dampfers Titanic wahrscheinlich nur 675 gerettet sind. Letztere sind, wie der Dampfer Olimpique meldet, meistens Frauen und Kinder.“

Wie das immer so ist, beginnen sofort die Spekulationen: Das bis dahin größte Schiff der Welt habe durch einen starken Antrieb eine besondere „Ansaugkraft“ entwickelt, schreibt der Böblinger Bote, und stellt dem Leser anheim, ob das vielleicht der Grund für das Unglück war.

In den späteren Ausgaben tat der Böblinger Bote das, was alle guten Lokalzeitungen bis auf den heutigen Tag tun. Er machte die Geschichte relevant für die Leser vor Ort, indem er darüber berichtete, welche schwäbischen Postsendungen nach Übersee mit der Titanic untergegangen seien. Danach drehte die Zeitung das Thema weiter, als sie in einer langen Liste die schlimmsten Schiffsunglücke der Menschheit auflistete.

Trauertelegramm des Kaisers

In einer weiteren Ausgabe schilderte der Böblinger Bote, welche bedeutenden amerikanischen und deutschen Persönlichkeiten ihr eisiges Grab im Atlantik fanden und druckte die Trauertelegramme des Deutschen Kaisers an die britische Krone ab.

Anders als heute wurde im Böblinger Boten auch ein Trauergedicht auf den Untergang des Schiffes verfasst und abgedruckt: Das nicht ganz so gut geglückte Werk stammt aus der Feder des Schriftstellers Richard Nordhausen, das der gebildete Böblinger Redakteur mit den Worten einführte, es zeige den „Hass der Elemente gegen das Gebild’ von Menschenhand“. Damit hatte der Redakteur einen Vers von Theodor Fontanes Gedicht: „Die Brück’ am Tay“ fast wörtlich zitiert. Es handelt vom Einsturz der Firth-of-Tay-Brücke in Schottland am 28. Dezember 1879, die einen Eisenbahnzug mit 75 Menschen in den Tod riss. Bis zum Untergang der Titanic war diese Brücke das Symbol für die Hybris der neuzeitlichen Ingenieurskunst gewesen.

Schifffahrt der Superlative

White-Star-Linie
Die 1869 gegründete Gesellschaft betrieb Liniendienste nach Amerika, Australien und Neuseeland. Mehrere ihrer Schiffe waren die größten ihrer Zeit, wie zum Beispiel die Olympic, die Titanic und die Britannic.

Titanic
Der Dampfer wurde am 2. April 1912 in Dienst gestellt. Das Schiff wurde für den Einsatz im Transatlantik-Liniendienst zwischen Southampton und New York entworfen und legte am 10. April 1912 zu seiner Jungfernfahrt ab. In der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 stieß sie im Nordatlantik mit einem Eisberg zusammen und sank.

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