200 Jahre Bärenschlössle Ein riesiges Spektakel

Von Jan Sellner 

Der Kunsthistoriker Michael Wenger, ein exzellenter Kenner jener Zeit, spricht von einer „einzigartigen Inszenierung“ mit venezianischen Gondeln, Tausenden Lichtern und szenischen Darstellungen. Um den russischen Großfürsten Paul und dessen Gattin Maria Feodorowna zu beeindrucken, die damals auf Europareise waren, setzte Karl Eugen sämtliche Hebel in Bewegung – wie ein irrer Kulissenschieber. Alles war auf Show angelegt. Im Hofdiarium, einem Art Tagebuch, ist das Geschehen vom 24. September 1782 festgehalten. Demnach begeisterte sich die Hofgesellschaft von einem Ausblick am anderen Seeufer aus „an dem in panischer Flucht die Terrassen am Schlössle niederrennenden Wild, das gezwungen wurde, den See zu durchschwimmen“, berichtet Wenger. Die Ehefrau Herzog Karl Eugens, Franziska von Hohenheim, schrieb in ihr Tagebuch: „Es war manifig an zu sehen.“ Entgegen anderlautender Berichte fiel bei dieser Jagd kein Schuss. Vielmehr ließ man das Wild – um die 5000 Tiere – „bald henaus“.

Schönes Detail dieser Geschichte: Ein gewisser Friedrich Schiller nutzte den Beginn der Festivitäten auf der Solitude am 22. September für seine Flucht nach Mannheim. Bei Zuffenhausen, so Wenger, kreuzte Schillers Kutsche die Solitude-Allee. Von dort blickten die Flüchtenden auf das Schloss, das „sich in einem Feuerglanze zeigte“, wie Schillers Freund Johann Andreas Streicher notierte.

So groß das Spektakel war, so schnell war alles vorbei. 35 Jahre später schrieb König Wilhelm I. die bröckelnde Solitude zum Verkauf aus. Doch niemand wollte sie haben. Auch Karl Eugens Bärenschlössle verfiel. Der König ließ es 1817 abtragen – exakt vor 200 Jahren – und an seiner Stelle einen achteckigen Pavillon errichten, der ursprünglich in Freudental stand. Zwei kleine Seitenflügel kamen neu hinzu – auch das eine Form des Kulissenschiebens. In Wahrheit sparte man Kosten. Eigentlich war an ein repräsentatives Jagdschloss gedacht.

Eine bewegte Historie

Die Zeiten hatten sich geändert. Die Epoche der grenzenlosen feudalen Selbstinszenierung war vorbei. Was blieb, war die Faszination der Herrschenden für die Jagd. Wilhelm I. wird als leidenschaftlicher Jäger beschrieben, „der alles abknallte, was ihm vor die Flinte kam“ (Wenger). Der württembergische König vergrößerte den Wildpark, platzierte kleine Jagdhäuser im Gelände und ließ alles einzäunen. Ein königlicher Sperrbezirk für Schaujagden entstand; das Volk musste draußen bleiben. Später wurde Eintritt verlangt. Erst mit Ende des Königreichs 1918 wurde der Rotwildpark frei zugänglich.

1937, unter den Nazis, sperrte man den Park wieder ab, das Bärenschlössle wurde zu einem Gästehaus für Großkopfete umfunktioniert. 1943 zerstörte eine Brandbombe den wilhelminischem Pavillon. Danach tat sich lange nichts, bis das Bärenschlössle 1963 auf vielfachen, immer lauter gewordenen Wunsch neu entstand – mit einer offenen Halle auf dem Sockel. 1964 Jahr öffnete die Imbissstube, samt öffentlichen Toiletten. Doch auch das dritte Schlössle war nicht von Dauer. Im November 1994 fiel es einer Brandstiftung zum Opfer. Das Land entschloss sich rasch zum Wiederaufbau – jetzt weitgehend originalgetreu. Drei Jahre später erstrahlte das Bärenschlössle in seiner heutigen Form, die große Ähnlichkeit mit dem Bau von vor 200 Jahren hat.

Was bringt die Zukunft?

Seitdem strömen die Massen. Jung und Alt. Das Bärenschlössle im Rotwildpark ist Stuttgarts bevorzugtes Naherholungsziel geworden. Eine Art Märchenwald, der an Wochenenden an ein Bild August Mackes erinnert: „Das Gartenrestaurant“ – nur dass die Besucher heute keine Melonen tragen. Apropos Maler. Selten ist einer anzutreffen. Die modellierte Natur böte jede Menge Motive. Dafür gibt’s Angler. Frühmorgens sitzen sie am Bärensee und verharren, als seien sie Teil der Landschaft.

Die Bobtails bellen immer noch. Jürgen Unmüßig denkt gerade über die Frage nach, welches Geheimnis des Bärenschlössles noch nicht gelüftet worden ist. Nach kurzer Pause sagt er: „Dass man hier nicht Millionär werden kann.“ Auch wenn viele meinten, es müsse eine Goldgrube sein.

Nächstes Jahr stehen Renovierungsarbeiten an. Bei der Gelegenheit schlägt Unmüßig eine Neuerung vor. Er wünscht sich einen E-Bus Shuttle. Speziell für Gehbehinderte. Das Bärenschlössle soll für alle erreichbar werden. Nicht nur für Großkopferte wie früher und für Leichtfüßige von heute. Es muss ja nicht jeder auf einem Bären reiten. Hauptsache man kommt hin.

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