200 Jahre Museum Prado Das kulturelle Herz Spaniens

Francisco de Goyas Gemälde „Der 2. Mai 1808 in Madrid“ aus dem Prado Foto: imago/United Archives International

Das Museum Prado in Madrid feiert den 200. Geburtstag. Es hat die europäische Kunstgeschichte zutiefst beeinflusst und das Ansehen Spaniens als Kulturnation geprägt.

Madrid - Das Kunstmuseum, wie wir es heute kennen, ist eine vergleichsweise junge Institution. Die bekannten Häuser in den Metropolen Europas wurden fast alle erst Anfang des 19. Jahrhunderts gegründet, als das erwachende historische Bewusstsein sich der Vergangenheit der europäischen Nationen vergewissern wollte: im Medium der Literatur, der Musik, der Architektur und der Kunst früherer Epochen. Den Anfang machte der Louvre in Paris, der 1793 für das Publikum geöffnet wurde, das niederländische Rijksmuseum (das heute seinen Sitz in Amsterdam hat) wurde im Jahr 1800 in Den Haag gegründet, die National Gallery in London 1824, das Alte Museum in Berlin 1830, die Alte Pinakothek in München 1836 und die Staatsgalerie Stuttgart 1843.

 

Das Museo Nacional del Prado in Madrid, wie es heute offiziell heißt, bei uns meistens kurz Prado genannt, fügt sich hier nahtlos ein. Am 18. November 1819 meldete die „Gaceta de Madrid“, dass ab dem kommenden Tag im „großartigen Gebäude des Museo del Prado“ in einer Reihe von Sälen „wertvolle Gemälde“ aus den königlichen Sammlungen zugänglich sein würden. Der Prado hat den 200. Jahrestag seiner Gründung in diesem Jahr zum Anlass genommen, mit einer Reihe von Sonderausstellungen und Symposien die ganze Saison über zu feiern.

Ein paternalistischer Akt des Herrscherhauses

Das Museumsgebäude war ein von Juan de Villanueva, dem Hofarchitekten von König Carlos III., in den Jahren 1785 bis 1787 im klassizistischen Stil errichteter Bau auf einer Wiese (Spanisch: prado) am östlichen Stadtrand von Madrid, der zunächst eine naturhistorische Sammlung beherbergen sollte. Als nach dem Ende der französischen Besatzung Spaniens, während der von 1808 bis 1813 Napoleons Bruder Joseph Bonaparte als König José geherrscht hatte, 1814 die Bourbonen mit Fernando VII. auf den spanischen Thron zurückkehrten, beschlossen sie, in dem neuen Museumsbau stattdessen eine Gemäldegalerie einzurichten.

Der Louvre in Paris war als Kunstmuseum ein Geschenk der Revolution an die französischen Bürger gewesen, die Gründung des Prado in Madrid als „Königliches Museum für Malerei und Skulptur“ hingegen ein paternalistischer Akt des Herrscherhauses, der das symbolische Kapital der Dynastie und des Königreichs gegenüber den europäischen Konkurrenzprojekten zur Geltung bringen sollte. Zu Beginn bestand die im Prado ausgestellte Sammlung aus 311 Gemälden ausschließlich spanischer Maler aus dem Besitz der Königsfamilie, die man aus diversen Palästen zusammengetragen hatte.

Die Wirkung der Gemälde auf die Kunstgeschichte

Unter den spanischen Königen aus dem Haus Habsburg (von 1516 bis 1700) und dem Haus Bourbon (seit 1713) hatte sich ein beträchtlicher Schatz von hochkarätiger Malerei angesammelt, der nicht nur Werke spanischer, sondern auch italienischer und flämischer Meister umfasste. Das war darauf zurückzuführen, dass Spanien bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts hinein die europäische Hegemonialmacht war und über weite Teile Italiens und der Niederlande herrschte und der spanische Hof, der seit 1561 in Madrid residierte, aufgrund seines Reichtums bedeutende Maler an sich ziehen konnte. So kam eine Sammlung zustande, die nach dem Louvre über die bedeutendste Kollektion europäischer Malerei aus den Jahren zwischen 1500 und 1800 verfügt.

