25 Jahre Musical in Stuttgart Was bei „Miss Saigon“ anders und schöner war als heute

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Den 25. Geburtstag von „Miss Saigon“ in Stuttgart feiert das frühere Ensemble wie eine große Familie. Etliche leben noch hier und haben uns ihre Musicalgeschichten erzählt. Ein Darsteller schulte um auf Pfleger und singt heute für Demenzkranke.

In der Kantine des Apollo-Theaters haben sich einstige Darsteller und  Dresser  von „Miss Saigon“ sowie Künstleragent Philipp Fischer (rechts) getroffen. Foto: Fischer 10 Bilder
In der Kantine des Apollo-Theaters haben sich einstige Darsteller und Dresser von „Miss Saigon“ sowie Künstleragent Philipp Fischer (rechts) getroffen. Foto: Fischer

Stuttgart - Am 19. September 1994 landeten sie gemeinsam im Flugzeug aus den Philippinen in Echterdingen – in ein Abenteuer, das bis heute wirkt. Nicht wenige Ensemblemitglieder und Dresser von „Miss Saigon“, des ersten Musicals von Möhringen, sind Stuttgarter geworden und blieben in der Stadt, in der ihre Musicalkarriere begann. Wenn sich die international bunt gemischte Freundesclique trifft, wird’s laut und lustig. Die Barmädchen und Soldaten von einst erinnern sich gern daran, wie freundlich man sie hier vor 25 Jahren aufgenommen hat.

Ein bisschen Stolz bei den Stuttgartern lag wohl in der Luft, als die Stadt mit der Musical Hall, wie das heutige Apollo-Theater damals hieß, in die Entertainmentliga aufgestiegen ist. Das Reich der Rührung auf den Fildern schien wie die Tür zur großen Welt.

Das Ensemble bekam dies zu spüren und wurde hofiert. Daimler etwa hat alle auf die andere Seite der Plieninger Straße zu sich eingeladen und ließ die Sänger auf dem ersten Auto, dem dreirädrigen Benz-Patent-Motorwagen, Runden drehen.

Bei keinem anderem Musical war der Zusammenhalt so stark

Die Whatsapp-Gruppe „Miss Saigon“ umfasst momentan 241 Mitglieder. Die Show, mit der Rolf Deyhle Stuttgart zur Musicalstadt machte, die tragische Liebesgeschichte von Menschen, die in einen internationalen Konflikt verwickelt werden, war nicht nur laut mit spektakulärer Hubschrauber-Livelandung auf der Bühne, nicht nur kitschig mit sentimental-süßlichen Klängen und viel Herzschmerz.

Nein, diese Show, die am 2. Dezember 1994 Premiere gefeiert hat, war auch gut für Freundschaften, die ewig halten.

Die 241 Mitglieder in der Whatsapp-Gruppe – alle haben mal im SI-Centrum gearbeitet – sind weltweit verstreut, aber immer noch eng verbandelt. Bei keinem anderen Stuttgarter Musical war der Zusammenhalt so stark – kein anderes Musical ist hier aber auch so lange gespielt worden.

David Whitley nahm seine Mutter mit in Lauras Schwulenclub

Für Viktor Bisa von den Philippinen, der zur allerersten Cast gehörte, führte der Weg von der Bühne in ein Pflegeheim. In seiner Wahlheimat Stuttgart ließ er sich zum Pfleger umschulen und singt heute für Demenzkranke. Lanie Suma­linog, die Gigi der deutschen Erstaufführung, ist momentan die Mrs. Santiago in „Ghost“ im Palladium-Theater. David Whitley tourt mit Cassandra Steen. Der Jüngste in der „Miss Saigon“-Gruppe ist Künstleragent Philipp Fischer. „Ich hatte einen Verwandten zweiten Grades in der Cast“, sagt er, „war oft da und habe als Teenie Gesangs- und Tanzstunden bekommen.“ Heute managt er Musicalsänger und will „etwas zurückgeben, was mir in jungen Jahren geboten wurde“.

Wie schnell nur vergehen 25 Jahre? „Man glaubt es nicht“, sagt der in Washington geborene David Whitley, der den GI John spielte. „Bist du jung, denkst du, das bleibt so, du hast noch so viel vor dir.“ David erinnert sich daran, dass er mit Kollegen nach der Vorstellung von „Miss Saigon“ stets den Kings Club von Laura Halding-Hoppenheit besuchte. Als seine Mutter aus den USA da war, nahm er sie gleich mit in den Schwulenclub. Es gefiel ihr gut. Seine Oma ist übrigens heute 101. Sie war noch nicht im KC, kann aber auch noch kommen.

1997 kostete ein Platz in Reihe 20 bei „Miss Saigon“ 170 D-Mark

Zum Älterwerden hat die New Yorkerin Maryanne Kelly keine Zeit. Sie gehörte zum Ur-Ensemble. Kürzlich hat die einstige Ellen und Spielleiterin von „Miss Saigon“ atemberaubende Auftritte bei „Sister Soul“ in der Komödie im Marquardt hingelegt. Dass sie Stuttgart zur Wahlheimat machte, kann sie gut begründen: Hier hat sie ihre große Liebe gefunden. Mit ihrem Mann, einem Architekten, zieht sie gerade innerhalb der Stadt um in ein neues Haus.

Klaus Schnaidt vom Musical-Fanclub hat alte Tickets für „Miss Saigon“ aufgehoben. 1997 kostete in Reihe 20 ein Platz 170 D-Mark. Heute zahlt man diesen Betrag in Euro für einen Musicalbesuch. Und heute sitzt nicht mehr ein Orchester im Graben, nur wenige Musiker spielen, immer mehr kommt vom Band. Die Stuttgarter Musicalstars der ersten Stunde bedauern, dass es für junge Kollegen immer schwerer wird.

Wann kommt „Miss Saigon“ nach Stuttgart zurück?

Was kürzlich in Oberhausen passiert ist, löst Entsetzen in der Branche aus. Bei „Tanz der Vampire“ ist eine Vorstellung ohne „Carpe Noctem“ gespielt worden, weil wegen Urlaubs und Krankheit keine Solotänzer im Haus waren. Man strich eine Nummer komplett, ohne sich zu entschuldigen oder eine Entschädigung zu gewähren. „Die Stage-Chefs sehen sich nicht mehr als Kunstschaffende, sondern als Wirtschaftsbetrieb, der nur an Gewinne denkt“, sagt ein Insider. Unter Rolf Deyhle oder Joop van den Ende sei dies nicht möglich gewesen.

Am Montag also wird „Miss Saigon“ von Stuttgart 25 Jahre alt. In der Whatsapp-Gruppe wird’s brummen. Und alle sind sich einig: Das Stück, das 2020 in Wien Comeback feiert, sollte ganz dringend zurück in die Stadt, in der noch immer viele der ersten Cast leben, in der noch viel Lust ist auf Liebe und Abenteuer.




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