Wer darf in den Himmel, wer muss in die Hölle? Die Palazzo-Show „Geisterstunde“ verbindet Schräges mit Poesie. Ein himmlisch starkes Jubiläum! Das Publikum dankt mit Standing Ovations.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Mit einem schelmischen Lächeln begrüßt Palazzo-Sprecher Bernd Zerbin am Dienstagabend die 320 Premierengäste im proppenvollen Spiegelzelt auf dem Cannstatter Wasen – mehr passen nicht hinein. „Sie haben sich in 20 Jahren kaum verändert“, ruft er dem Publikum an den festlich eingedeckten Tischen mit dem Kerzenglanz zu. Viele sähen noch genauso aus wie 2004 – ein schöner Beweis, so Zerbin scherzhaft, dass vom Palazzo „ein Anti-Aging-Zauber“ ausgehe.

 

Tatsächlich liegt der erste Stuttgarter Palazzo-Winter inzwischen zwei Jahrzehnte zurück. In der Gastronomie ist dies ein seltener Geburtstag, den die meisten gar nicht schaffen. 2004 wurde „Hartz IV“ zum Wort des Jahres gekürt, in den USA startete Facebook – und in Stuttgart feierte das Dinner-Spektakel seine Premiere, damals auf dem Pariser Platz. Wegen der Corona-Pause ist „Geisterstunde“ nun die 20. Show – und sie zählt zu den stärksten seit Beginn.

Harald Wohlfahrt begeistert seit 20 Jahren

Das Menü kommt wie seit 20 Jahren vom Meister: Der frühere Drei-Sterne-Koch Harald Wohlfahrt hat vor wenigen Tagen seinen 70. Geburtstag gefeiert, „sehr schön in der Familie“, wie er berichtet. Wie es der Kochlegende geht? „Von Jahr zu Jahr immer besser“, antwortet Wohlfahrt. Es mache ihm immer noch großen Spaß, Menüs zu entwickeln, vor allem bei der vegetarischen Variante hat er zugelegt. Gern werde dies „auch in den nächsten 20 Jahren tun“, wie er sagt. Zeit sei relativ, meint er: „Die Jahre zwischen 30 und 60 sind lang – und die zwischen 60 und 90 aber genauso.“

Die Gäste genießen vier Gänge, für deren Service das Team in 20 Jahren insgesamt rund 24.000 Kilometer gelaufen ist – Zerbin hat akribisch nachgerechnet. Zudem summieren sich die Stuttgarter Spielzeiten auf beeindruckende 1600 Showtage.

Die Geburtstagsshow „Geisterstunde“ führt das Publikum in eine geheimnisvolle Zwischenwelt zwischen Erde, Himmel und Hölle. Schauplatz ist eine skurrile Geistervilla, in der Comedian Sebastian Matt das Publikum als witzig-schräger Hausherr empfängt. Die Atmosphäre wechselt ständig: mal herrlich komisch, dann überraschend philosophisch, immer wieder berührend.

Beim Finale mit dem Ensemble bedankte sich Harald Wohlfahrt. beim begeisterten Publikum. Foto: Ferdinando Iannone

Über allem schwebt die Frage: Wer darf in den Himmel , wer wird in die Hölle geschickt und wer muss auf der Erde bleiben? Ein strenger Türsteher an der Himmelspforte sortiert unerbittlich aus. Alle artistischen Darbietungen sind perfekt in dieses Konzept eingebettet, was der Show eine ungewöhnliche Tiefe verleiht und an manchen Stellen obendrein an die „Rocky Horror Picture Show“ erinnert.

In der Show heißt es: „Wenn ihr nicht in den Himmel kommt, kommt der Himmel zu euch“ – in Form der vier Gänge von Harald Wohlfahrt.

