20 Jahre Tafel Die Helfer der Tafelrunde

In den Tafelläden können Bedürftige für wenig Geld Lebensmittel einkaufen. Foto: dpa
In den Tafelläden können Bedürftige für wenig Geld Lebensmittel einkaufen. Foto: dpa

Die Tafeln, bei denen Bedürftige Lebensmittel günstiger bekommen, sind in Deutschland weit verbreitet. Der Bundesverband trifft sich am Donnerstag zum 20. Mal. Doch statt nur Jubiläumsfreude steht Kritik und Grundsätzliches auf dem Programm.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Miriam Hesse (mir)
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Stuttgart - An der Idee kann keiner mäkeln: Bevor sie qualitativ einwandfreie Überschüsse wegwerfen, spenden Supermärkte, Discounter und seltener auch die Hersteller selbst die Lebensmittel gemeinnützigen Einrichtungen, die diese gegen einen geringen Obolus an Bedürftige weiterreichen. Mit diesem Prinzip sind die Tafeln in Deutschland groß geworden – und zahlreich. Bundesweit gibt es mittlerweile mehr als 900 der je nach Bundesland sehr unterschiedlich organisierten Essensausgaben, rund 1,5 Millionen Menschen erreicht das Angebot, etwa 50 000  ehrenamtliche Helfer engagieren sich dafür.

Zu den „Überzeugungstätern“, wie er sich nennt, gehört Jochen Brühl, der 1999 als Student der Sozialarbeit quasi unversehens zum Geschäftsführer der damals neu gegründeten Tafel in Ludwigsburg ernannt wurde und mittlerweile Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel ist. Die Existenz der Einrichtungen sei ein Beweis für die „verfehlte Armutspolitik“, sagt Brühl. Ursprünglich als vorübergehende Mahlzeitnothilfen gedacht, sind die Tafeln nach zwei Jahrzehnten so sesshaft geworden, wie sie es nie sein wollten, und angesichts der stetig wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich weiter denn je davon entfernt, überflüssig zu sein. Am Donnerstag kommen rund 1000 Aktive in Wiesbaden zum 20. Treffen des Bundesverbandes zusammen. Großes Thema dabei: ob das rasante Wachstum der Zahl der Tafeln weitergehen darf – und was dann aus dem Bestreben wird, sich selbst möglichst bald abzuschaffen.

Die Kritik: Die Tafeln tragen ihren Beitrag zur Armut bei

Man könne eben nicht darauf warten, dass die Politiker das Armutsproblem endlich an der Wurzel packen, meint Brühl, der Diakon und hauptberuflich Fundraiser beim Gesamtverband des Christlichen Vereins Junger Menschen(CVJM) ist: „Natürlich hätte der barmherzige Samariter auch erst mal nach Jerusalem reiten können und dort melden können, dass jemand zusammengeschlagen worden ist. Aber er hat sich eben für die Soforthilfe entschieden.“ Dass aus der Soforthilfe inzwischen praktisch eine Dauereinrichtung geworden ist, gefällt Brühl nach eigenem Bekunden selbst nicht. „Aber wir sind wie Nervensägen, es ist eine Provokation, dass es uns gibt“, sagt der 48-Jährige: „Allein die Existenz der Tafeln weist die Politik darauf hin, dass das kein Zustand ist.“

Doch genau das ist Armut in Deutschland geworden, kritisiert der Soziologe Stefan Selke, Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Furtwangen im Schwarzwald. Uund die Tafeln hätten ihren Teil dazu beigetragen. Der riesig gewordene Verband operiere „wie ein Sozialkonzern auf dem Armutsmarkt“, der in einer „Dauersynchronisation der Interessen“ die Politik entlaste: „Aus der charmanten Idee vom Verteilen des Überflüssigen ist das Ersetzen des Fehlenden geworden.“

Durch Hartz IV sind die Tafeln noch verbreiteter

Selke hatte 2013 das bereits wieder aufgelöste Aktionsbündnis „Armgespeist“ gegen die Tafeln initiiert und hat gerade das Forschungsprojekt „Tafelmonitor“ abgeschlossen, das sich im Wesentlichen aus eigener Anschauung speist. Vor Ort hat er festgestellt, dass es bei den Tafelkunden „die Integrierten gibt, die sich in der Parallelwelt eingerichtet haben, und die Pragmatischen, die die Almosen quasi als Rechtsgüter einfordern – zum Preis der Beschämung“.