Die weitere Entwicklung des Prado seit seiner Gründung lässt sich aus einer doppelten Perspektive erzählen: intern als Geschichte einer zentralen Institution für die kulturelle Selbstvergewisserung der spanischen Nation, und extern als Geschichte der Wirkung, welche die im Prado gezeigten Gemälde auf die europäische Kunstgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und für das Ansehen Spaniens als Kulturnation im Ausland hatten. Der Philosoph Miguel de Unamuno, ein wichtiger Vertreter der „Generation von 1898“, hat einmal behauptet, dass die Spanier besser sehen als denken könnten, Spaniens große Malerei deshalb entscheidend für seine nationale Identitätsbildung sei. Und Manuel Azaña, von 1936 bis 1939 Präsident der Zweiten Spanischen Republik, wird der Satz zugeschrieben, der Prado sei für Spanien wichtiger als die Monarchie und die Republik zusammen. Das Museum hat deshalb seiner Jubiläumsausstellung, in der es die zwei Jahrhunderte seiner Geschichte Revue passieren ließ, den Titel „Un lugar de memoria“ gegeben, also den Prado als zentralen Ort für das kulturelle Gedächtnis der Nation bestimmt.

Die spanischen Meister waren zuvor außerhalb des Landes kaum bekannt

Sicher, das Madrider Museum zeigt auch bedeutende Bilder von Malern der italienischen Schule wie Fra Angelico, Raffael und Tizian (etwa dessen „Kaiser Karl V. nach der Schlacht bei Mühlberg“) und der niederländisch-flämischen Schule wie Hieronymus Bosch („Der Garten der Lüste“), Rubens und Rembrandt, auch der Nürnberger Albrecht Dürer ist mit „Adam und Eva“ und einem Selbstporträt vertreten. Doch es ist das Dreigestirn der Spanier Domínikos Theotokópoulos (1541– 1614), wegen seiner griechischen Herkunft El Greco genannt, Diego Velázquez (1599– 1660) und Francisco de Goya (1746–1828), deren Bilder sich im Verlauf der 200 Jahre als Hauptanziehungspunkte des Madrider Museums herausgebildet haben. Bilder wie „Die Auferstehung Christi“ oder das „Porträt eines Edelmanns mit der Hand auf der Brust“ von El Greco, „Las Meninas“ (Die Hoffräulein) und „Die Übergabe von Breda“ von Velázquez, „Die Erschießung der Aufständischen am 3. Mai 1808 in Madrid“ oder „Die nackte Maya“ von Goya sind zu Lieblingen der Besucher und zu Ikonen der Kunstgeschichte geworden, auf die sich nachgeborene Künstler bis zu Pablo Picasso und Francis Bacon immer wieder bezogen haben.

Diese spanischen Meister waren zuvor außerhalb des Landes kaum bekannt. Doch als im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts die ersten Reiseführer den Spanientourismus ankurbelten, tauchten darin immer häufiger enthusiastische Berichte über die im Prado gezeigten spanischen Meisterwerke auf. Den Literaten wie Théophile Gautier oder Prosper Mérimée, der mit seiner „Carmen“-Novelle das Bild vom romantisch-exotischen Spanien im Rest Europas maßgeblich mitbestimmt hat, folgten bald die Pariser Maler von Édouard Manet über Edgar Degas und Pierre Renoir bis zu Claude Monet. „Wenn du Velázquez gesehen hast, verlierst du jedes Bedürfnis zu malen. Du begreifst, dass schon alles gesagt ist“, fasste beispielsweise Renoir sein Prado-Erlebnis zusammen. El Greco, Velázquez und Goya beeindruckten die ausländischen Besucher, weil jeder auf seine Weise vom jeweils herrschenden Akademismus abwich und damit Impulse für die Weiterentwicklung der Malerei gab. Velázquez und Goya wurden als Vorläufer des Naturalismus rezipiert, El Greco beeinflusste die Expressionisten, und in Goyas „schwarzen Bildern“ oder in Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“ konnten sich die Surrealisten wiederfinden.

Die aufregendste Epoche seiner Geschichte

Nach der „glorreichen Revolution“, mit der die Spanier im September 1868 das abgewirtschaftete Regime von Königin Isabel II. gestürzt hatten, wurde das königliche Museum zum Museo Nacional. Die Nation, nicht mehr das Königshaus war von jetzt an Träger des Hauses. 1899 nahm man den 300. Geburtstag von Velázquez zum Anlass, die Säle mit seinen Bildern nach kunsthistorischen Prinzipien neu zu gestalten und errichtete dem Malerfürsten vor dem Haupteingang des Museums eine Bronzestatue. 1902 veranstaltete der Prado die erste Sonderausstellung von Werken El Grecos, der 1905 eine mit Gemälden von Francisco de Zurbarán folgte, auch er ein Maler aus Spaniens Goldenem Zeitalter im 17. Jahrhundert.

