Sonntagnachmittag, einige sind schon ziemlich müde. Foto: Karin Ait Atmane
Eine Grenzerfahrung direkt vor der Haustür: Jedes Jahr bietet die Nürtinger Bezirksgruppe des Deutschen Alpenvereins (DAV) eine 24-Stunden-Wanderung an.
Karin Ait Atmane
16.05.2025 - 17:00 Uhr
Kreis Esslingen. Am Ende werden mehr als 70 Kilometer auf dem GPS-Gerät stehen. Dabei wollte DAV-Wanderleiter Peter Vohmann dieses Jahr die 24-Stunden-Wanderung mit relativ sanften gut 60 Kilometern anbieten. Aber die Gruppe ist flott unterwegs und 24 Stunden wollen gefüllt werden. Folglich kommt es zu ein paar zusätzlichen Schlenkern.
Der lange Marsch des DAV Nürtingen ist kein Event mit Verpflegungsstationen, Shuttleservice und Finisher-Urkunden, sondern eine Wandertour wie andere auch, nur eben rund um die Uhr. Wer unterwegs abbricht, muss auf eigene Faust nach Hause fahren oder sich abholen lassen.
18 Personen versuchen sich an der Mega-Wanderung
18 Leute kommen abends um sechs am Wanderparkplatz Bassgeige bei Erkenbrechtsweiler zusammen. Peter Vohmann hat schon an die 20 solcher Langwanderungen für den DAV geführt, vor ihm tat das Hans-Jörg Weiss, der mit seinen 71 Jahren dieses Mal als Teilnehmer dabei ist. Neben einigen Erfahrenen gibt es auch „Erstlinge“ in der Runde, darunter drei junge und ein älterer Mitarbeiter von Forst BW, die sich von ihrem Kollegen Karl Buck haben motivieren lassen.
Die Gruppe startet auf einem Trampelpfad, genießt den Blick aufs Lenninger Tal, steigt ab nach Oberlenningen und auf der gegenüberliegenden Talseite wieder auf. Waldmeister und Maiglöckchen säumen den Weg. Oben breitet sich eine sanfte Abendstimmung aus: Links steht der Mond schon hoch, rechts geht die Sonne unter und taucht die Wiesen in weiches Licht. In die Nacht hineinzuwandern, gehört zu den schönsten Etappen auf so einer Rund-um-die-Uhr-Tour. Die Dämmerung wird immer dichter, bei Ankunft am Aussichtsturm Römerstein ist es dunkel. Dessen Tür ist wider Erwarten offen, und einige steigen einige nach oben und blicken auf dunkle Bäume und auf die Stirnlampenlichter der anderen am Fuß des Turms.
Der Weg durch den ehemaligen Truppenübungsplatz Münsingen, asphaltiert und schnurgerade, ist eigentlich eher langweilig, aber in der Nacht doch ein Erlebnis. Der Mond scheint so hell, dass die Wanderer lange Schatten werfen. Wenn’s nur nicht so kalt wäre – die Temperatur sinkt, wie vom Wetterbericht vorhergesagt, auf drei Grad Celsius. Im ehemaligen Dorf Gruorn schützt ein Unterstand vor dem Wind, hier kann man alle mitgebrachten Schichten übereinander anziehen, Handschuhe und Mützen rausholen. Ein paar Energieriegel werden verspeist, dann geht es weiter, die Jackenkrägen weit nach oben gezogen, die Hände in den Taschen vergraben. Zeitweise steigen Atemwölkchen vor dem Gesicht auf.
Die Pause hat Wunder gewirkt
Irgendwann nach vier Uhr in der Früh lassen sich die ersten Vögel hören. Aus einem Getreidefeld vor Münsingen steigt ein ganzer Chor von trillernden Lerchenstimmen auf. Bei der Ankunft in der Stadt sind die geparkten Autos mit Reif überzogen. Es ist halb sechs, die Bäckerei, in der die Gruppe fürs Frühstück angemeldet ist, hat noch gar nicht geöffnet. Aber die gerade ankommende Mitarbeiterin lässt die Frierenden vor der Zeit ein, versorgt alle freundlich mit Kaffee, Tee und heißer Schokolade. Jetzt wird gut eine Stunde lang ausgiebig gefrühstückt, nach und nach dringt die Wärme durch. Einige machen ein Schläfchen, den Kopf auf den Tisch gelegt.
