2018, das Jahr ohne Literaturnobelpreis? Wir küren eigene Preisträger

Von unserer Redaktion 

Die Schwedische Akademie in Stockholm hat mit Krisenmanagement zu tun und kann 2018 keinen Literaturnobelpreis vergeben. Wir springen in die Lücke und präsentieren eigene Kandidaten, tot oder lebendig, die den Preis unbedingt verdient hätten.

Die Nobelpreis-Medaille für Literatur bleibt 2018 in der Schatulle. Foto: dpa
Die Nobelpreis-Medaille für Literatur bleibt 2018 in der Schatulle. Foto: dpa

Stuttgart - Es war immer der Höhepunkt jeder Buchmessenwoche, wenn pünktlich um zwölf Uhr verkündet wurde, wer in diesem Jahr den Literaturnobelpreis gewonnen hat. Nach einer sorgsam verborgenen Schrecksekunde – „Ähm, wer war das noch mal?“ – bewegte man sich instinktiv und meist nicht umsonst zum Stand des Hanser-Verlags, denn dort wurden die ­jeweils Geehrten in der Regel schon seit Jahren verlegt.

Diesmal muss man auf das Spektakel verzichten. Die Schwedische Akademie in Stockholm hat fürs Erste alle Hände voll damit zu tun, ihre verlorenen Ehre wiederherzustellen und neue Posten auf Lebenszeit zu besetzen. In die Lücke sind die schwedischen Bibliothekare gesprungen. An diesem Freitag wollen sie den Träger oder die Trägerin des immerhin mit dreißigtausend Euro dotierten alternativen Literaturnobelpreises bekannt geben.

Aus einer anfänglich über vierzig Namen umfassenden Liste wurden vier Autorinnen und Autoren nominiert: Maryse Condé aus Frankreich, Neil Gaiman aus England, Kim Thuy aus Kanada (huch, wer war das noch einmal?) und der ewige Kandidat Haruki Murakami, der sich dafür zwar höflich bedankte, aber mit der Sache weiter nichts zu tun haben wollte.

Die Kultur-Redakteure unsrer Zeitung können kein Preisgeld ausschütten. Aber wer es verdient hätte, die echte Nobelmedaille samt der schönen Dotierung endlich zu erhalten, tot oder lebendig, das wissen sie genau. Sie haben ein alternatives Komitee gebildet und beschlossen, in diesem Jahr den alternativen StZ-Literaturnobelpreis gleich an sechs Autoren und Autorinnen zu vergeben, die ihn allesamt schon längst haben müssten. Hier das Ergebnis:

Robert Gernhardt

Wer kommt einem aus dem Schattenreich nicht alles vorwurfsvoll entgegen? Eine Prozession der Übergangenen, die im Gegensatz zu manchen Geehrten je toter desto lebendiger wirken. Darunter auch der zeichnende Dichter Robert Gernhardt. Er war überzeugt, dass jeder mindestens einen Hammersatz geschrieben haben müsste. Gernhardts Werk strotzt vor zumeist gereimten Hammersätzen. Noch aus dem Jenseits wirft er einen langen Schatten. Unter dem imposanten Hell-Dunkel eines gezeichneten Nachtstücks stehen die einmal ungereimten Zeilen: „Wie gebannt sah die Zofe den Schatten von Herberts mächtigem Penis über ihre Bettdecke gleiten.“ Wie könnte man besser auf den Punkt bringen, was in Stockholm schiefgelaufen ist – zumindest wenn man das Nobelkomitee als Zofe der Weltliteratur begreift. (kir)

Elena Ferrante

Die Italienerin, deren Name ein Pseudonym ist, wurde mit Proust, Dickens, Kafka verglichen. Wobei es solche Vergleiche nicht braucht. Literarische Raffinesse, epochale Wucht, Erzählkraft, den weiblichen Blick – all das hat ihre Neapel-Tetralogie, dieses psychologisch so intensive Porträt einer Frauenfreundschaft, das zugleich ein historisch-politisches Panorama Nachkriegsitaliens ist. Doch preiswürdig ist Ferrante aus einem anderen Grund: Sie hat sich herausgenommen, nicht nur übers Verschwinden zu schreiben, sondern es selbst zu tun. Als Autorin. Damit hat sie bedingungslos der Literatur das zugestanden, was ihre höchste Aufgabe ist: Magie, Spiel, die Erhebung über die Wirklichkeit. Diese Freiheit kann auch ein spielverderberischer Wirtschaftsjournalist mit seiner angeblichen Enttarnung nicht zerstören. (uh)

