20 Jahre Museum Ritter Quadratisch, praktisch, Kunst

Quadratisch wie alles beim Museum Ritter: der Bau von Max Dudler Foto: Stefan Müller

Ausstellungshäuser privater Sammler gibt es viele. Das Museum Ritter in Waldenbuch ist besonders – und sieht auch noch gut aus. Jetzt wird Jubiläum gefeiert.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Es war schon eine kuriose Idee. Gewöhnlich kaufen Privatleute Kunstwerke, die ihnen gefallen oder gut ins Wohnzimmer passen würden. Als Marli Hoppe-Ritter vor 25 Jahren begann, Kunst zu kaufen, spielten Farben, Formen oder Motive dagegen keine besondere Rolle. Stattdessen sammelte die Unternehmertochter mit sehr klarem Kalkül und schafft bis heute ausschließlich Werke an, die sich mit dem Quadrat beschäftigen – und also bestens zur Schokolade aus dem Hause Ritter Sport passen. Quadratisch, praktisch, gut.

 

An diesem Wochenende feiert das Museum Ritter in Waldenbuch seinen zwanzigsten Geburtstag und kann mit Fug und Recht die Korken knallen und die Schokoladentafeln knacken lassen. Denn dieses einmalige Ensemble aus Kunst- und Schokoladenmuseum ist das, was man heute als Win-Win bezeichnen würde. Natürlich kommen die meisten Familien und Ausflügler wegen der Schokolade nach Waldenbuch. Aber letztlich profitiert nicht nur die Kunst von der Lust auf Süßes, sondern auch die Marke Ritter Sport mit dieser Kunstsammlung mit wahrlich ungewöhnlichem Alleinstellungsmerkmal.

Marli Hoppe-Ritter ist die Stifterin von Haus und Sammlung. Foto: photocouture/Sabina Paries

Unternehmer wissen sehr gut, dass Kunst ein idealer Werbeträger ist. Reinhold Würth sagte mal weise, dass er mit seinen Schrauben im Wirtschaftsteil der Zeitungen nie so große Artikel bekäme wie mit seinen Ausstellungen im Feuilleton. Sich aufs Quadrat zu beschränken, hat sich in Waldenbuch dann aber doch als durchaus kluges Museumskonzept erwiesen. Denn die Geometrie, die Kinder schon in der Grundschule lernen, ist eine gute Einstiegshilfe in die Kunst. Es genügt, beim Rundgang nach dem Spiel mit dem Quadrat zu fahnden – schon ist man mittendrin in der Beschäftigung mit den ausgestellten Arbeiten.

Wenn man heute durch das Museum Ritter läuft, staunt man, dass es Künstlerinnen und Künstlern bis jetzt immer wieder gelingt, dem Quadrat doch noch mal neue Aspekte abzutrotzen. Den Anfang machte Kasimir Malewitsch mit seinem „Schwarzen Quadrat“, das für ihn alles andere als eine nüchterne geometrische Form war. Er wollte Dreieck, Viereck und Kreis mit Gefühl durchglühen – während die Konkreten Künstler einen Schlussstrich ziehen wollten unter Kunst, die man politisch missbrauchen kann. Da kam ihnen die Geometrie gerade recht.

Das braune Quadrat wurde nicht von Malewitsch, sondern von Clara Ritter erfunden. Ihr ging es nicht um Utopien oder Mathematik, sie wollte einfach nur eine Tafel Schokolade, die in die Jackentasche passt. 1932 wurde das erste Schoko-Quadrat gegossen – und zum Erkennungsmerkmal von Ritter Sport. Deshalb war für Marli Hoppe-Ritter, die Enkelin des Firmengründers Alfred Ritter, auch klar, dass auch das Museumsgebäude die Idee des Quadrats reflektieren muss.

Entworfen wurde das Waldenbucher Museum von dem Schweizer Architekten Max Dudler. Als Schüler des von der Form des Quadrats geradezu besessenen Architekten Oswald Mathias Ungers war er der ideale Kandidat für die Familie. Dudler fand eine kluge Lösung, um dem braven Quadrat Spannung abzutrotzen, indem er eine gläserne Passage schräg durch den Kubus hindurchlaufen lässt. Und während der große Ausstellungsraum im Untergeschoss ein typisch steriler „White Cube“ ist, eröffnet das Museum im Obergeschoss schöne Ausblicke ins Grün, das schließlich den Charme von Waldenbuch ausmacht.

Barbara Willert leitet das Kunstmuseum Ritter. Foto: Museum Ritter

Als das Museum Ritter vor zwanzig Jahren eröffnet wurde, strömten die Neugierigen in Scharen nach Waldenbuch. Inzwischen hat das Kunstmuseum im Durchschnitt 30 000 Besucher pro Jahr. Das ist der Vorteil eines privaten Museums. „Es gibt keinen gesellschaftlichen Druck, ein breites Publikum anzusprechen“, sagt die Museumsleiterin Barbara Willert, außerdem seien „Entscheidungsprozesse vergleichsweise unbürokratisch und flexibel“. Und so war das Museum Ritter zum Beispiel eines der ersten Häuser, die auch Rundgänge für Menschen mit Demenz organisierten.

Auch aus finanzieller Sicht haben Privatmuseen einen Vorteil, gerade im Hinblick auf knapper werdende öffentliche Kassen. Die Zukunft des Museums Ritter ist in jedem Fall gesichert. „Es ist kein Firmenmuseum im klassischen Sinn, sondern unabhängig von Ritter Sport und dem Umsatz der Schokoladenfirma“, sagt Barbara Willert. Getragen wird das Museum von der Marli Hoppe-Ritter-Stiftung zur Förderung der Kunst. Und die, sagt Willert, „ist gut aufgestellt und stellt eine solide Finanzierung des Museums sicher.“

Der Boom der Privatmuseen

Eröffnungswelle
Seit der Jahrtausendwende haben in Baden-Württemberg diverse private Kunstmuseen eröffnet: Reinhold Würth machte 2001 den Anfang mit der Kunsthalle in Schwäbisch Hall, 2004 folge Frieder Burda in Baden-Baden. 2007 eröffneten Alison und Peter W. Klein in Eberdingen-Nussdorf auf dem Firmengelände ein Ausstellungshaus, während das Schauwerk Sindelfingen 2010 in ehemaligen Produktionshallen eröffnet wurde. Auch jenseits der Metropolen entstanden Museen: der Kunstraum Grässlin in St. Georgen oder das Museum von Margit Biedermann in Donaueschingen.

Programm
Am Samstag, 6.9., findet im Museums Ritter Waldenbuch von 11 bis 18 Uhr ein Museumsfest statt mit Mitmachstationen, Kunstaktionen für Kinder, Hüpfburg u.a. adr

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