Anno 1818 hat König Wilhelm I. die Landesvermessung eingeführt – die Bürger profitieren bis heute davon, ob beim An- und Verkauf von Immobilien oder beim Vererben. Warum das so ist?

Chefredaktion: Achim Wörner (wö)

Stuttgart - Per Dekret zu regieren, ist in Demokratien – von den Trumpschen USA vielleicht einmal abgesehen – nicht opportun. Und doch, es sei eingeräumt, profitiert das Land Baden-Württemberg bis heute von eben solch einem Dekret, das einst vor 200 Jahren König Wilhelm I. erlassen hat. Am 25. Mai 1818 gab der Monarch mit einer einfachen Verfügung den Startschuss für die Vermessung des Landes und den Aufbau eines Liegenschaftskatasters. Dies sollte ein Meilenstein bei der Entwicklung des Südwestens zu einem modernen Staat sein. Und so spröde die Materie erscheint: Jeder einzelne Grundstücksbesitzer, jeder Häuslesbesitzer profitiert von den heute vom Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung erhobenen Daten. Diese garantierten „eine zuverlässige Sicherung des Grundeigentums, gerechte Besteuerungsgrundlagen sowie die Herstellung genauer Kartenwerke“, wie der Minister Peter Hauk (CDU) sagt.

Griechenland als warnendes Beispiel

Während der Griechenland-Krise ist vor wenigen Jahren auch einem breiten Publikum augenfällig geworden, was passiert, wenn Grundstücke nicht richtig vermessen sind und wenn die Eigentümerfrage nicht hieb- und stichfest erfasst ist. Beim Verkauf herrscht das Chaos, langwierige Rechtsstreitigkeiten sind die Folge. In deutschen Landen und speziell in Baden-Württemberg könnte dies nicht passieren: rund neun Millionen einzelne Flurstücke und etwa sechs Millionen Gebäude sind im öffentlichen Liegenschaftskataster erfasst – mit Lage, Größe und Besitzverhältnissen. Gerade auch in Zeiten, da viel mit Immobilien gehandelt und Grund und Boden oft über Generationen vererbt wird, „ist dies von unschätzbarem Wert“, so Hauk.

Dass im Grundsatz sein System die Jahrhunderte überdauern würde – das ahnte Wilhelm I. nicht, als er die Landesvermessung aus einer gewissen Not heraus installierte. Denn zu Beginn des 19. Jahrhunderts lag Württemberg wirtschaftlich darnieder. Kriege und Missernten hatten einerseits für Hungersnot und Auswanderungswellen gesorgt; andererseits hatte der Staat kaum Einnahmen zur Finanzierung notwendiger Reformen. Bei der Grundsteuer, der wichtigsten Geldquelle, fehlte zudem eine landesweit einheitliche und gerechte Grundlage. Und eben dies änderte der König, der Feld für Feld, Haus für Haus, Weg für Weg erfassen ließ. Das Mammutprojekt dauerte Jahre, am Ende standen 15 572 Flurkarten und 304 Ortspläne zur Verfügung. 3,8 Millionen Gulden, 40 Prozent des Jahresetats des damaligen Königreichs, waren ausgegeben worden.

Satellitennavigation und 3-D-Erfassung

Die Investition hat sich gelohnt. Und bis heute ist die Landesvermessung dem Staat gut und teuer: Rund 40 Millionen Euro gibt das Land dafür pro Jahr aus, nicht eingerechnet die Budgets in den Landratsämtern mit ihren Vermessern. Dabei geht es längst um Satellitennavigation, Luftbilder sind Standard bei der Erkundung, Schlagworte wie die „digitale Bodenschätzung“ spielen eine Rolle, erfasst wird in 3D. Eines ist für Hauk klar: „Die Bedeutung der Landesvermessung wird zunehmen.“

Ein Festreigen

Das Jubiläum

200 Jahre Landesvermessung – das wird in den nächsten Wochen und Monaten gebührend gefeiert. Zum Auftakt hat es am Montagvormittag im Neuen Schloss einen großen Festakt mit rund 300 Gästen gegeben. Vor allem aber soll das Jubiläum dazu genutzt werden, den Bürgerinnen und Bürgern im gesamten Südwesten das Thema näherzubringen.

Das Programm

Geplant sind eine Fülle von Veranstaltungen und Aktionen. Bereits eröffnet wurde beispielsweise eine interaktive Wanderausstellung im Stuttgarter Rathaus. Diese dauert dort bis 20. Juni und wird noch in Mannheim, Lahr, Ludwigsburg und Tübingen gezeigt. Von Donnerstag, 12. Juli, bis Freitag, 20. Juli, gibt es eine Aktionswoche Geodäsie. Auch beim Tag des Denkmals am 9. September oder beim Historischen Volksfest auf dem Stuttgarter Schlossplatz vom 16. September an soll die Landesvermessung eine Rolle spielen. Weitere Informationen zum Jubiläum finden sich unter www.lgl-bw.de auf der Homepage des Landesamts für Geoinformation.