2024 ist Kafka-Jahr Der Unheilsprophet als Schutzpatron

Galionsfigur für ungewisse Zeiten: Franz Kafka Foto: imago/AGB Photo

In diesem Jahr steht viel auf dem Spiel. Dass es im Zeichen des 100. Todestages Franz Kafkas steht, sollte eine Mahnung sein, kommentiert Stefan Kister.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Am Anfang eines jeden neuen Jahres würde man sich wünschen, Zeichen lesen zu können. Jetzt vielleicht noch etwas mehr als sonst. Ganz einfach, weil viel auf dem Spiel steht. Manche Leute gießen Blei, die anderen vertrauen in Zeiten nervösen Ampelflimmerns auf die Voraussagen der Demoskopen, die die Sterndeuter beerbt haben. Was sie aus ihren Befunden herauslesen, gibt allen Grund zu Besorgnis.

 

Es wüten verheerende Kriege, die in unheimlicher Konstellation zur Wiederkehr überwunden geglaubter politischer Formationen stehen. In Deutschland hat die Zustimmung zu einer Rechtsaußen-Partei ein alarmierendes Niveau erreicht. Dort, wo sie unverhohlen zeigt, aus wessen schrecklichem Schoß sie gekrochen ist, könnte sie zur stärksten Kraft gewählt werden. Und im mächtigsten Land der Welt hat ein Mann gute Chancen auf das Präsidentenamt, dessen Mob schon einmal versucht hat, die Demokratie zu stürzen, und der beim zweiten Anlauf damit kokettiert, seinen Gegnern, die er mit Ungeziefer vergleicht, den Prozess zu machen.

Irritiertes Lebensgefühl

Das ist das Stichwort für zwei der berühmtesten ersten Sätze der Weltliteratur: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ So lautet der eine. Der andere: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Mit dem ersten beginnt Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“, mit dem zweiten sein Roman „Der Prozess“. 2023 wird der hundertste Todestag des Prager Übervaters der literarischen Moderne begangen, der es als einer der wenigen geschafft hat, als Adjektiv in verschiedene Sprachen einzuwandern: Selbst im Japanischen signiert „ka-fu-ka-es-ku-su“ ein irritiertes Lebensgefühl, dessen schwebende Unbestimmtheit eine außer Rand und Band geratene Wirklichkeit begleitet.

Die Protagonisten dieses Lebenswerks, dessen überschaubarer Umfang in fantastischer Spannung zu den geschätzt über 20 000 um seine Auslegung bemühten Büchern steht, geben nicht unbedingt Halt: Sie pendeln zwischen Paranoia und realer Bedrohung, warten ihr Leben lang vor verschlossenen Türen vergeblich auf Einlass, werden ohne ersichtlichen Grund angeklagt, verurteilt und scheiden mit wiederum weltliterarischen letzten Worten auf den Lippen aus dem Leben: „,Wie ein Hund!‘ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.“

Man hat Kafka immer auch als Propheten dessen gesehen, was wenige Jahre nach seinem Tod über die Welt kam: ein Zeitalter der Angst, dessen Erschütterungen er wie mit Käferfühlern vorausspürte. Seine Schwestern und drei der Geliebten wurden in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ermordet.

Gedenkjahre mühen sich, ihrem Gegenstand Aktualität abzuringen. Im Falle des schmalen Jahrhundertautors mit dem Fledermausgesicht würde man sich eher weniger Entsprechungen zwischen Groteske und Wirklichkeit wünschen. Und man kann sich natürlich beklommen fragen, was es bedeutet, dass ausgerechnet Kafka die kulturelle Galionsfigur für die Reise in dieses ungewisse Jahr sein soll. Doch das haben die Zeichen, die die Literatur sendet, allen anderen voraus: dass sie kein blindes Schicksal verkünden, sondern die Augen öffnen. Und wenn die Scham demokratische Gesellschaften nicht überleben soll, wäre es höchste Zeit aufzuwachen. Dann könnte der Verlauf dieses Jahres Anlass sein, noch ganz andere Seiten dieses überwältigenden Literaturkosmos zu entdecken: Kafka den Humoristen.

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