24 Stunden auf den Fildern Auf Kampfsport folgt Tanzsport

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Wenn jede Stunde eine Geschichte erzählt, hat der Tag 24 Geschichten. Eben diese erzählen wir in einer Serie. Von 21 bis 22 Uhr besuchen wir eine Tanzsportgruppe in Birkach. Die Senioren halten sich so fit.

Der Tanzlehrer Martin Rittner trainiert die Paare im Standardtanz. Foto: Sascha Maier
Der Tanzlehrer Martin Rittner trainiert die Paare im Standardtanz. Foto: Sascha Maier

Birkach - Erzählt hat er in der Oberstufe seines Gymnasiums kaum jemandem, was für ein Hobby er mit großer Leidenschaft betreibt. Martin Rittner ist heute 46 Jahre alt und Trainer der Tanzsportgruppe des TSV Birkach, die sich seit Mitte September wieder jede Woche in der Alfred-Wais-Halle trifft. Wieder deshalb, weil die Halle bis vor ein paar Monaten belegt war: Dort wohnten vorübergehend Flüchtlinge.

Wie auch immer, Martin Rittner war jedenfalls Klassenbester, „an der oberen Front der Leistungsträger“, wie er sagt, als die Tanzkarriere des mehrfachen Weltmeisters im Standard-Formationstanz Fahrt aufnahm. „Beim Abiball haben meine damalige Tanzpartnerin und ich alle ganz baff gemacht“, sagt er heute stolz.

Es muss zu einer ähnlichen Zeit gewesen sein, da heiratete Sabine Eberspächers Tochter. Eberspächer ist heute 76 Jahre alt – mit dem Tanzen begann sie erst, als die Kinder aus dem Haus waren. Damals war die ehemalige Sekretärin an der Universität Hohenheim Mitte 40. „Auch mein Mann und ich haben auf der Hochzeit alle erstaunt, als wir das Tanzbein plötzlich ziemlich professionell geschwungen haben“, erzählt Eberspächer.

Die Tänzer kommen nach den Kickboxern

Heute trainiert der promovierte Physiker Rittner das Ehepaar Eberspächer und etwa 20 weitere Tanzpaare, die sich jeden Dienstag treffen, um Tanzsport als Breitensport zu betreiben. Bevor sie trainieren, nehmen Kickboxer die Sporthalle in Beschlag. Als dort der Schweiß fließt, sitzt Sabine Eberspächer noch im Vereinszimmer und wartet, bis die Halle etwas gelüftet ist. Sie ist mit ihrem schwarz-roten Blumenkleid nicht so angezogen, wie man es von einer 76-Jährigen erwarten würde, die Beine sind elegant übereinandergeschlagen, an den Füßen trägt sie hochhackige Tanzschuhe. Die regelmäßige Bewegung hat sie offensichtlich jung gehalten.

Dasselbe gilt für Dorit Grepl. Sie ist heilfroh, die Tanzsportgruppe gefunden zu haben; sie gehört ihr nun schon seit 30 Jahren an. Denn als die heute 76-Jährige als junge Frau aus dem österreichischen Graz nach Stuttgart kam, traf der Kulturschock sie mit voller Wucht: „In Österreich ist es üblich, dass überall Tanzbälle stattfinden. Nach der Schule, in allen möglichen Vereinen, es gibt Unibälle, Technikbälle, einfach einen Ball nach dem anderen.“ In Stuttgart sind vor allem die meisten jungen Leute wohl schon immer etwas schwerfüßiger gewesen.

Auch wenn der Tanzlehrer Rittner etwas unter dem Altersdurchschnitt ist, will die Tanzsportgruppe des TSV Birkach keineswegs eine reine Seniorenveranstaltung sein. Und montags komme zudem eine jüngere Gruppe zum Training, außerdem gibt’s beim TSV Birkach auch eine Jugendtanzgruppe. Doch gerade da mangelt es vor allem an männlichem Nachwuchs.

Ehrgeiz auch im Breitensport

Gisela Kinzler organisiert die Tanzsportgruppen des Vereins und versteht nicht wirklich, warum gerade junge Männer offenbar Berührungsängste mit dem Tanzsport haben. „Wenn sie erst mal damit angefangen haben, gehen die Männer oft motivierter ans Werk als die Frauen“, sagt sie und schmunzelt.

Einer von dieser Sorte ist zweifelsohne Tanzlehrer Rittner – und er ist offenbar ein Perfektionist. Es sind nur Zentimeter, die er an der Haltung der Paare korrigiert, während diese durch die Sporthalle schreiten. Denn auch wenn die Gruppe das Tanzen als Breitensport betreibt, ist durchaus Ehrgeiz bei den Tänzern zu spüren.

„Wir sind schon ab und an auf der Bühne und zeigen Formationstanz“, berichtet die 76-jährige Eberspächer. Auf kleineren bis mittelgroßen Bällen. Sie erzählt, dass ihr vor Lampenfieber bis heute immer die Beine zittern, bevor es vor Publikum losgeht. „Synchron zu tanzen, ist noch mal was anderes wie als Paar“, sagt sie.

Doch manchmal sind es ganz andere Sorgen, die die Tanztruppe umtreibt. Grepl aus Österreich erinnert sich an den ersten Auftritt der Birkacher Tanzsportgruppe: „Da ist irgendjemand übers Kabel gestolpert. Und als es losgehen sollte, war die Musik aus!“ Zum Glück war die Ursache des Problems schnell gefunden.

Freundschaften und Liebschaften

Anekdoten, über die sich die Tanzsportler nicht nur abends in der Sporthalle austauschen, sondern auch gerne beim sonntäglichen Kaffeekränzchen. Denn innerhalb der seit 30 Jahren bestehenden Tanzgruppe beim TSV Birkach sind viele Freundschaften entstanden. „Und Liebschaften“, raunt die Kursleiterin Kinzler. Die meisten Tänzerinnen und Tänzer sind aber schon lange vom Markt. Auch Rittner, der die Tanzpartnerin heiratete, mit der er seine größten sportlichen Erfolge gefeiert hatte. Denn wo sonst als auf dem Tanzparkett können Paare sich solche körperliche Nähe schon ins hohe Alter behalten?

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Die Geschichten der 24-Stunden-Serie bündeln wir auf www.stuttgarter-zeitung.de/thema/24-Stunden-Serie und www.stuttgarter-nachrichten.de/thema/24-Stunden-Serie.




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