22-jährige Stuttgarterin erzählt Rebeccas Leben als Straßenkind – oft aß sie nur geschenkte Kekse

Bereits mit 12 Jahren lebte Rebecca auf der Straße. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Rebecca hat ihre Familie verloren, als sie elf Jahre alt war. Als sie zwölf war, fand sie eine neue – in Stuttgart auf der Straße. So jung wird kaum jemand wohnungslos.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Rebecca kommt mit dem E-Roller zum Treffpunkt. Vor dem Schlupfwinkel im Stuttgarter Süden, einer Einrichtung für wohnungslose junge Menschen von Evangelischer Gesellschaft und Caritas Stuttgart, stehen Jugendliche und rauchen. Rebecca umarmt zwei von ihnen, dann drückt sie die Tür auf zu dem Ort, der als Kind zur Zuflucht für sie wurde. In einem Raum im ersten Stock, der für Therapiegespräche genutzt wird, nimmt die 22-jährige Stuttgarterin Platz. Sie will erzählen, wie es dazu kam, dass sie vor zehn Jahren Straßenkind wurde.

 

Ein großer Teddybär lehnt an der Wand, im Regal liegt ein braunes Stofftier mit langen gebogenen Zähnen. „Das Grüffelo gab es schon früher“, sagt Rebecca. Nachher wird sie es für ein Foto in den Arm nehmen. Ein auffälliges Armband nimmt sie dafür ab. Sie erzählt sehr offen, aber sie möchte nicht erkannt werden.

Die Nachbarn meldeten die Familie dem Jugendamt

Es gibt viele Wendepunkte in Rebeccas Leben. Der erste ist die Trennung ihrer Eltern. Rebecca stand damals kurz vorm Wechsel von der Grundschule aufs Gymnasium, als ihre Mutter mit der Tochter und dem kleinen Sohn auszog, weil sie es nicht mehr aushielt. „Mein Vater hat immer viel konsumiert, es war schwierig“, sagt Rebecca. In einer ihrer ersten Kindheitserinnerungen sitzt sie in seinem Arbeitszimmer auf seinem Bein – „auf dem anderen Schenkel hatte er eine Bong“, eine Wasserpfeife, mit der man Haschisch raucht. Als selbstständiger Unternehmer war er sein eigener Chef, niemand kontrollierte, ob er Drogen nahm oder Alkohol trank. Auch nach der Trennung kehrte keine Ruhe ein. Der Vater habe die Mutter bedroht und mehrfach versucht, in die Wohnung zu kommen. Ihre Mutter fing an zu trinken. Und wenn sie betrunken war, wurde es oft laut. Irgendwann meldeten die Nachbarn die Familie dem Jugendamt. „Dabei ist nie etwas passiert!“

Bis vor elf Jahren eben doch etwas passierte. Rebecca hat die Szenerie noch genau vor Augen: Ihre Mutter saß in der Küche auf dem Boden, ein Messer in der Hand. Die Tochter rief nach ihr, doch „sie war nicht richtig ansprechbar“. Ihr Vater habe bereits einen Schlaganfall gehabt. „Ich dachte, sie hat auch einen Schlaganfall.“ Die Elfjährige wählte den Notruf. Plötzlich sei ihre Mutter mit dem Messer auf sie zugelaufen. Rebecca schnappte sich ihren vierjährigen Bruder und schloss sich mit ihm im Bad ein.

Pflegevater schlägt den Bruder – Rebecca rastet aus

Rückblickend sei es richtig gewesen, dass das Jugendamt sie beide damals in Obhut genommen habe. „Aber wir wollten nicht weg.“ Sie fühlte sich schuldig – und war es in den Augen der Mutter auch: „Du hast die Familie kaputt gemacht!“ Der Vorwurf der Mutter wirkt bis heute nach. Die Pflegefamilie half Rebecca damals nicht in ihrer Not. Das Mädchen brauchte ein Ventil und begann, sich zu ritzen. Mit den Pflegeeltern gab es deshalb Streit. Dann habe der Pflegevater auch noch ihren kleinen Bruder mit dem Wischmopp geschlagen. Da ist Rebecca ausgerastet.

Rebecca mit dem Grüffelo. Foto: Viola Volland

Das Jugendamt brachte sie diesmal in einer Inobhutnahmestelle in der Region Stuttgart unter – für sie ein „Ort voller Gewalt“. Einmal bekam sie mit, dass ein Jugendlicher aus dem Fenster sprang. Lange hielt sie es nicht in der Einrichtung aus. Gemeinsam mit einer älteren Mitbewohnerin, die nach Stuttgart wollte, lief sie weg. Die beiden schlossen sich einer Gruppe Punks an, die auf der Straße lebten.

Es gibt nur Schätzungen, wie viele Kinder und Jugendliche in Deutschland wohnungslos oder gar obdachlos sind. Nach einer Erhebung des Deutschen Jugendinstituts von vor zehn Jahren gibt es rund 37 000 Straßenjugendliche in Deutschland, davon seien rund 7500 minderjährig. Die Off-Road-Kids-Stiftung geht davon aus, dass inzwischen sogar rund 44 000 Menschen zwischen 14 und 27 Jahren von Obdachlosigkeit bedroht sind, darunter knapp 10 000 Minderjährige.

Rund 100 Jugendliche kommen jedes Jahr neu in den Schlupfwinkel

So jung wie Rebecca landet aber in Deutschland kaum ein Kind auf der Straße. „Ich war immer die Jüngste“, erzählt sie. Viele in ihrem Umfeld seien 10 bis 20 Jahre älter gewesen als sie. Auch im Stuttgarter Schlupfwinkel suchen nur äußerst selten derart junge Mädchen die Einrichtung auf. Ab 14 Jahren gehe es los, berichtet die bei der Evangelischen Gesellschaft zuständige Bereichsleiterin Sonja Hagenmayer, der Großteil sei 16 und älter.

