25 Jahre Jufa Kornwestheim Alternative zu Handy & Co.: Wie eine Jugendfarm heute noch Kinder anzieht

Zentraler Bestandteil der Jugendfarm Kornwestheim sind die Tierbegegnungen. Dafür können Kinder sogar einen Tierführerschein machen. Foto: Simon Granville

Die Jugendfarm Kornwestheim (Kreis Ludwigsburg) wird 25 Jahre alt. Seit dem Start mit tatkräftigen Eltern hat sich einiges getan und die Einrichtung hat sich den geänderten Bedingungen angepasst. Zum Jubiläum steht ein großes zukunftsweisendes Projekt an.

Ludwigsburg: Frank Ruppert (rup)

„Es wird nicht leichter, die Kinder zu erreichen“, sagt Michael Schmid. Der langjährige Vorsitzende der Jugendfarm Kornwestheim gehörte vor 25 Jahren zu den Eltern, die das Projekt aus der Taufe hoben. Fünf Jahre dauerte die Vorarbeit, bis 1999 endlich die Jugendfarm eröffnet werden konnte. Auch wenn mittlerweile mit Jaqueline Hennig die jüngere Generation den Vereinsvorsitz übernommen hat, mischen einige aus der Gründerzeit weiter mit – sehr zum Gefallen der jüngeren.

 

Am Sonntag feierte man das 25-jährige Bestehen der Jugendfarm in der Salamanderstadt. Und sowohl Hennig als auch Schmid berichten von veränderten Zeiten – ohne Groll, aber doch mit Sorgen zur Zukunft der Einrichtung.

Die Jugendfarm in Kornwestheim ist keineswegs die älteste im Umkreis, wie Schmid weiß, der unter anderem Verbindungen nach Ludwigsburg und Stuttgart hat. Getrieben von dem Wunsch den eigenen Kindern einen naturnahen Abenteuerspielplatz zu ermöglichen, kämpften vor mehr als zwei Jahrzehnten Eltern für die Einrichtung einer Jugendfarm.

Von der Stadt erhielt man eine Fläche Im Moldengraben, am Rande des Gewerbegebiets. Die hieß es mit viel Eigenleistung zu einem Ort zu machen, der Kinder animiert, in der Natur Zeit zu verbringen, Dinge zu entdecken und Verantwortung zu übernehmen. Und genau das sei vor 25 Jahren leichter gewesen als heute. Selbst Hennig, die über eine AG der Eugen-Bolz-Schule aushilfsweise auf die Anlage gekommen war, 2016 den Bundesfreiwilligendienst auf der Jugendfarm ableistete und seither ehrenamtlich engagiert ist, erkennt Veränderungen bei Kindern, im Vergleich zu ihrer Anfangszeit auf der Jugendfarm. Vor allem Corona habe zu einem Bruch geführt, meint sie. Es falle Kinder heute schwerer, sich selbst ohne Anleitung im Freien zu beschäftigen. Vielen fehle die Ausdauer bei manuellen Tätigkeiten fern vom Bildschirm.

Am Sonntag gab es eine Menge zu sehen. Foto: Simon Granville

In der Anfangszeit der Jugendfarm habe es, wie Schmid berichtet, eben noch nicht eine solche Konkurrenz an Freizeitangeboten gegeben für Kinder, aber auch die schulische Beanspruchung sei größer geworden. Ein weiteres Problem der Neuzeit sei, dass kaum mehr Kinder mit dem Fahrrad zur Jugendfarm kommen. Der Verkehr rund um das Gewerbegebiet ist vielen Eltern wohl zu viel oder der Terminkalender der Kleinen schon so voll, dass die meisten von Eltern mit den Autos zur Jugendfarm gebracht werden. „Natürlich haben wir keine optimale Lage direkt im Wohngebiet, aber wir waren damals froh, überhaupt eine Fläche bekommen zu haben“, erinnert sich Schmid.

