25 Jahre beim Stuttgarter Ballett Friedemann Vogel holt sich auf der Bühne den Extrakick an Energie: „Alle sollten tanzen“

Dem Tänzer Friedemann Vogel gelang von Stuttgart aus eine internationale Karriere und der Sprung an die Spitze der Ballettwelt. Foto: RN/Roman Novitzky

Seit 25 Jahren ist Friedemann Vogel Mitglied des Stuttgarter Balletts. Zum Dienstjubiläum spricht der international gefeierte Tänzer über missglückte Abgänge, Höhenflüge und seinen CO2-Abdruck.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

25 Jahre beim selben Arbeitgeber? Im Schwäbischen nichts Ungewöhnliches – für einen Tänzer des Stuttgarter Balletts aber doch. In dieser körperzehrenden Kunst sind Karrieren oft kurz. Umso schöner, dass nach Jason Reilly nun auch Friedemann Vogel Dienstjubiläum feiern darf. Blumen und Urkunde gab es schon. Am 15. Juli gehört dem Starsolisten das ganze Opernhaus.

 

Herr Vogel, wo, bei welcher Kompanie haben Sie sich in Ihren Träumen als Ballettschüler vor einem Vierteljahrhundert gesehen?

Da gab es keinen konkreten Ort, nur eine große Vision. Und die war, dass ich tanzen wollte. Insofern ist der Weg mein Ziel. In welcher Form und wann er endet, ist bei Tänzern ja nicht so leicht vorhersehbar. Wo geht es mir gut, wo erfüllt sich, was ich mir wünsche? Diese Fragen haben mich geleitet; Stuttgart war und ist der perfekte Ort für mich. Tatsächlich schon 25 Jahre? Das ist eine Zahl, die mich auch ein bisschen erschreckt. Manches fühlt sich an, als wäre es gestern gewesen, dabei ist es Jahre her.

Mit 44 Jahren noch in Topform, das ist für einen Balletttänzer nicht selbstverständlich. Haben Sie ein Geheimrezept?

Nein. Aber ich hatte in Monte-Carlo mit Marika Besobrasova eine Lehrerin, die mir all das beibrachte, wovon ich heute noch zehre. Auch, wie man sorgsam mit seinem Körper umgeht. Dieses ganzheitliche Denken war damals nicht alltäglich. Dinge wie Yoga oder Atemtraining waren in meiner Jugend nicht so hipp wie heute, doch sie waren, wie man sehen kann, fortschrittlich und hilfreich für den Körper. Ich wurde zudem zu großer Selbstständigkeit erzogen und zum Beispiel allein mit einer Mitschülerin auf einen Wettbewerb in die USA geschickt.

Wie alt waren Sie damals?

17 Jahre – und wir beide mussten alles allein organisieren. In weiser Voraussicht hatte diese Lehrerin vielleicht geahnt, dass ich später in meiner Karriere auch alle Gastauftritte selbst manage – vom Visum über die Verträge mit den Theatern bis zu den Kostümen, die ich einpacken muss.

Sie haben keinen Agenten, der für Sie beste Gagen aushandelt?

Nein, es ist einfacher, wenn ich selbst meine Termine verwalte. Bei vielen Theatern trete ich regelmäßig als Gast auf und habe großes Vertrauen auch, was die Höhe des Honorars betrifft. Ein dickes Bankkonto? Das ist nichts, was bleibt. Die Rollen, die ich tanze, bleiben. Und wenn ich die Wahl habe, entscheide ich mich immer für ein abendfüllendes Ballett und nicht für den Gala-Auftritt, auch wenn ich damit mehr verdienen könnte.

Warum?

Aus künstlerischer Sicht ist es interessanter, in den Alltag einer anderen Kompanie, in eine neue Choreografie, in die Herausforderungen einer neuen Rolle einzutauchen. Meistens tanze ich bei Gastauftritten in Stücken, die es in Stuttgart nicht gibt. Die männliche Hauptrolle in MacMillans „Manon“ zum Beispiel habe ich weltweit am häufigsten interpretiert. Die Intendanten in Stuttgart haben mich dabei immer enorm unterstützt. Ich bin nur der Tänzer geworden, der ich bin, weil ich von Paris bis zum Bolschoi Erfahrungen in verschiedenen Techniken sammeln konnte.

Sind diese Gastauftritte im fortgeschrittenen Alter nicht sehr anstrengend?

Nein, ich komme immer frischer zurück, als ich abgereist bin. Ich empfinde das Gastieren nicht als anstrengend, im Gegenteil: Es gibt mir Energie. Im Mai war ich in Korea, Rom, Paris und Dubai.

Friedemann Vogel mit Fans in Tokio Foto: SWR-Presse//Picas

Wow, was sagt Ihr CO2-Abdruck?

Ich bin in leidenschaftlicher und friedlicher Mission unterwegs, Fans in der ganzen Welt freuen sich über meine Auftritte. Ballett nur online? Wir haben in der Pandemie gesehen, dass das eine Notlösung ist. Mein Beruf als darstellender Künstler lebt vom geteilten Moment, und meine Karriere als Tänzer ist so kurz, dass ich mich nicht noch mehr einschränken kann. Dafür bin ich in Stuttgart nur mit dem Rad unterwegs.

