Früher Punk-Rock, heute familienkompatibles Wirtshaus mit subversivem Charme und ausgezeichneter Küche: Am Samstag feiert das Schlesinger seinen 20. Geburtstag. Eine Verbeugung vor einer ganz besonderen Wandlungsgastronomie.

Stuttgart - Eine Kurznachricht sagt mehr als tausend Worte. Als der Autor dieser Zeilen an Martin Arnold alias Nolde, der das Wirtshaus Schlesinger gemeinsam mit Heribert „Heri“ Meiers betreibt, eine kurze SMS schickt, dass er sich um ein paar Minuten verspätet, kommt ein „Kein Stress“ mitsamt einem Bier-Emoticon zurück. Das ist die Essenz dieser Institution: Entschleunigung und Gerstensaft. Mehr muss man über die Kneipe, die am kommenden Samstag 20-jähriges Bestehen feiert, eigentlich nicht wissen.

 

Das ist natürlich untertrieben. Wenn eine Gaststätte 20 Jahre auf dem Buckel hat und trotz aller Veränderungen ihrem Kern treu gebleiben ist, muss man schon einmal genauer hinschauen. Als Nolde und Heri das Schlesinger gemeinsam mit Jörg „Tschelle“ Schelling eröffneten, ging man nach der Schicht noch auf einen Absacker ins Unbekannte Tier. Das „Tier“ ist längst Geschichte, das Schlesinger konkurriert heute mit einer Vielzahl an Betrieben, die entweder ähnlich rotzig daherkommen wollen, oder gutes Essen in petto haben – aber nie beides. Dass die Kneipe an der Schlossstraße trotzdem immer noch gerammelt voll ist, hat vor allem einen Grund: Bei allem Sich-treu-Bleiben hat das Schlesinger einen erstaunlichen Wandel vollzogen, von der Punk-Kneipe hin zur familienkompatiblen Lokalität, in der man ausgezeichnet schwäbisch essen kann. „Wir waren in Stuttgart mit die ersten, die bei der bäuerlichen Erzeugergemeinschaft eingekauft haben. Bei uns gibt es kein billiges Schwein, wir machen alle Soßen, alle Braten selber“, sagt Nolde.

Das legendäre Casino war die Keimzelle fürs Schlesinger

Diese Mischung aus erstaunlich gutem Rostbraten und einer für Stuttgarter Verhältnisse erfrischendem Maß an unprätentiösem Auftreten führt schon mal dazu, dass an einem Samstagabend eine Mutter mit sechs Kindern zwischen sieben und neun Jahren ins Schlesinger kommt, um dort einen Schni-Po-Sa-Kindergeburtstag zu feiern. Einen Kindergeburtstag im Schlesinger! Das hätte es früher nicht gegeben. „Wir sind bei weitem keine Punk-Kneipe mehr, wir veranstalten weniger Konzerte als früher“, erklärt Nolde bei einem Frischgezapften. Früher haben alle Stuttgarter Bands von No Sports bis Good Men gone Bad im Schlesinger gespielt, heute geht es etwas gesitteter zu in der Kneipe. Als das Schlesinger 1996 gegründet wurde, hieß das Zauberwort Erlebnisgastronomie. „Wir wollten dem eine Wandlungsgastronomie entgegensetzen“, erinnert sich Nolde, einen Ort also, der sich bis heute je nach Anlass problemlos verwandeln lässt.

Spricht man mit dem heute 53-jährigen Nolde über seine Mannschaft, über den speziellen Schlesinger-Spirit, fällt oft der Satz, „der war schon im Casino mit dabei“. Das legendäre Casino war die Keimzelle für das Schlesinger. Die EM- und WM-Übertragungen im Schlesinger haben ihre Wurzeln dort. Hier wurde die WM schon übertragen, als gemeinsames Fußballgucken noch kein Mainstream-Konsens mit Schwarz-Rot-Goldener-Schminke im Gesicht war. Im Schlesinger wurde die heilige Trias, bestehend aus Fußball, Schnitzel, Bier, schließlich perfektioniert. Eine Zeit lang gab es mitten im Raum die Rumänen-Lounge, einen Käfig, den man zu EM- oder WM-Zeiten mieten konnte. „Das machen wir heute aber nicht mehr, ist zu viel Aufwand“, erklärt Nolde.

Auch der Tag des Bieres wird groß gefeiert

Egal ob Aufwand oder nicht: der Tag des Bieres am 23. April wird im Schlesinger groß gefeiert. „Vor 15 Jahren haben wir damit noch klein angefangen, von unserer ersten Bier-Tour sind wir mit 20 Biersorten von der Alb zurückgekommen“, erinnert sich Nolde. Im Lauf der Zeit wurden die Touren immer aufwendiger, mittlerweile werden Filme gedreht, im vergangenen Jahr gab es 137 Biersorten. Zur Feier von 500 Jahre Reinheitsgebot am 23. April will die Schlesinger-Mannschaft in diesem Jahr ein bisschen weiter in den Osten reinfahren. Jetzt steht aber erst mal das 20-Jährige am Samstag ab 20 Uhr an.

Für das Jubiläum verzichtet man in diesem Jahr auch auf die grüne After-Wahl-Party am Sonntag, die seit Jahren ebenfalls im Schlesinger stattfindet. Aber mal ehrlich: Was ist schon eine Landtagswahl gegen eine 20-jährige Legislaturperiode voll wirklich wichtiger Inhalte wie Fußball, Schnitzel und Bier.