Diese Einschätzung kann der Bundesvorsitzende der Tafeln aus eigener Erfahrung überhaupt nicht teilen. Für die Bedürftigen seien die Essensausgaben auch wichtige Begegnungsstätten, sagt Jochen Brühl. Und die Tafel als Dauereinrichtung sei ihm selbst ein Dorn im Auge: Wenn es nach ihm geht, soll die Zahl der Tafeln auf keinen Fall noch weiter wachsen, im Gegenteil. Das würde der Vorsitzende des Landesverbandes der Tafeln in Baden-Württemberg, der mit 145 Einrichtungen besonders stark aufgestellt ist, so prinzipiell nicht sagen. „Wir brauchen auch die Hilfe in kleinen Dörfern im ländlichen Raum“, sagt Rolf Göttner.

In Stuttgart gibt es auch eine Medikamenten-Tafel

Trotz der Verbreitung der Tafeln, die durch die Einführung von Hartz IV signifikant angestiegen seien, seien für viele Arme die Wege noch zu weit: „Wer sich kein Essen leisten kann, hat auch kein Geld für die Fahrkarte.“ Das Problem sei nur, dass die Menge der bereitgestellten Lebensmittel endlich und durch das Bestreben der Händler und Hersteller, weniger Überschuss zu produzieren, dauerhaft um etwa fünf Prozent zurückgegangen sei: „Manche Tafeln fahren schon jetzt bis zu 40 Kilometer, um ihre Spenden abzuholen.“

Über den einstigen Anspruch, irgendwann überflüssig zu sein, kann Göttner nach fast 20 Jahren Tafel-Engagement nur müde lächeln: „Das war das Ziel der Sozialromantiker.“ Gegen die Ausbreitung der Tafel-Marke hat der 72-Jährige nichts Grundsätzliches einzuwenden – hat er doch selbst die Stuttgarter Medikamenten-Tafel mitbegründet, die in Zusammenarbeit mit Apotheken läuft, und von der es bundesweit nur eine weitere gibt. Beim jetzigen Treffen muss es seiner Ansicht nach vor allem um eines gehen: „Wir müssen professioneller werden, unsere Lebensmittellogistik muss sich der Industrie und dem Handel stärker anpassen.“ Soll konkret heißen: die Bereitschaft, jederzeit erreichbar zu sein für mögliche Spontanspenden und die Annahme der Waren nachts, frühmorgens, auch feiertags, kann aus Göttners Sicht nicht mehr allein von Ehrenamtlichen gestemmt werden.

Tägliche Öffnungszeiten halten viele für gefährlich

Was der baden-württembergische Landesvorsitzende unter „in die Zukunft hinein denken“ versteht, fällt bei Sabine Werth ganz anders aus. „Wir müssen die Tafeln neu erfinden“, sagt die 57-Jährige. Die Gründerin der ersten Tafel 1993 in Berlin, deren Vorsitzende sie immer noch ist, sieht das Tafelprinzip mittlerweile selbst sehr kritisch: „Wir haben den Punkt des Stopps verpasst.“ Das nur im Südwesten verbreitete Ladensystem mit täglichen Öffnungszeiten hält sie für „brandgefährlich“; in Berlin werden nur ein Mal pro Woche, meist in Kirchenräumen, Waren aufgebaut, aus denen die Bedürftigen auswählen können: „Damit klar ist, dass wir wirklich nur Zusatzversorger sind.“

Aus Werths Sicht müssen die Tafelmitglieder „politischer werden, mehr Lobbyarbeit leisten, viel öfter die Klappe aufmachen“ – und deutlich stärker auf Hilfe zur Selbstversorgung setzen. Sie hat ein Kochbuch herausgebracht, in dem die Rezeptliste nach Zutaten sortiert ist: „Da gucke ich nicht nach Ratatouille nach, sondern nach dem, was ich habe.“ Sie fördert Kochkurse mit Kindern, Treffen zum Urban Gardening und predigt gegen die Lebensmittelverschwendung und Fertigessen – und dass das Mindesthaltbarkeitsdatum kein Gebot ist: „Die Ärmsten sind da oft am strengsten.“

Lebensmittel zukaufen? Für viele wäre das der „Tod der Tafeln“

Am Ende aber könnte eine kleine Tafel aus Bayern das Bundestreffen aufmischen: Um die Angebotsvielfalt zu erweitern, hat sie beantragt, die Satzung dahin gehend zu ändern, dass Lebensmittel zugekauft werden dürfen. Damit wäre der schmale Grat, auf dem die Tafeln agieren, endgültig verlassen und ein Submarkt eröffnet. „Das wäre der Tod der Tafeln“, sagt Göttner. „Einen systematischen Zukauf darf es nicht geben“, sind sich Göttner, Brühl und Werth einig. Da dies so offensichtlich sei, werde der Antrag wohl keine Mehrheit bei den Mitgliedern finden – meinen sie. Aber ganz sicher sind sich alle drei nicht.




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