Raffinierte Verknüpfung begeistert Stuttgarter Publikum

In den vergangenen 20 Jahren hat das verwöhnte Stuttgarter Publikum viel gesehen. Wie lassen sich Höhepunkte steigern? Indem man die einzelnen Nummern bei der „Geisterstunde“ noch raffinierter als bisher verknüpft. Die Show ist in sich stimmig, keineswegs an den Haaren herbeigezogen, wie man das auch schon hier erlebt hat. Das Publikum jubelt, trampelt und dankt mit Standing Ovations.

Wenn der Äthiopier Kedir Siraj Abdulkadir auf dem Rola Bola in schwindelerregender Höhe balanciert, hält das Publikum den Atem an. Vielen sitzt der Schreck des Vorjahres noch in den Knochen, als ein Artist bei der Premiere abstürzte und regungslos liegen blieb. Der Notarzt brachte ihn mit Blaulicht ins Krankenhaus. Am Ende war es „nur“ ein gebrochener Zeh – der Künstler tritt momentan mit derselben Nummer in Wien auf, wo „Geisterstunde“ vor dem Stuttgart-Gastspiel zu sehen war.

Kraftvolle Darbietungen und Standing Ovations im Palazzo-Finale

Zum Finale begeistern der Belgier Evertjan Mercier – mit Brille zuvor eine verblüffende optische Erinnerung an den jungen Wohlfahrt – und seine niederländische Partnerin Zinz Oegerma mit einer Hand-auf-Hand-Darbietung voller Kraft, Präzision und poetischer Achtsamkeit. Jede Bewegung wirkt wie in Zeitlupe, das Publikum jubelt, trampelt vor Begeisterung und erhebt sich am Ende geschlossen zu Standing Ovations. Dazu gibt es ein Wiedersehen mit den irrwitzigen Stepptanz-Zwillingen Roman und Slava aus der Ukraine, gefühlvolle Akrobatik am Tuch von Sophia Grace Hardy, die überraschenden Jonglagen des Finnen Onni Toivonen.

Unter den Gästen ist Sänger Dieter Thomas Kuhn Foto: Ferdinando Iannone

Zur Premiere strömt Prominenz: OB Frank Nopper, die VfB-Legenden Hansi Müller, Guido Buchwald und Timo Hildebrand, Schlagerstar Dieter Thomas Kuhn Travestie-Lady Frl. Wommy Wonder, Magier Thorsten Strotmann, Mode-Mann Winni Klenk, Sternekoch Simon Tress, IOC-Mitglied und Ex-Turnerin Kim Bui, die Gastronomen Michael Wilhelmer, Christian List und Dennis Shipley und weitere Stadtpromis.

Stuttgarter Palazzo feiert Rekordlauf bis März mit Gänsehaut-Musik

Dass das Stuttgarter Palazzo zu den erfolgreichsten Standorten des Unternehmens mit Sitz in Hamburg gehört, unterstreicht die enorme Nachfrage: Die Show wird in dieser Saison gar bis zum 26. März gespielt – so lange ist sie in 20 Jahren noch nie auf dem Wasen geblieben. Wesentlich zum Erfolg trägt die Band Sidewalkers bei mit einer emotionalen Vielfalt im Repertoire, die mitunter für Gänsehaut sorgt.

Dass die Tische in der Premierennacht enger aneinander gerückt sind als gewohnt, nehmen die Gäste gelassen hin. Sie wären sonst wohl nicht Teil eines Erfolgs, der seit 20 Jahren immer wieder einen neuen Dreh findet. Die „Geisterstunde“ fügt dieser Bilanz noch ein fantastisches Kapitel hinzu. Beim Hit „Perfect Day“ singen alle mit – und ja, dieser Tag ist dank dieser Nacht ziemlich perfekt.

Vorverkauf

Die Karten
kosten zwei 99 und 171 Euro (inklusive Menü), für Silvester gelten Extra-Preise. Mittwochs bis samstags startet die Show um 19 Uhr, sonntags um 18 Uhr. Es gibt ein klassisches und vegetarisches Menü. Karten telefonisch unter 01806 - 388 883 oder im Netz unter: https://www.palazzo.org/stuttgart/de/home.html