20 Jahre nach dem Völkermord in Ruanda Der Held ist unbequem geworden

Vor 20 Jahren hat Paul Rusesabagina während des Genozids in Ruanda in einem Hotel 1268 Tutsi gerettet. Seine Geschichte wurde sogar verfilmt. Doch in der Heimat ist er nicht wohl gelitten, weil er sich eine eigene Meinung leistet.

Paul Rusesabagina erhielt 2005 vom  damaligen US-Präsidenten George W. Bush  den höchsten zivilen Orden der USA. Heute sagt Rusesabagina:  „Damit haben meine Probleme angefangen Foto: Ziedler
Paul Rusesabagina erhielt 2005 vom damaligen US-Präsidenten George W. Bush den höchsten zivilen Orden der USA. Heute sagt Rusesabagina: „Damit haben meine Probleme angefangen Foto: Ziedler

Kigali - An der Poolbar kreischen angetrunkene Partygängerinnen, verzückt von der Live-Band. Hochhackig, in hautenger Abendrobe sind die Frauen unterwegs, im Anzug mit teuren Uhren die Männer. Kigalis High Society geht aus – natürlich ins Mille Collines, einem ausgebuchten Vier-Sterne-Tempel, den auch westliche Touristen als eine der besten Adressen in der Hauptstadt Ruandas ansteuern. Palmen, Cocktails und auf den Flachbildschirmen läuft der Sender Euronews.

Luxus war auch schon vor 20 Jahren das Markenzeichen des Hotels Mille Collines. Doch das glamouröse Treiben ging Anfang April 1994 jäh zu Ende, als die Mordbanden durch die Straßen zogen. Den Schampus und den edlen Wein im Keller, auch die kubanischen Zigarren konnte der Hotelmanager trotzdem gut gebrauchen. Nur die Luxusartikel und viel Bestechungsgeld hielten die Milizen der Interahamwe davon ab, das Mille Collines zu stürmen, das zur letzten Zufluchtsstätte inmitten des Völkermords von Ruanda geworden war. „Ich habe mich gefragt“, erinnert sich Paul Rusesabagina , „wie ich 1268 Menschen in 113 Zimmern unterbringe.“ Er schaffte es, jeder Einzelne von ihnen hat überlebt.

Renoviert und oft ausgebucht: im Luxushotel Milles Collines finden sich nur wenige Spuren vom Bürgerkrieg vor 20 Jahren. Foto: StZ
Rusesabagina, der dieses Jahr 60 Jahre alt wird, sitzt auf dem cremefarbenen Ledersofa in seiner Brüsseler Wohnung, kehrt in Gedanken zurück nach Ruanda und erzählt seine Geschichte. „Ich bin kein Held“, sagt er, „ich habe nur meinen Job gemacht.“ Spätestens seit vor zehn Jahren der Film „Hotel Ruanda“ in die Kinos kam, ist Rusesabagina aber doch einer. Porträtiert wird er in dem Streifen als schwarzer Schindler, der unter hohem Risiko Leben rettet. Prestigeträchtige Ehrungen folgen. Auf dem Kaminsims steht ein Foto, das ihn zusammen mit US-Präsident George W. Bush zeigt, der ihm gerade die Freiheitsmedaille umgehängt hat, die höchste zivile Auszeichnung der Vereinigten Staaten.

Die Schlächterei beginnt am 6. April

Es wäre alles ganz anders gekommen, wenn Rusesabagina auf seinen Freund gehört hätte. Der rät ihm Ende März 1994, angesichts der explosiven Stimmung im Land nicht nach Hause zu kommen und in Brüssel zu bleiben, wo die Hotelkette ein Fortbildungsseminar organisiert. „Jeder wusste damals, dass etwas passieren wird, wir wussten nur nicht was“, erinnert sich Rusesabagina. Er kehrt dennoch nach Kigali zurück. Wie hätte er seine Frau und die Kinder im Stich lassen können? Wenige Tage später, als am 6. April das Flugzeug des Präsidenten abgeschossen wird, explodiert Ruanda. Die Schlächterei, der in den nächsten Monaten eine Million Menschen zum Opfer fallen werden, beginnt. Die Milizen vom Stamme der Hutus greifen Angehörige der Tutsis an – alle Ausländer verlassen das ostafrikanische Land fluchtartig.

Im Hotel Diplomat, wo Rusesabagina damals arbeitet, ist also wenig los. Im Mille Collines, einen Kilometer die Straße entlang, schon. Es gehört demselben belgischen Unternehmen, das Rusesabagina bittet, dort nach dem Rechten zu sehen, wo er schon in den Achtzigern sein Geld verdient hat. Der schnappt sich seine Familie und zieht am 11. April ins Mille Collines, wo seine Autorität als Chef erst akzeptiert wird, als er ein Schreiben des Besitzers präsentieren kann. In den knapp drei Monaten, die folgen, wird er Nahrung ins Hotel schmuggeln lassen, streng das Wasser rationieren und mit unzähligen Telefonaten und Geschenken ein ums andere Mal die Stürmung des Hotels verhindern.

Für Eric Gatabzi ist das Hotel ein sicherer Ort

Einer der Flüchtlinge, der sich damals ins Mille Collines retten konnte, ist Eric Gatabazi. Ein 33-Jähriger mit schrecklichen Albträumen und einer

Im Hotel fand Eric Gatabazi als 13-Jähriger Zuflucht. Heute leitet er die Gedenkstätte Murambi im Süden Ruandas. Foto: Daniel Pilar
Stimme, die leise und traurig wird, wenn er von früher erzählt. Im April 1994 irrt der damals 13-Jährige, dessen ganze Familie getötet worden ist, durch Kigali und hat Glück, dass ihn Blauhelmsoldaten mit ins Hotel nehmen. „Es war der Horror“, erinnert er sich an die Kämpfe, die sie von den Zimmern aus sehen und hören konnten. Der Hotelkomplex thront hoch über der Stadt der vielen Hügel, mit bester Aussicht. „Ich dachte immer, gleich kommen sie und holen auch uns.“

Zu siebt schlafen sie in einem Zimmer, eine fremde Familie hat ihn aufgenommen, gibt ihm zu essen. „Mein Job war es, mit einer Milchpulverdose Wasser aus dem Swimmingpool zu schöpfen, wir hatten kein Trinkwasser mehr.“ Einmal ist er in den Pool gefallen, wäre fast ertrunken, wenn ihn nicht jemand noch rausgezogen hätte. Dem Manager sei Geld gegeben worden, das habe jeder getan, erinnert sich Gatabazi – in der Hoffnung, dass es genug war. Denn eines Tages sind die Nummern an den Zimmern der Tutsi-Bewohner verschwunden. Dadurch hätten die Milizen bei einer Eroberung des Hotels gewusst, wen umbringen und wen verschonen.