25 Jahre Rechtschreibreform Mutter aller Kulturkämpfe

Der Duden weiß auch, wie man Reizwörter richtig schreibt. Foto: imago images/Arnulf Hettrich/Arnulf Hettrich via www.imago-images.de

Vor 25 Jahren trat die einst heiß umkämpfte Rechtschreibreform in Kraft. Die Sprache hat sie ganz gut überlebt. Manches lässt sich daraus im Glaubenskrieg um geschlechtergerechte Sprache lernen.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Orthografisch gesehen dürften Texte wie dieser 25 Jahre nach der Rechtschreibreform eine bewältigbare Aufgabe darstellen – von dem Missstand abgesehen, dass Flüchtigkeitsfehler natürlich nie ausgeschlossen sind. Man hat sich an Tripelbildungen wie das eben korrekt verwendete Dreifach-S gewöhnt, die Befürchtung, alten Bekannten wie dem Grizzlybären nur noch in der sprachkastrierten Grisli-Form zu begegnen, hat sich nicht bewahrheitet. Niemand muss sich heute mit Joga von aktuellen oder zurückliegenden Kulturkämpfen entspannen – die schlimmsten Wortpopanze, von denen sich die Gegner der Reform verfolgt fühlten, sind Majonäse von gestern, seit sie von dem 2004 zur Überarbeitung der Reform gegründeten Rat für deutsche Rechtschreibung wieder aus dem Verkehr gezogen wurden. Dafür blickt das ein oder andere einst so vertraute Eszett aus alten Texten mittlerweile schräg zurück.

 

Manches in der Groß- oder Zusammenschreibung wurde logischer, manches nicht. Immerhin steht zur Entschuldigung verbliebener Unsicherheiten nun die Phrase bereit: aber nach der alten Rechtschreibung . . . Gesetzt man ist mit dieser überhaupt je in Berührung gekommen, weil man geraume Zeit vor dem 1. August 1998 geboren wurde, an dem die Reform in Kraft trat. Dass die orthografische Sicherheit junger Leute zugenommen habe, lässt sich an ernüchternden Evaluierungsbefunden nicht unbedingt ablesen, was vermutlich mehr mit einer allgemein zurückgehenden Lesekompetenz zu tun hat als mit dem in den Augen unermüdlicher Sprachbewahrer verhunzten Unternehmen.

Amtliche Sesselfurzer und Sprachbewahrer

Kurzum, sowohl die Sprache als auch das Abendland haben den Angriff einiger amtlicher „Sesselfurzer“, wie es Hans Magnus Enzensberger stellvertretend für eine große Schar empörter Intellektueller formulierte, überlebt. Wobei ein mit kulturhegemonialer Anmaßung verknüpfter Begriff wie „Abendland“ inzwischen wohl eher Anstoß erregen würde als der Aspekt, wie heilbringend – alte Rechtschreibung – oder Heil bringend – neue Rechtschreibung – der Versuch nun war, ein schwer zu durchzuschauendes Regelwerk etwas zu lichten.

Ein Vierteljahrhundert später ist weniger die Tauglichkeit einer Regelung zu bilanzieren, als die Frage der Angemessenheit der mit ihr einhergehenden Erregung. Bis vor das Verfassungsgericht führte der Streit, der, auch wenn noch kein populistischer Profiteur Öl ins Feuer gießen konnte, den Schatten jenes Kulturkampfs vorauswarf, der heute um die gendergerechte Sprache tobt.

Anstatt sich nun auf eine Seite zu schlagen, ist es hilfreicher zu schauen, was die Sache damals entspannt hat. Dazu gehörte eine tolerante Übergangszeit, in der Altes und Neues nebeneinander geduldet wurde. Auch zum Festhalten am Bewährten fest entschlossene Buch- und Zeitschriftenverlage schwenkten irgendwann ein, nachdem manche Regelungsüberspanntheit korrigiert wurde. Am entscheidendsten aber war wohl die Reform der Reform durch den Gebrauch. Vielleicht darf die aktuelle Zurückhaltung des Rechtschreibrats im Umgang mit Genderzeichen als positiver Lerneffekt des großen Orthografiescharmützels verbucht werden. Lieber beobachten als verordnen.

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein fasste die Sprache einmal ins Bild einer alten Stadt: ein Gewinkel von Gässchen und Plätzen, alten und neuen Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten – umgeben von einer Menge neuer Vororte mit geraden Straßen und einförmigen Häusern. Letztlich kommt es darauf an, dass sich darin jeder zurechtfindet, die Bewohner der Altstadt ebenso wie die in den Neubauvierteln.

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