20 Jahre Putin Der russische Kampf um die nationale Würde

Von Ulrich Krökel 

Seit 20 Jahren agiert Wladimir Putin auf der politischen Weltbühne. Der Staatslenker hat Russland in eine Autokratie mit diktatorischen Zügen verwandelt.

  Foto: AFP
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Moskau - Vor 20 Jahren betrat Wladimir Putin die Bühne in Moskau. Zunächst als Ministerpräsident von Boris Jelzin. Damals, an jenem 9. August 1999, hätten wohl nur die wenigsten Beobachter geglaubt, dass der eher kleine und schmächtige Arbeitersohn, der beim KGB Karriere gemacht hatte, in wenigen Jahren zu einem der mächtigsten Männer der Welt aufsteigen würde.

Doch genau so kam es. Putin wird im In- wie im Ausland bewundert und gefürchtet, verehrt und gehasst. Eines aber schwingt immer mit, wenn die Rede auf den Kreml-Chef kommt: Respekt. Putins Präsidentschaft kreiste von Anfang an um die Wiedergewinnung von nationaler Würde. Denn Russland lag am Ende der Jelzin-Jahre am Boden.

1998 raubte die Rubel-Krise den Bürgern Ersparnisse

Nach dem Untergang der Sowjetunion war das Riesenreich in Anarchie verfallen. Der Staat zahlte keine Renten und Gehälter mehr. Die berüchtigten Oligarchen, die nichts anderes waren als Mafiapaten, rissen mittels Mord und Terror das Volkseigentum an sich. 1998 raubte die Rubel-Krise den Bürgern Ersparnisse. Im Jahr darauf vollzog die Nato ihre Osterweiterung und bombardierte Russlands Bruderstaat Serbien.

Wer die Putin-Ära bilanzieren will, muss vor diesem Hintergrund zuallererst an das russische Trauma erinnern, das mit dem Untergang des Sowjetimperiums einherging. Es ist der Schlüssel zu allem. Dem neuen Präsidenten gelang es dank sprudelnder Einnahmen aus Öl- und Gasgeschäften zwar schnell, die Lage im Innern zu stabilisieren. In der Außenpolitik waren die Dinge aber komplizierter: Anfangs setzte Putin auf eine Annäherung an den Westen, wie seine berühmte Rede in Berlin im September 2001 zeigte. Im Bundestag bot er in exzellentem Deutsch eine neue Partnerschaft zwischen Ost und West an. „Wir tun dies als ein Volk, das gute Lehren aus dem Kalten Krieg gezogen hat“, sagte er. Unterm Strich schlug Putin nichts Geringeres als Russlands Integration in Europa vor.

Russland hat sich in eine Autokratie mit diktatorischen Zügen verwandelt

Sprache, Tonfall und Inhalt änderten sich jedoch bald. Als Putin 2007 ans Mikrofon der Münchner Sicherheitskonferenz trat, zeichnete er das Bild einer Welt „mit einem einzigen Hausherren: In der Wirtschaft, der Politik und der Gesellschaft wird das System der USA anderen Nationen übergestülpt.“ Das sei tödlich für alle. Vielen Zuhörern stand der Schock ins Gesicht geschrieben.

2003 hatte sich Putin an der Seite des französischen Präsidenten Jacques Chirac und des deutschen Kanzlers Gerhard Schröder gegen die US-Invasion im Irak gestellt. Vergeblich. Erfolglos blieb auch der Widerstand gegen das Wachstum der Nato: Im März 2004 traten weitere sieben Länder des ehemaligen Sowjetblocks der Militärallianz bei. Als im Herbst 2004 in der Ukraine die prowestliche Revolution losbrach, stand plötzlich ein Regimewechsel auch in Moskau im Raum.

Was folgte, wirkt im Rückblick fast so zwingend wie der Ablauf einer Kettenreaktion. Als sich Putin 2012 zur Wiederwahl stellte und Zehntausende gegen ihn protestierten, ließ er die Demonstranten zusammenknüppeln – ein Drama, das sich bis in die Gegenwart hinein vielfach wiederholte und in mehreren Morden an Regimegegnern traurige Tiefpunkte fand.

Die militärische Eroberung der ukrainischen Krim im Jahr 2014 war das außenpolitische Gegenstück dazu. Putin, daran gibt es im 2019 keine Zweifel mehr, hat Russland in seinem Ringen um Würde in eine Autokratie mit diktatorischen Zügen verwandelt.