Pro Jahr kämen 200 bis 300 Personen zu ihnen, darunter rund 100 neue Jugendliche. Der Durchlauf sei groß. Die meisten seien „Sofahopper“ , die sich von einem Sofa zum nächsten hangelten, vom Erscheinungsbild sähen sie „sehr angepasst“ aus – anders als Rebecca. Ihr sieht man bis heute an, dass sie aus der Punkszene kommt. Im Schlupfwinkel können sie sich duschen, sich mit Hygieneartikeln und Kleidung ausstatten, sich aufwärmen, Anträge ausfüllen, sich beraten lassen. Die meisten kämen leider erst dann, wenn die Lage hoffnungslos werde, so Hagenmayer.

Dann hat sich „niemand mehr interessiert, wo ich war“

Rebecca erinnert sich noch daran, wie sie das erste Mal in der Schlosserstraße in diesem Raum mit dem Grüffelo saß. Das erste von vielen Malen. Damals trank sie schon. Alkohol sei all die Jahre ihr Hauptsuchtmittel gewesen. Das Trinken war ihr oft wichtiger als das Essen. Sie ernährte sich auf der Straße meist von dem, was sie geschenkt bekam – aß als Vegetarierin auch Döner. Oft habe es auch nur Kekse und Schokolade gegeben. Im Sommer schlief sie viel draußen, sonst in Kellern, auch bei Freunden. In der ersten Zeit wurde sie immer wieder von der Polizei aufgegriffen und zum Jugendamt gebracht. Einmal kam sie in ein Heim in München und dort auf eine Hauptschule. Sie fühlte sich nicht wohl, war schulisch unterfordert – und wieder weg.

Doch schließlich, als sie 14, 15 Jahre alt war, habe sich „niemand mehr dafür interessiert, wo ich war“. Das Berliner Jugendamt habe ihr zum Beispiel als Hilfe ein Ticket nach Süddeutschland angeboten. Sie lebte in Berlin, im Saarland, in einem Zelt im Hambacher Forst – „überall in Deutschland“.

Rebecca ist gerade auf der Suche nach einer Traumatherapie, um die Zeit auf der Straße und ihrer Kindheit aufzuarbeiten. „Da ist super viel passiert, was auch nicht so gut war.“ Sie hat Schlafstörungen, Panikattacken und regelmäßig Flashbacks: traumatische Erlebnisse holen sie immer wieder ein.

Drei Jahre voller Entgiftungen und Rückfälle

Eine gute Zeit war, als sie Ende 16 war. Da kehrte sie zurück in die Region Stuttgart, zog zu „der Person“, in die sie sich verliebt hatte. Die Mutter überreichte ihr sogar einen eigenen Schlüssel, ein „sehr schöner Moment“. Anfangs sei es nicht leicht gewesen, in einem Zimmer zu schlafen. Dann genoss sie es. Sie brachte den Müll raus, half im Haushalt, trank wenig. Sie meldete sich mit 17 Jahren zur Schulfremdenprüfung für den Hauptschulabschluss an. Ihr Schnitt: 2,0 – ohne Vorbereitung.

Das Leben war gut. Doch dann, Monate später, zerbrach die Beziehung und auch etwas in ihr. Rebecca musste ausziehen, wechselte ins betreute Jugendwohnen nach Stuttgart. Sie verfiel wieder dem Alkohol, trank schnell „richtig viel“. Es folgten drei Jahre „voller Entgiftungen“, voller Rückfälle. Einmal lag sie auf dem Boden, „kotzte Galle“ in den Eimer und trank trotzdem weiter. Ein Freund sagte ihr, sie sei „die krasseste Alkoholikerin“, die er kenne.

Ohne den jüngeren Bruder würde sie nicht mehr leben

Im Spätsommer 2024 kippte Rebecca einfach um. In der Klinik sagte ein Arzt zu der damals 21-Jährigen: Ihr Herz sei durch den Alkohol geschädigt und schwach. Wenn sie so weiter mache, könne es jeden Moment vorbei sein. „Ich muss mich aufraffen! Ich will noch so viele Dinge tun“, habe sie da gedacht. Sie macht Kunst. Sie hilft gerne anderen. Und dann ist da ja noch ein Mensch, der ihr sehr viel bedeutet: „Ich bin der Anker für meinen kleinen Bruder.“ Ohne ihn, glaubt sie, würde sie nicht mehr leben.

Seit September 2024 hat sie keinen Alkohol mehr getrunken. Im Januar 2025 hörte sie auf zu rauchen, trinkt seither auch keinen Kaffee mehr. „Ich bin jetzt Straight Edge“, sagt die 22-Jährige. Der Lebensstil geht mit totaler Abstinenz einher. Ihr Teint ist frisch, die Hände zittern nicht mehr, die Augenringe sind weg.

Und noch etwas hat sich geändert. Sie hat ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft – eines ganz für sich. Sie freut sich immer noch darüber, weiß alles an der Wohnung zu schätzen: ihr eigenes Bett, die Dusche, dass es einen Herd gibt, auf dem sie kochen kann, wann sie will. Dass sie ihre Wäsche zu Hause waschen kann und nicht in eine Einrichtung laufen muss. „Ich muss nicht mehr jemanden fragen: Ey, kann ich bei dir duschen, kann ich etwas bei dir essen?“ Das sei „so unangenehm“ gewesen. „Krass entspannt“ fühle sich das neue Leben an: „Ich kann da einfach schlafen und muss mich nicht schlecht fühlen.“

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