20er-Jahre-Revue im Friedrichsbau-Varieté Zwischen Kunst und Kokainrausch

Von Sabine Fischer 

Hosenträger, Kniebundhosen und Paillettenkostüme: Die Show „1925 – Die 20er-Jahre Revue“ im Friedrichsbau-Varieté entführt das Publikum zwischen Abgründigkeit und Lebenslust in die Goldenen Zwanziger.

„1925 – Die 20er Jahre Revue“ heißt das neue Programm von Hausregisseur Ralph Sun. Foto: 7aktuell.de/Andreas Werner 10 Bilder
„1925 – Die 20er Jahre Revue“ heißt das neue Programm von Hausregisseur Ralph Sun. Foto: 7aktuell.de/Andreas Werner

Stuttgart - Machen wir es kurz: Retro ist angesagt. Ob Vintage-Möbel aus den 1960ern im eigenen Wohnzimmer oder die knallbunte 80er-Farbpalette auf den Augenlidern trendbewusster Beautyblogger – was Anschluss ans Gestern hat, findet momentan garantiert auch seinen Platz im Heute.

Ob dahinter jetzt die Einfallslosigkeit einer vom Dauerrausch überforderten Gesellschaft steckt oder doch nur eine liebevolle Rückbesinnung auf Bekanntes, Vertrautes und schon einmal Dagewesenes, sei dahingestellt. Fakt ist hingegen: Nostalgie funktioniert.

So auch im Friedrichsbau-Varieté: „1925 – Die 20er Jahre Revue“ heißt das neue Programm von Hausregisseur Ralph Sun, mit dem man zum Ende des Jubiläumsjahrs (das neue Friedrichsbau-Varieté wird gerade 25 Jahre alt) den Zeitgeist des damaligen Umbruchsjahrzehnts noch einmal heraufbeschwören will. Und das mitten in Stuttgart.

Exzentrik, Champagner und frivole Lebenslust

Nun denkt man bei den Geschichten um die künstlerische Avantgarde der 20er Jahre ja eigentlich eher an damalige Hochburgen der alternativen Kunstgemeinschaft wie Berlin. Doch – so die Historie – auch in Stuttgart fand die Szene zu dieser Zeit ein weltoffenes Zuhause. Die Stadt boomte: Während 1918 noch 293 000 Menschen in der schwäbischen Hauptstadt lebten, waren es 1930 bereits 400 000, viele von ihnen Künstlerinnen, Literaten, Tänzer oder Schauspielerinnen. „Kabarettist Joachim Ringelnatz rezitierte zum Beispiel immer angesäuselt in seinem Matrosenanzug anstößige Gedichte“, erzählt der Historiker Jörg Schweigard im Gespräch mit unserer Zeitung. Außerdem galt auch Josephine Baker, die andernorts aufgrund ihrer unverhohlen erotischen Tanzeinlagen Auftrittsverbot hatte, in Stuttgart als gern gesehener Gast.

Schon damals befand sich das historische Friedrichsbau-Varieté in Feierlaune: 1925 zelebrierte man erstmals sein 25-jähriges Bestehen. Und nicht nur für Josephine Baker wurde das Haus damit zum Schauplatz, um Gedanken an die Vergangenheit mit Exzentrik, Champagner und frivoler Lebenslust auszulöschen. Das Motto: Auf in ein besseres Jetzt.

Wiederbelebung eines Lebensgefühls

All das soll nun also noch einmal auf die Bühne gebracht werden. Wenn man nicht aufpasst, kann das Ergebnis dank all der aufgemalten Schnurrbärte, Glitzerkleidchen und Federboas schnell mal nach semi-geglückter Mottoparty des örtlichen Turnvereins aussehen. Doch die Revue unter der Leitung von Ralph Sun weicht diesen Klischeebildern geschickt aus.

Schuld daran sind vor allem zwei Dinge: Die verschiedenen Showacts sind zum einen qualitativ so umwerfend, dass sich jeder halbironische Vergleich mit Provinzkünstlern kategorisch verbietet. Die Trapezkünstlerin Iryna Bessonova zum Beispiel überzeugt mit perfekt einstudierten und teils beeindruckend anspruchsvollen Figuren. Der Akrobat Andrey Shapin balanciert während seiner Nummer „Chairs“ in gut fünf Metern Höhe mühelos auf einem Stapel präparierter Holzstühle.

Zum anderen setzt die Revue nicht auf die sture Imitation von Dingen, die es damals so gegeben haben könnte, sondern auf die Wiederbelebung eines Lebensgefühls. Die Show schwankt zwischen Ekstase und Frivolität, zwischen Kokainrausch und Kunst, zwischen tiefster Nacht und strahlendem Tag. Wenn zum Beispiel der Seilakrobat Martin Frenette sich in seiner Nummer mit einem fast schon wahnsinnigen Augenzwinkern das Seil um den Hals legt und dann unverhohlen zu lachen beginnt. Oder die Jongleurin Ulrike Storch in einem überdimensionalen Federmantel und mit rauchiger Stimme davon spricht, dass Freiheit für sie bedeutet, keine Angst zu haben. Dann durchzieht die Glitzerrevue eine Ahnung der absoluten, fast verzweifelten Lebenslust der 20er Jahre im Schatten eines traumatisierenden Weltkrieges.

Zwischen Abgründigkeit und Lebenslust

In dieser Phase der deutschen Geschichte entwickelte sich vielerorts eine neue Selbstverständlichkeit. Man wollte jetzt endlich leben, wie man will. Lieben, wen man will. Damit wurden die 20er Jahre auch zu einer Zeit der Emanzipation: Frauen bekamen das Wahlrecht zugesprochen, mit Sexualität wurde offener umgegangen. Anhängerinnen des Flapper-Stils trugen kurze Röcke und noch kürzere Haare. Viele Frauen entdeckten ihre Weiblichkeit als Waffe und sich selbst als Jägerin.

Auch die Frauenfiguren auf der Bühne präsentieren sich in ihren Glitzerkostümen, die oft kaum über das Gesäß reichen, allesamt als starke Charaktere. Hier lässt sich niemand ausstellen und begaffen. Hier überlässt niemand einem männlichen Blick die Kontrolle. Wenn Sängerin Anna Cabaret zum Beispiel davon singt, sie sei das neue heiße Teil in der Stadt, ist sie es, die sich nimmt, was sie möchte.

Das Paradox zwischen Abgründigkeit und Lebenslust wird im Finale der Revue nochmal besonders deutlich. Hier schwappt der Song „Zu Asche, zu Staub“, der Titelsong der deutschen 20er-Jahre-Serie „Babylon Berlin“ gekonnt von Moll in Dur, von der befremdlichen Untergangskulisse in ein funkelndes „Ja“ zum nächsten Morgen.