24 Stunden Ludwigsburg Die drei Damen von Bahn sechs

Doris Kapffenstein (Zweite von rechts) und die anderen Damen  paddeln gemütlich auf ihrer Außenbahn  nebeneinander. Foto: factum/Weise
Doris Kapffenstein (Zweite von rechts) und die anderen Damen paddeln gemütlich auf ihrer Außenbahn nebeneinander. Foto: factum/Weise

24 Stunden Ludwigsburg – in einer 24-teiligen Serie erzählen wir, wie die Ludwigsburger und die Gäste der Stadt leben und arbeiten. Zwischen 6 und 7 Uhr treffen sich die Frühschwimmer im Stadionbad – zur körperlichen Ertüchtigung, aber auch zum Schwätzen.

Rems-Murr/ Ludwigsburg: Martin Tschepe (art)
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Ludwigsburg - Punkt 6 Uhr öffnet die Rettungsschwimmerin Michelle Harlander die Drehtür zum Stadionbad. Jeden Donnerstag ist Frühschwimmtag. Und jeden Donnerstag treffen sich die 85-jährige Doris Kapffenstein und zwei andere Frauen bereits knapp eine halbe Stunde vorher im Foyer des Bads zum Schwätzen. Um 6 Uhr beeilen sich die Damen dann: husch, husch – schnell rein in die Umkleidekabinen, raus aus den Klamotten, rein in den Badeanzug und ab ins Becken!

Die drei Damen schwimmen nämlich auf der Bahn sechs – immer. Sie wollen sich gar nicht auf größere Diskussionen einlassen mit anderen Badegästen. Die Bahn sechs gehört ihnen, für rund eine Stunde. Die drei Damen paddeln ganz gemütlich auf ihrer Außenbahn in dem 25-Meter-Becken nebeneinander her, immer mit dem Kopf über Wasser. Schwimmend plaudern sie weiter, reden über dies und das. „Wir schwätzen über Gott und die Welt“, sagt Doris Kapffenstein, als sie kurz nach 6 Uhr ihre Bahn erobert hat.

Seit geschätzt 50 Jahren Frühschwimmerin

Die Seniorin erzählt, dass sie seit geschätzt 50 Jahren zum Frühschwimmen kommt. Sie ist topfit, ginge glatt als 75-Jährige durch, hat allerdings zwei künstliche Kniegelenke. Deshalb habe ihr der Arzt dringend empfohlen, weiter viel zu schwimmen. Doris Kapffenstein bewegt sich auch außerhalb des Schwimmbads oft und gerne. Sie ist am frühen Morgen zum Bad marschiert, etwa eine Viertelstunde dauert das. Sie hat also die erste Bewegungseinheit bereits hinter sich.

Warum kommt eine Rentnerin, die schlafen könnte, so lange sie mag, in aller Herrgottsfrühe zu Fuß zum Schwimmen ins Stadionbad? „Ich habe früher bei der Post gearbeitet, bin immer um 4 oder um 5 Uhr aufgestanden.“ Diese Routine hat sie schlicht beibehalten.

Am Beckenrand steht Lukas König, 19 Jahre jung. Er ist Auszubildender im dritten Lehrjahr, wird Fachangestellter für Bäderbetriebe, im Volksmund Schwimmmeister genannt. König ist seit 5.15 Uhr im Bad. Zusammen mit zwei Kolleginnen hat er die Lichter im Bad eingeschaltet, er hat überprüft, ob die Wasserwerte okay sind, hat die Plane vom Außenbecken gezogen. „Jetzt passen wir auf die Badegäste auf“, sagt er und hat das Becken im Blick. Sein Job, erklärt er auf Nachfrage, mache ihm Spaß. Er würde nach dem Abschluss gern bei den Stadtwerken Ludwigsburg-Kornwestheim bleiben, die das Stadionbad betreiben.