An Ruhestand denken Sie nicht?

Dass mein Körper das alles so mitmacht, hat sicherlich auch mit Glück zu tun. Dieses Instrument ist jetzt so perfekt eingespielt, dass ich nicht ans Aufhören denke. Die Tänzer an der Pariser Oper wissen, dass sie mit 42 Jahren in den Ruhestand gehen. Trotz des vorbildlichen französischen Systems will ich die Jahre nicht missen, die ich noch drauflegen darf. Ich fühle mich besser denn je, körperlich wie geistig.

Wie machen Sie das? Haben Sie einen Tipp für uns Nichttänzer?

Man muss seinen Körper kennenlernen, um auf ihn hören zu können. Ein Geheimrezept gibt es da nicht. Ich weiß, dass ich meinen Körper nicht schonen darf, sondern ihm mit mehr Arbeit besser vertrauen kann. Andere dagegen brauchen Ruhephasen.

Haben Sie eine Hitparade der schönsten Momente Ihrer Karriere?

Das müsste jemand mit Distanz von außen beurteilen. Ich lasse mich immer so intensiv auf Projekte ein, dass ich komplett drinstecke und das nicht bewerten kann. Tanz findet im Moment statt, da ist immer das am schönsten, was ich gerade tue. Oft sind es kleine Momente im Dialog mit einer Bühnenpartnerin, die man teilt und die nachwirken. Eine Berührung, eine Geste, die so nicht eingeplant war und die nicht wiederkommt. Das sind die Momente, für die ich weitertanze und die mich erfüllen. Sie sind Teil von mir und meines Wegs, auf dem es keine Meilensteine gibt.

Auch keinen negativen?

Da fällt mir ein schrecklicher Moment bei einem Gastauftritt mit Polina Semionova in Balanchines „Jewels“ an der Scala ein. Bei einem Abgang habe ich mich in einem Sprung in den Kulissen verfangen und bin auf den Boden geknallt, wahrscheinlich ragten meine Füße noch auf die Bühne. Ich war wie unter Schock und wusste nur noch, dass ich schnell wieder auftreten musste. Was ich genau tun sollte, war komplett weg. Als ich auf Polina zuging und sie fasste, flüsterte sie mir zu: „Das ist mein Solo!“

Im Cranko-Spielfilm, der im Herbst in die Kinos kommt, spielen Sie den Tänzer Heinz Clauss. Haben Sie von den Dreharbeiten selbst auch als Tänzer und Künstler profitiert?

Ja, das hat mich tatsächlich weitergebracht – zum Beispiel die Erfahrung, mit der Stimme zu arbeiten und etwas auszudrücken. Weil immer mit vielen Kameras und auch aus ungewöhnlichen Richtungen gefilmt wurde, war es spannend, sich selbst von außen oder aus großer Nähe zu betrachten und zu entdecken, was man mit dem Körper aussagen kann. Eigentlich schaue ich nicht gerne Videos von mir an. Das finde ich so befremdlich; es ist, wie die eigene Stimme in einer Aufnahme zu hören. Was ich ausdrücken möchte, kommt von innen. Und unter Umständen sehe ich genau das kritisch, was andere als Teil meiner Persönlichkeit wahrnehmen.

Ballettsaal oder Bühne - wo sind Sie lieber?

Beides gehört zusammen, ohne das eine gibt es das andere nicht. Ich genieße den Probenprozess, bei dem wir unsere Emotionen teilen und uns nah kommen. Auf der Bühne passiert dann etwas anderes mit einer Extraportion Energie. Manche macht die Aufregung schwächer, andere bekommen einen Extrakick so wie ich. Am nächsten Tag muss ich mit einer eigenen Therapie dafür sorgen, dass diese Energie abfließt und nicht stecken bleibt. „Bolero“ zum Beispiel hilft dem ganzen Körper, danach tut mir nichts mehr weh. Alle sollten tanzen, das tut gut. Mit der richtigen Technik ist auch Ballett nicht ungesund.

Info

Termin
Am 15. Juli heißt es im Opernhaus „Ein Abend mit Friedemann Vogel“. Von 19 Uhr an ehrt das Stuttgarter Ballett seinen Starsolisten mit einem Rückblick auf dessen Karriere. Neben einem Gespräch und Filmausschnitten gibt es auch Live-Tanzkunst; auf dem Programm steht Béjarts „Bolero“.

Künstler
Friedemann Vogel wurde 1979 in Stuttgart geboren. Seine an der Cranko-Schule begonnene Ausbildung schloss er an der Princess Grace Academy in Monte Carlo ab. Seit 1998 tanzt er beim Stuttgarter Ballett, seit 2002 als Erster Solist in allen großen Rollen des Repertoires und als Gast auf den internationalen Ballettbühnen. Neben wichtigen Auszeichnungen trägt Vogel seit September 2015 den Titel Kammertänzer der Stuttgarter Staatstheater.

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