25 Jahre Weltladen in Hemmingen Im Jubiläumsjahr eine einmalige Eiskreation

Hereinspaziert! Birgit Bard, Tine Gutbrod, Sylvia Vogel und Vera Kubens (von links) verbringen viel Zeit im Weltladen. Foto: Simon Granville

16 Frauen und ein Mann halten den Weltladen in Hemmingen am Laufen. Ehrenamtlich. Nun feiert das engagierte Team den 25. Geburtstag des Geschäfts, das sich für eine gerechtere Wirtschaft einsetzen will.

Leonberg: Stefanie Köhler (koe)

Hier stehen Kaffee, Tee, Honig, Schokolade, Kekse und andere Süßigkeiten, Nudeln, Tomatensoße. Dort sind Schmuck, Tücher, Taschen und Körbe zu finden. Das Angebot im Weltladen am Alten Schulplatz ist in den vergangenen 25 Jahren gewachsen – wie die Größe des Geschäfts und die Zahl der Mitarbeitenden. 16 Frauen und ein Mann zwischen Ende 20 und Anfang 80 halten den Weltladen am Laufen. Ehrenamtlich.

 

Der Weltladen öffnet donnerstags, freitags und jeden ersten Samstag im Monat. So auch jetzt am 4. Mai. Zum Jubiläum haben sich die Ehrenamtlichen etwas Besonderes überlegt: Im Maimarkt-Café im Pfarrgarten servieren sie fair erzeugtes Hemminger Bananen-Schoko-Eis. Die verarbeitete Kuhmilch komme vom Spitzenhof, berichtet die Leiterin des Weltladens, Birgit Bard. Die fair gehandelten Bananen aus Ecuador gebe es jede Woche am Alten Schulplatz. Die Schwestern Veronika und Claudia Ramsaier würden daraus eine „kulinarische Köstlichkeit“ herstellen, so Bard weiter. Die 64-Jährige freut sich über die Unterstützung.

„Wir sind ein Plätzle, wo man schwätzen kann“

Die der Weltladen offenbar generell erhält. Er ist laut dem Dachverband einer von bundesweit rund 900 Weltläden und Weltgruppen und mit seinen 25 Jahren zwar nicht der älteste Weltladen – der in der Ditzinger Kernstadt etwa ist fast 40 Jahre alt, der Leonberger wurde gar bereits anno 1978 gegründet. „Dennoch können wir stolz sein“, findet Sylvia Vogel, auch mit Blick darauf, dass Hemmingen gerade mal knapp über 8200 Einwohner hat. Tine Gutbrod lacht. „Wir sind ein Plätzle, wo man schwätzen kann.“

Tine Gutbrod und Sylvia Vogel gehören zum Gründungsteam um Renate Schmidt, die den Weltladen im Jahr 1999 öffnete und damals leitete. Er ist Teil der evangelischen Kirchengemeinde und in den Räumen des Gemeindehauses. Die Frauen schätzen, dass jede Woche gut 100 Kundinnen und Kunden kommen, darunter viel Stammkundschaft. Birgit Bard sagt, 80 Prozent der Kundschaft kenne das Team persönlich. Manche Kunden würden ihren halben Bedarf an Lebensmitteln im Weltladen decken. „Wir haben sehr gute Umsätze dafür, dass wir nur an zwei Tagen pro Woche offen haben.“ Lebensmittel bringen zwei Drittel des Umsatzes, das Handwerk sorgt für den Rest. Den Gewinn spende das Team immer.

