20 Jahre nach Verhaftung Der lange Schatten des belgischer Serienmörders Dutroux

Von Markus Grabitz 

Am 13. August 1996 wurde der belgische Serienmörder festgenommen. Auch 20 Jahre danach wird das Land von dem Skandal immer wieder eingeholt. Zuletzt nach den Terroranschlägen im März 2016.

Marc Dutroux bei der Urteilsverkündung 2004. Der Serienmörder hat keine Chance, je wieder frei zu kommen. Foto: dpa
Marc Dutroux bei der Urteilsverkündung 2004. Der Serienmörder hat keine Chance, je wieder frei zu kommen. Foto: dpa

Brüssel - Seine Mutter hat die Behörden vor ihm gewarnt. Im Januar 1995 zeigt Janine Lauwens ihren Sohn, einen gewissen Marc Dutroux, wegen Schwarzarbeit an. Sie schreibt einen Brief an das zuständige Amt und weist darauf hin, dass er zusammen mit seiner Lebensgefährtin Michelle Martin illegal Maurerarbeiten erledige. Dutroux droht Ärger, weil er und seine Partnerin staatliche Invalidenrente in Höhe von umgerechnet 1900 Euro im Monat beziehen und daher nicht arbeiten dürfen, schon gar nicht schwarz.

Der Hinweis der Mutter findet durchaus Beachtung in der belgischen Verwaltung. Der Beamte Jacques D. nimmt sich des Falles an. Es dauert lange, wiederholt muss er bei der Justiz nachfragen. Doch im November 1995 ist es so weit, endlich bekommt er Einblick in die Strafakten des damals 39-Jährigen. Dort erfährt er, dass Dutroux Mitte der 80er Jahre zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt worden ist wegen der Entführung und Vergewaltigung von fünf Mädchen und jungen Frauen. Doch schon nach etwas mehr als der Hälfte der verbüßten Strafe wurde Dutroux vorzeitig entlassen. Der Beamte lädt den Vater von fünf Kindern vor, vernimmt ihn sechs Stunden lang zur Schwarzarbeit und verhängt schließlich eine Geldbuße von umgerechnet 67 000 Euro.

Mädchen am helllichten Tag von der Straße entführt

Das Schreiben mit der Zahlungsaufforderung trifft bei Dutroux ein, da ist er bereits in anderer Sache in Haft: Vor zwanzig Jahren – am 13. August 1996 – wird Dutroux festgenommen unter dem dringenden Verdacht, wenige Tage zuvor die 15-jährige Laetitia entführt zu haben. Das Mädchen hatte sich nach einem Freibadbesuch von ihren Freundinnen verabschiedet und wollte allein nach Hause gehen. Dort kam sie aber nie an.

Dutroux hatte sie zusammen mit einem Komplizen in seinen Renault-Lieferwagen gezerrt und in einen versteckten Kerker gebracht, den er in seinem Haus in der Nähe der südbelgischen Stadt Charleroi eingerichtet hatte. Einem Jungen im Freibad war der Lieferwagen von Dutroux seltsam vorgekommen. Er konnte sich bei der Polizei an ein Fragment des Nummernschildes erinnern. So kamen die Fahnder schließlich auf die Spur eines Serienmörders.

Vier seiner Opfer wurden nur tot geborgen

Mit der Festnahme im August 1996 eskalierte die Affäre Dutroux, die Belgien in eine tiefe Staatskrise stürzen sollte. Erst zwei Tage später wurde Laetitia aus Dutrouxs Kerker befreit – lebend. Ebenso ein weiteres Mädchen, das Dutroux zusammen mit einem Komplizen auf dem Schulweg gekidnappt hatte. Vier andere Mädchen, die er ebenfalls entführt und missbraucht hatte, wurden tot geborgen. Zwei Mädchen hatte er mit Gift ermordet, die anderen beiden waren in ihrem Gefängnis verhungert.

Dutroux hatte die Leichen seiner Opfer mit einem Bagger, wie er im Straßenbau benutzt wird, auf seinem Grundstück verscharrt. Auch die sterblichen Überreste eines Komplizen wurden dort gefunden. Bezeichnend für seine Gefühllosigkeit ist, wie er bei den Vernehmungen die Entführung von Laetitia rechtfertigt: „Das war, um Sabine eine Spielkameradin zu besorgen, um die sie gebeten hatte.“ Sabine hatte er Wochen vorher gekidnappt.

Dutrouxs Mutter hatte vor der seiner vorzeitigen Entlassung gewarnt

Die belgische Polizei und die Staatsanwaltschaft geraten in der Folge unter heftigen Beschuss. Zahlreiche Ermittlungspannen nähren Spekulationen, dass nicht nur Schlamperei dafür verantwortlich war, dass Dutroux erst so spät das Handwerk gelegt wurde. Wurde er womöglich von höherer Stelle gedeckt? Skandalös ist, dass der rechtskräftig verurteilte Entführer und Kinderschänder im April 1992 nach Verbüßung der Hälfte der Strafe wegen Vergewaltigung auf Bewährung entlassen wurde. Seinerzeit hatte die Staatsanwaltschaft dagegen protestiert, auch seine Mutter hatte vor einer Freilassung gewarnt.

Schöpfte wirklich kein Ermittler Verdacht, als in der Nähe von Dutrouxs Wohnort im Laufe des Jahres 1995 mehrere Mädchen zwischen neun und 18 Jahren spurlos verschwanden? Beim Täter muss dieses stümperhafte Vorgehen der Sicherheitsbehörden dazu beigetragen haben, dass er glaubte, weitere Verbrechen begehen zu können und straffrei davon zu kommen.