Training für einen Mitteldistanz-Triathlon

Draußen ist es noch stockfinster. Im Bad dudelt leise Musik aus den Lautsprecherboxen, das Kunstlicht ist gedämpft, längst nicht so hell wie abends. In den großen Fensterfassaden spiegelt sich das Geschehen auf der Wasserfläche. Inzwischen sind knapp zwei Dutzend Schwimmer im Becken. Christian Seiz, 39 Jahre, ist an diesem Morgen erstmals zum Frühschwimmen gekommen. Er will ein bisschen trainieren, für einen Mitteldistanz-Triathlon, zwei Kilometer schwimmen und dann zur Arbeit gehen. Gerhard Ernst ist ein Wiederholungstäter wie Doris Kapffenstein. Der 75-jährige Mann kommt „seit mindestens 25 Jahren“ zum Frühschwimmen. Sein Programm: einen Kilometer schwimmen, dann ein bisschen Rückenmassage in dem Becken mit Unterwasserdüsen, schließlich 20 Minuten ins Dampfbad. Der 6-Uhr-Termin habe sich halt eingebürgert, sagt Ernst. Früher ist er immer vor der Arbeit zum Schwimmen gekommen. Jetzt habe er Bedenken, den frühen Termin zu kippen. „Wenn ich nun sagen würde: Geh’ doch samstags, ich hätte bestimmt eine Ausrede, warum ich dann doch nicht kann.“ Es bleibe also bei donnerstags 6 Uhr – auch wenn das Aufstehen hart sei.

Brustgurt zum Messen des Pulsschlags und Flossen

Auf der mit Leinen abgetrennten Schnellschwimmbahn in der Beckenmitte trainiert eine Handvoll ambitionierter Sportler, einer mit einem Brustgurt zum Messen des Pulsschlags, ein anderer mit Flossen an den Füßen. Tomas Völler steht am Beckenrand, der durchtrainierte Mann schaut skeptisch. Ihm ist zu viel los auf der Bahn. „Ich werde schon ein Plätzchen finden.“ Er wolle an diesem Morgen eh nicht so viel schwimmen, erklärt der 52-Jährige, sondern seiner Freundin zeigen, wie sie richtig krault. Katja Volgmann hat nämlich vor, bei ihrem nächsten Triathlon schneller zu schwimmen als bei ihrem ersten Wettkampf im Vorjahr.

Unterdessen schwimmen ein Mann und eine Frau unter freiem Himmel im Außenbecken. Und eine Dame zieht ganz allein ihre Bahnen im nur hüfttiefen Nichtschwimmerbecken. Im Stadionbad findet früh am Morgen jeder einen Platz. Dann rückt der nächste Schnellschwimmer an. Der junge Mann hat es eilig, sagt, er werde nur kurz 1500 Meter herunterspulen – und springt ins Becken. Ein älterer Mann hat genug und macht Platz im Sportbecken. Er legt sich in den Whirlpool mit dem gut 36 Grad warmen Wasser.

Fast jeden Tag von 6 bis 7 Uhr Sport

Zwei Mitarbeiterinnen des Stadionbads erzählen, dass schon bald die nächsten Stammgäste kommen. Über Mittag sei meistens weniger los, „und abends zieht es wieder an“, sagt eine der Frauen. Jetzt hat sich zu den drei Damen von Bahn sechs eine vierte hinzugesellt. Christine Jentner kommt mit dem Auto aus Remseck ins Stadionbad zum Frühschwimmen. 6 Uhr sei ihr zu früh, später als 6.30 Uhr fahre sie aber nie los – weil dann die Staus auf den Straßen immer länger würden.

7 Uhr. Doris Kapffenstein verlässt ihre Bahn sechs, geht duschen und marschiert heim. Reinhard Traub sitzt bereits frisch geduscht und angezogen im Foyer des Bads. Der 50-jährige Mann erzählt, dass er oft von 6 bis 7 Uhr Sport treibt. Mal laufe er, mal gehe er in ein Studio – und donnerstags wird halt geschwommen. Bewegung sei ein guter Ausgleich. Jetzt gehe er völlig entspannt zur Arbeit. „Die Kollegen sind noch müde“, sagt er. Er aber ist längst hellwach.




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