25 Jahre beim Stuttgarter Ballett Friedemann Vogel, ein Star ohne Starsyndrom

Friedemann Vogel ist auf den Ballettbühnen der Welt zu Hause, daheim ist er in Stuttgart – und auch in einer seiner Paraderollen, Béjarts „Bolero“. Foto: /Roman Novitzky

Mit einem „Abend für Friedemann Vogel“ verbeugte sich das Stuttgarter Ballett vor seinem Starsolisten. Neben einer Preisverleihung gab es exklusive Szenen aus Joachim Langs Kinofilm „Cranko“.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Vielleicht wünschte sich mancher Ballettfan, der am Montag im Stuttgarter Opernhaus vergeblich in der langen Schlange an der Abendkasse wartete, heimlich nach London. Dort hatte der Tänzer Friedemann Vogel, dessen silbernes Dienstjubiläum gleich drinnen auf der Stuttgarter Bühne gefeiert werden sollte, einst seinen ersten internationalen Gastauftritt. Und die Royal Albert Hall, wo der damals aufstrebende Stuttgarter Star mit dem English National Ballet in „Romeo und Julia“ tanzte, fasst rund 6000 Zuschauer.

 

Ins Stuttgarter Opernhaus passen nur 1400 Gäste. Zu wenige für einen „Abend mit Friedemann Vogel“, der ein Gespräch und alte Videoaufnahmen, Béjarts „Bolero“, eine Preisverleihung sowie exklusive erste Einblicke in Joachim Langs Kinofilm „Cranko“ bot. Und so blieben leider viele Fans des Stuttgarter Tänzers ohne Ticket. Auch Schildchen wie „Machen Sie mich glücklich, verkaufen Sie mir eine Karte“ halfen nicht.

Perfekte Muskeln wie ein Anatomiemodel

Sein Jubiläumspublikum tanzte Vogel gleich zum Auftakt ins Glück. Das Solo auf dem roten „Bolero“-Tisch ist nicht nur konditionell ein Killer. Die Abfolge von Sprüngen quasi aus dem Stand und verwinkelten Körperornamenten zu fließendem Tanz zu machen, der alle mitreißt, ist nicht jedem vergönnt. Dass der Jubilar, der im August seinen 45. Geburtstag feiert, dabei erst spät ins Schwitzen kam, beeindruckte ebenso wie der Blick auf einen Körper, der als Muskelmodel taugt.

Die Gesprächsrunde im Opernhaus Foto: SB/Roman Novitzky

„Gott war in sehr guter Laune, als Friedemann Vogel auf die Welt kam“, fasste Marcia Haydée die physisch perfekten Voraussetzungen des Tänzers zusammen, den sie als Star ohne Starsyndrom beschreibt. Neben ihr waren mit Reid Anderson und Tamas Detrich zwei weitere Intendanten Vogels am Gespräch beteiligt, das Vivien Arnold, Sprecherin des Stuttgarter Balletts, moderierte.

Anderson fiel die nicht leichte Aufgabe zu, das vielversprechende Talent an den richtigen Aufgaben wachsen zu lassen. „Ich wusste nicht, ob ich gut genug war, um ihn weiterzubringen“, sagte der Intendant, der Friedemann Vogel bis 2018 begleitete. „Was sollte er zuerst tanzen? Wie holt man das Beste aus ihm heraus?“ Im Rückblick erwiesen sich die Entscheidungen auf dem gemeinsamen Weg als richtig – von den Prinzenrollen bis zu Goeckes zweifelndem Orlando. „Das hast du toll gemacht, wie du mich geführt, welche Farben du mir gegeben hast“, stimmte Vogel zu, der bescheiden blieb und weiß, dass auch kleine Rollen einen großen Tänzer formen.

Auch ein Ballett-Superheld kennt Grenzen

Tamas Detrich setzte mit „Mayerling“ einen weiteren dramatischen Akzent. Und es tat gut zu hören, dass eine Rolle wie die des verzweifelten Kronprinzen Rudolf auch einen Ballett-Superhelden wie Friedemann Vogel an Grenzen bringen kann. Schon die Probe eines der vielen Pas de deux war anstrengend, erinnerte er sich. „Doch wenn ich in den Spiegel schaute, warteten da sechs weitere Kolleginnen.“

Ob als Tänzer oder als Mensch: Friedemann Vogel regt zu Lobeshymnen an, zwischen Standing Ovations und Lob im Sitzen mischte sich Filmemacher Lang mit einer Grußbotschaft aus Berlin und schickte als Beigabe einige „Cranko“-Szenen, die Gesprächsfetzen und Visionen komplex verflechten. Die Medaille des Cranko-Preises hatte Fred Binder, der Vorsitzende der Cranko-Gesellschaft, dabei. Dass Vogel als „epochaler Stuttgarter Tänzer“ Crankos Name bei Gastspielen in die Welt trage, ist nur einer von vielen Gründen für die Verleihung. Crankos Rollen begleite Vogels Leben, fasst Fred Binder den Abend in einem schönen Satz, „und er liebt diese Kompanie genauso wie wir, das Publikum“.

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