Zwischendurch ging es auch mal über unbefestigte Straßen. Foto: Karin Ait Atmane
Nach der Pause geht’s weiter, und der Wanderleiter ist beeindruckt: „18 Leute, und alle machen nach dem Frühstück weiter – das hatten wir noch nie“, sagt er. In der Regel steigen einige an dieser Stelle aus. Doch die Pause hat Wunder gewirkt, für die Psyche wie für die schmerzenden Füße. Zudem kündigt sich ein herrlicher Tag mit strahlend blauem Himmel an, da ist die Stimmung beim Abmarsch schon fast euphorisch. Im Lauf der nächsten Stunden ändert sich das wieder. Die Füße schmerzen, die Beine sind schwer, teils melden auch Knie oder Hüfte Protest an. Jonathan Ganter, einem der jungen Forstwirte, ist schon kurz nach dem Start der Schmerz in den Rücken gefahren. Er nutzt jede Pause für Lockerungsübungen und beißt sich durch.
In Bad Urach, bei der nächsten längeren Pause in einer Pizzeria, kämpfen einige mit sich. Augen fallen zu und Köpfe auf die Brust. Sven Kowalzik, der Blasen an den Fußsohlen hat, kramt eine Ibuprofen aus dem Rucksack und schaut aufs Handy: „Es gibt eine Busverbindung nach Erkenbrechtsweiler“, verkündet er. Der Bus fährt allerdings nicht am Wochenende – keine Chance, schwach zu werden.
Geschafft: Die 24-Stunden-Tour ist vorbei, die Teilnehmer sind müde aber glücklich.
Hans-Jörg Weiss wohnt im Ort, nur 200 Meter entfernt, und geht trotzdem eisern die restlichen Stunden mit. Die ziehen sich zäh in die Länge, und die Frage „Warum mache ich das eigentlich?“ nimmt immer mehr Raum im Kopf ein. Die Stimmung ist bei einigen ziemlich am Boden, die Bilanz am Ende unterschiedlich. „Immer wieder ein Erlebnis“, sagt Karl Buck, der seine Kollegen motiviert hatte. Die loben zwar die tolle Runde mit den schönen Ausblicken und den netten Leuten, aber zwei von ihnen sind sich einig: „Einmal und nie wieder“. Aber wer weiß – sie wären nicht die ersten, die irgendwann doch wieder dabei sind.
Langwanderungen
Wie man sich wappnet Wichtig ist, eine ausreichend große Wasserflasche mitzunehmen, um die längste Etappe ohne Nachfüllmöglichkeit zu überstehen. Ausreichend Vesper vorzuhalten, vor allem für die Nacht, aber auch Energieriegel oder Ähnliches sind ebenfalls sinnvoll. Ob eher feste oder leichte Schuhe, ist Ansichtssache, bequem müssen sie sein. Die Schuhe gut imprägnieren – selbst wenn es nicht regnet, sind morgens doch die Wiesen nass. Die Zehennägel schneiden und feilen, damit sie nicht am Nachbarzeh reiben, empfiehlt sich ebenfalls. Verschiedene Schichten für den Zwiebellook einpacken – direkt auf der Haut sind Merinoshirts ideal. Sonnencreme, Sonnenbrille und gegebenenfalls auch Handschuhe und Mütze gehören natürlich auch in den Rucksack.
Langwanderungen in der Region Megamarsch Stuttgart: 6. und 7. September, Start und Ziel am Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart; 100 Kilometer in 24 Stunden, ca. 75 Euro. Veranstalter: hundert24 GmbH.