Sie wollen die Welt ein wenig gerechter machen

Laut Bard ist ein Gespür dafür nötig, was bei den Kunden gerade gefragt ist. Kekse würden sehr gut laufen, Geschenkartikel, ein besonderer Kaffee, ein besonderer Reis. Der Hauptlieferant sei Gepa. Die Produkte der im Jahr 1975 gegründeten Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt sind nach eigenen Angaben alle fair gehandelt. Die Nachverfolgung der Produkte sei wichtig, sagt Sylvia Vogel, ebenso, dass alle Lieferanten im Weltladen-Dachverband seien. Dessen Katalog umfasst etwa 100 Importeure. Auch besuchen die Ehrenamtlichen Messen. „Viele Projekte werden durch Frauen verwirklicht“, sagt Birgit Bard. Die Nudeln indes sind aus der Manufaktur des Kornhauses im Korntal-Münchinger Stadtteil Korntal, die Geflüchtete betreiben. „Auch das ist nachhaltig“, meint Sylvia Vogel – die sich zudem aus Nächstenliebe im Weltladen engagiere. Für Vera Kubens ist der Einsatz für eine gerechtere Wirtschaft eine „soziale und politische Entscheidung“. Birgit Bard sagt, sie finde es „eine tolle Sache“ und wichtig, die fairen Produkte, die oft auch bio seien, zu verkaufen, damit Menschen in anderen Ländern – vor allem in denen des Südens – Arbeit hätten. Auch Tine Gutbrod wolle dazu beitragen, zu verhindern, dass die Menschen ihre Heimat verlassen müssen, weil sie dort keine Verdienstmöglichkeiten haben. „Es wird immer wichtiger, Fluchtursachen zu bekämpfen“, sagt sie. Die Frauen sind sich einig: Sie wöllten die Welt ein wenig gerechter machen.

Insgesamt hat sich ihrer Erfahrung nach in den vergangenen Jahrzehnten vieles gewandelt. Die Menschen seien Produkten aus fairem Handel gegenüber offener geworden, zumal auch Supermärkte sie vertreiben, sagt Birgit Bard. Die Produkte seien hochwertig – und schmackhaft. „Am Anfang hat Kaffee zum Beispiel wirklich nicht gut geschmeckt“, erinnert sich Tine Gutbrod. Auch hätten die Länder Berater, sodass die Produkte für den europäischen Markt angepasst sind – Körbe hätten hierzulande deshalb einen Henkel.

Faritrade-Town werden? Erst mal nicht.

Gleichwohl gebe es nach wie vor auch Skeptiker. Gerade nach Skandalen um gemeinnützige Organisationen müsse man Leute stärker von fairen Produkten überzeugen. Es sei auch nicht immer ganz einfach zu erreichen, dass zum Beispiel Vereine fair gehandelte Produkte nutzen, sagt Vera Kubens. „Wir müssen auf die Leute zugehen.“ Die Kirche sei ein großer Kunde. Die Gemeindeverwaltung setzt auf fair gehandelte Produkte, wenn sie Präsentkörbe oder Gutscheine zu Weihnachten verschenkt oder bei Veranstaltungen. „Wir tun schon viel, um fairen Handel in die Köpfe zu bringen“, sagt der Bürgermeister Thomas Schäfer (CDU). Für ihn habe es daher „nicht die höchste Priorität“, dass sich Hemmingen als Fairtrade-Town zertifizieren lässt – wie viele Nachbarkommunen es schon getan haben. „Ich bin ein Fan davon, Dinge zu leben“, sagt Thomas Schäfer. Verwehren würde er sich aber nicht, würde das Weltladen-Team auf ihn zukommen.

Was durchaus möglich ist, eines Tages. „Wir sind ein moderner Laden mit einem ziemlich engagierten Team“, sagt Birgit Bard. Man netzwerke, man beteilige sich an Veranstaltungen wie dem Krämermarkt und der Kulturnacht. Im Jahr 2018 modernisierte das Team den Laden, kaufte weiße Möbel und strich die Wände hellgrün. Dekorieren sei ein „unheimlicher Aufwand“. Trotzdem: „Unsere Deko ändert sich alle vier Wochen.“

Termin am Samstag

Das Maimarkt-Café im Pfarrgarten öffnet an diesem Samstag, 4. Mai, von 13 bis 17 Uhr. Der Weltladen macht um 10 Uhr auf. Mehr Infos im Netz auf: www.weltladen-hemmingen.de.

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