Die aufregendste Epoche seiner Geschichte erlebte das Museum während der Zweiten Spanischen Republik von 1931 bis 1939. Von der Aufbruchstimmung nach dem Sturz der Monarchie 1931 inspiriert, versuchte die neue Republik, das im Prado gesammelte kulturelle Erbe auch sozialen Schichten zugänglich zu machen, die bisher keinen Zugang zu ihm hatten. Man stellte Kopien der Meisterwerke her und zeigte sie auf „pädagogischen Missionen“ der Landbevölkerung in der tiefsten Provinz. Doch als am 18. Juli 1936 eine Gruppe von Militärs gegen die gewählte Regierung putschte und der dreijährige Bürgerkrieg begann, wurde die Lage auch für den Prado kritisch. Als Bomben in der Nähe des Museums einschlugen, beschloss die republikanische Regierung, das Haus zu evakuieren. Die Gemälde wurden in Lastwagen verladen und zuerst nach Valencia, dann nach Katalonien und schließlich nach Genf gebracht, wo sie im Sommer 1939 unter der Patronage des Völkerbunds in einer großen Ausstellung gezeigt wurden. Doch da hatten die Putschisten unter General Franco den Bürgerkrieg schon für sich entschieden, so dass die Bilder anschließend wieder in den Prado zurückkehrten. Ausgerechnet Goyas Gemälde „Der 2. Mai 1808 in Madrid“, das den Madrider Volksaufstand gegen die Truppen Napoleons darstellt, wurde während dieser Evakuierung am stärksten beschädigt – ein symbolträchtiges Zeichen für die zerrütteten spanischen Verhältnisse, das auch angesichts der aktuell angespannten innenpolitischen Lage Spaniens zu denken geben sollte.

Alles, was ein Museum heute braucht

Heute, mehr als vierzig Jahre nach der Rückkehr Spaniens zur Demokratie, bildet der Prado mit jährlich etwa drei Millionen Besuchern zusammen mit dem Museo Thyssen-Bornemisza und dem Museo Reina Sofía, das der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts gewidmet ist und als Hauptwerk Picassos „Guernica“ beherbergt, die Museumsmeile entlang der Allee Paseo del Prado in Madrid. 2007 wurde das von Juan de Villanueva errichtete Gebäude durch einen vom Architekten Rafael Moneo konzipierten modernen Anbau ergänzt, der den Kreuzgang des benachbarten baufälligen Klosters San Jerónimo integriert hat. Eine zusätzliche Erweiterung ist geplant: Der oberhalb des heutigen Museums gelegenen Salón de Reinos aus dem 17. Jahrhundert, in dem sich vor der Gründung des Prado viele der dort gezeigten Bilder befanden, soll als Ausstellungsfläche für das Museum zurückgewonnen und nach einem von Norman Foster und seinen spanischen Partnern Rubio Arquitectura vorgelegten Entwurf neu gestaltet werden, so dass einige der Gemälde an ihren ursprünglichen Ort zurückkehren können. Doch auch im neuen Jerónimo-Trakt gibt es jetzt schon alles, was ein Museum heute braucht: Räume für Vorträge, Konferenzen und Wechselausstellungen, ein Café und einen Museumsshop, wo man nicht nur Postkarten und Ausstellungskataloge kaufen kann, sondern auch Unisex-T-Shirts, bedruckt mit Goyas Radierung „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“.

Und dass man in einem Land, das den Macho erfunden hat, inzwischen auch geschlechterpolitisch auf der Höhe der Zeit ist, beweist die neue Herrentoilette, wo – manche mögen das wohl kaum glauben – ein Wickeltisch für die Väter installiert ist, damit sie dort ihren mitgebrachten Sprösslingen die Windeln wechseln können.

Die Dauerausstellung des Museums kann hinsichtlich der Gleichberechtigung der Geschlechter noch nicht mithalten, denn man hat festgestellt, dass von den dort gezeigten etwa 1700 Gemälden nur neun von Frauen stammen. Höchste Zeit also, dass jetzt zum Abschluss des Jubiläumsjahrs wenigstens zwei dieser Frauen ins ihnen gebührende Licht gerückt werden: in der Mitte Oktober eröffneten und noch bis zum 2. Februar 2020 dauernden Ausstellung „Sofonisba Anguissola und Lavinia Fontana“, die allein den Werken dieser beiden italienischen Renaissancemalerinnen gewidmet ist.

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