Stephen King

Bevor Sie aufstöhnen, die Augen verdrehen und „Was, dieser Horrorheini?“ brüllen, halten Sie mal die Luft an! Zum einen, weil es dumm wäre, den 71-Jährigen auf das Horrorgenre zu reduzieren. Zum anderen, weil es hier gar nicht um Wälzer wie „Es“ oder „Shining“ gehen soll, sondern um Stephen Kings Digital-Œuvre, um seine Verdienste als Anti-Trump-Twitterer. Bücher mit Worten zu füllen ist in Zeiten wie diesen nicht mehr genug, und den Literaturnobelpreis einem Musiker aufzuzwingen, war schon 2016 ein Flop. Neben Taylor Swift ist Stephen King aber vielleicht der Einzige, der Trump gefährlich werden kann. Seine Kurznachrichtenprosa hat eine verstörende Unmittelbarkeit, mäandert virtuos durch alle Tonlagen, ist in ihrer verknappten Sprache rigoros – ganz gleich, ob King twitternd über Trump wettert oder von seinem Hund Molly schwärmt. (gun)

Michel Houellebecq

Die Sache ist einfach: Verleiht man einem Franzosen den Literaturnobelpreis, macht man wenig falsch. Die Nachbarn führen zu Recht die Länderrangliste an. Das liegt daran, dass jeder gute Schriftsteller noch bevor er zu schreiben beginnt ein noch besserer Philosoph sein muss, so wie Bergson, Camus, Sartre. Der verkannte Untergangsphilosoph Michel Houellebecq gilt hierzulande als nikotinabhängiger Skandalautor, weil er Dystopien schonungslos und voller Wolllust verfasst. In seinen wohl besten Romanen „Karte und Gebiet“ und „Unterwerfung“ hat Michel Houellebecq den Niedergang der westlichen Kultur so ätzend schön beschrieben wie kein Zweiter. Ende gut, alles gut. (pav)

Ludwig Wittgenstein

Lieber schön gedachte als schlicht singbare Literatur auszeichnen: Die von Friedrich Nietzsche etwa, preiswürdig allein schon für seinen den Bibelton karikierenden Text „Also sprach Zarathustra“. Der an Syphilis leidende Philosoph hätte aller Wahrscheinlichkeit nach aber einen Eklat ausgelöst. So wie er in Turin ein Pferd umarmt haben soll, wäre er vielleicht in Stockholm beim Festschmaus in die Küche gerannt und dem Koch um den Hals gefallen. Bessere Alternative: der aus gutem Hause stammende, weniger pathosverliebte Ludwig Wittgenstein. Zu honorieren fürs Frühwerk „Tractatus logico philosophicus“, besonders den leider wahr wirkenden Satz: „Das denkende, vorstellende, Subjekt gibt es nicht“ und, ja natürlich, den Schluss: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ (golo)

Blixa Bargeld

„Das, was passiert in der Liebe, die Entgrenzung, das Ausufern / oder die Betäubung, bis zu einem Punkt, dem Punkt, wo nur noch ,etwas‘ übrig bleibt. / Die taube Nuss (die sich nicht entwickelt hat), Überhaupt: Entwicklung, / als wäre etwas aufgewickelt, Ariadnes Faden, der, zur vollen Länge ausgestreckt, / verbraucht werden müsste. Immer an der Wand lang ist todsicher, / der Weg aus dem Garten, dem Irrgarten. / Ich irre zum Zeitvertreib, als würde sich sonst die Zeit auf mich stürzen / wie ein aasfressendes Tier.“

So textet Blixa Bargeld für die Einstürzenden Neubauten. Bob Dylan kann so etwas leider nicht. Wenn also mal wieder ein Musiker gewählt werden soll . . . (juw)