Kinder können sich auf dem Jufa-Gelände austoben

Für die beiden Jufa-Verantwortlichen sind das alles aber keine Gründe zu verzagen. Die Jugendfarm hat sich in ihren 25 Jahren einen festen Platz als Freizeiteinrichtung mit pädagogischem Wert in Kornwestheim gesichert. Mehr als 5000 Besuche von Kindern verzeichnet man dort inzwischen jährlich. Neben den Ehrenamtlichen, die die Jugendfarm bei Arbeitseinsätzen tragen, gibt es auch drei hauptamtliche Kräfte vor Ort, die für die Kinder da sind: 1,25 Stellen plus eine Stelle im Freiwilligendienst. Ab 14 Uhr öffnet die Jugendfarm von mittwochs bis freitags für Kinder ab sechs Jahren. „Was viele nicht wissen, ist, dass die Jugendfarm für die Kinder kostenlos ist“, sagt Hennig.

Auf 12 000 Quadratmetern können Jungen und Mädchen toben, werkeln, aufs Baumhaus klettern, Feuer machen, Ball spielen und die dort lebenden Tiere versorgen. Seit 2007 werden auf der Jugendfarm auch Angebote für die schulische Ganztagesbetreuung geschaffen. Die Grundschulen der Stadt sind gern gesehene Gäste, bleiben doch viele Kinder so auch abseits der schulischen Programms dort bei der Jufa „hängen“.

Neues Gebäude auf der Jugendfarm geplant

Was Hennig und Schmid transportieren wollen und was man bei einem Besuch vor Ort merkt: Die Jugendfarm entwickelt sich immer weiter. Die Fachkräfte vor Ort und die Vereinsverantwortlichen passen das Angebot an die Bedürfnisse der Kinder an. „Wir haben einen Tierführerschein eingeführt. Das war leider notwendig, weil viele Kinder überhaupt nicht mehr wussten, wie sie mit Tieren umgehen sollen“, sagt Hennig. Aus dem eigentlichen Manko hat man in Kornwestheim ein tierpädagogisches Angebot gemacht. In dem mehrtägigen Kurs lernen Kinder und Jugendliche, wie man mit Kaninchen, Hühnern, Schafen, Ziegen, Katzen und Hunden auf der Jugendfarm umgeht.

Für die Weiterentwicklung der Jugendfarm von entscheidender Bedeutung ist ein Großprojekt: Die Container, in denen sich Aufenthaltsraum, WCs und Büro befinden und die gerade bei Regenwetter von Bedeutung sind, sind in die Jahre gekommen. Vor 25  Jahren waren sie schon gebraucht aufgestellt worden. Sie befinden sich in keinem tragbaren Zustand mehr, Rost frisst sich durchs Metall.

Der Verein hatte es sich deshalb vor ein paar Jahren zum Ziel gesetzt, ein neues Gebäude an selber Stelle zu errichten. Ein zweigeschossiges Gebäude sollte es werden, aber es fehlt Geld für die große Lösung. Weil angesichts des Zustands der Container die Zeit drängt, denkt man nun über eine kleinere Lösung nur mit Erdgeschoss nach. Schmid, der das Projekt noch als Vorsitzender anstieß, will am Ball bleiben, auch der 50. Jugendfarm-Geburtstag soll gefeiert werden.

Erfolgsgeschichte der einstigen Krempelspielplätze

Dänisch
 In den 1930er-Jahren stellte ein dänischer Landschaftsarchitekt namens Carl Theodor Sørensen fest, dass sich Kinder ab einem bestimmten Alter lieber auf wilden Brachflächen aufhalten und ihre eigene Spielwelt konstruieren, als sich auf fertig möblierten Spielplätzen aufzuhalten. Er forderte die Einrichtung sogenannter Krempelspielplätze. 1943 wurde laut dem Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze auf seine Initiative hin der erste Platz dieser Art in Kopenhagen eingerichtet.

Deutsch
 In Deutschland fasste die Idee einer Aktivspielplatz-Pädagogik erst in den 1960er-Jahren Fuß. Wie der Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze schreibt entstanden etwa zeitgleich der erste Abenteuerspielplatz in Berlin und die erste Jugendfarm in Stuttgart. Im Elsental im Stuttgarter Süden ist noch heute die erste Jugendfarm Deutschlands in Betrieb. Mehr als 900 soll es heute deutschlandweit geben

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