3 Papas, 3 Meinungen Braucht es den Vatertag heute noch?
Ein Tag für Männer, an dem sie Bier trinken und Bollerwägen hinter sich herziehen: Hat das noch seine Berechtigung? Drei Redakteure diskutieren, ob das Vätern etwas bringt.
Ein Tag für Männer, an dem sie Bier trinken und Bollerwägen hinter sich herziehen: Hat das noch seine Berechtigung? Drei Redakteure diskutieren, ob das Vätern etwas bringt.
William Jackson Smart muss ein guter Vater gewesen sein. Sechs Kinder, alleinerziehend, trotzdem alle groß bekommen, für alle ein wenig da. Ein Bürgerkriegsveteran, der sich zugleich streng und zärtlich zeigen konnte, voller Zuneigung für seine Kinder, heißt es in Berichten. Das hat seine Tochter Sonora dazu inspiriert, ihm zu Ehren einen Vatertag ins Leben zu rufen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wird er auch in Deutschland begangen – oft mit Bier und Bollerwagen. Nach einem Bericht des „Tagesspiegel“ soll das auf eine Brauerei zurückgehen, die den Absatz ankurbeln wollte. Aber hat ein Tag für Väter, der jedes Jahr zu einer Reihe von Alkoholunfällen führt, noch seine Berechtigung? Drei Redakteure, drei Meinungen.
Ich würde als Mann wirklich gerne mehr Geschlechtergerechtigkeit einfordern und den Vatertag als äquivalentes Privileg zum Muttertag betrachten können. Doch leider ist auch 2025 die Zeit dafür noch nicht reif. Zu groß sind nach wie vor die Unterschiede zwischen Frauen und Männern bei Bezahlung, Status oder gesellschaftlicher Anerkennung. Und da ich nie schwanger war und es nie sein werde, wird mir deswegen auch nie die viele wertvolle Zeit fehlen, um meine berufliche Karriere voranzutreiben.
Darum halte ich es für verfrüht, beim Thema Muttertag und Vatertag auf Gleichberechtigung zu pochen. Zumal ich wenig Verständnis für Rituale mitbringe, die darin bestehen, gemeinsam mit anderen Vätern mit Bollerwagen und Bier ins Grüne zu fahren, um möglichst viel von ebenjenem zu trinken. Ich verbringe den Vatertag lieber zusammen mit meiner Tochter. Sie ist schließlich der Anlass, dass es den Vatertag für mich überhaupt gibt.
Das soll nicht heißen, dass ich nichts dafür übrig hätte, mit Freunden ausgelassen zu sein. Es darf auch gerne mal feuchtfröhlich werden. Freiräume sind vor allem im Familienalltag rar, und es ist wichtig, auch mal Zeit für sich zu haben. Doch glücklicherweise brauche ich dafür keinen Vatertag, meine Lebensgefährtin billigt mir dafür übers ganz Jahr Freiräume zu. Da schaue ich mir lieber am Samstag das Champions-League-Finale mit Freunden in der Kneipe an und schlafe am Sonntag aus – wenn die Vierjährige es denn zulässt. Das Einräumen von Freiräumen gilt bei uns übrigens beidseitig.
Und auch wenn wir aufrichtig bemüht sind, die Last der weniger berauschenden Aspekte der Kinderbetreuung – etwa die Vierjährige für die Kita bereit zu machen – fair zu verteilen: Es bleiben, wenn wir ganz ehrlich zueinander sind, manche Haushaltsdinge bei uns eben doch eher an der Frau hängen. An dieser Stelle meinen tiefen Respekt allen Väter, die die Terminorganisation ihrer Kinder zwischen Kitaausfall, Vereinsleben und Kindergeburtstagen souverän im Griff haben!
Alleine deswegen ist es für mich völlig in Ordnung, dass der Muttertag bei uns anders zelebriert wird als der Vatertag. Und ehrlich gesagt tun mir diejenigen, die auf den Vatertag mit Bollerwagen und Bier hinfiebern, fast ein bisschen leid. Möglicherweise sollten sie ihre Familienorganisation überdenken, wenn es sonst so wenige Möglichkeiten gibt, sich mal ohne Familienanhang zu amüsieren.
Sascha Maier ist Online-Redakteur und seit vier Jahren Vater einer Tochter.
Es gab Zeiten, da war ich einer Bollerwagen-Tour nicht abgeneigt – mit allem, was dazu gehört. Verbracht habe ich den Tag oft mit Kumpels, Vater war ich noch nicht. Nun bin ich es, und es hat sich sozusagen ausgebollert. Eins hat sich aber nicht geändert: Der Vatertag, beziehungsweise Himmelfahrt, ist in erster Linie ein zusätzlicher freier Tag. Jetzt, da ich eine Tochter habe, bedeutet das für mich: mehr Zeit mit ihr. Denn davon habe ich (leider) oft zu wenig.
Was ich nach der Geburt meiner Tochter im Februar schnell bemerkt habe: Die Rahmenbedingungen in Deutschland, sich als Vater bei der sogenannten Care-Arbeit einzubringen, könnten deutlich besser sein. Nach einem Monat Elternzeit habe ich noch ein bisschen Urlaub drangehängt, weil die ersten Wochen viel zu schnell vergingen. Dass auch der zweite Elternteil – in der Regel der Vater – im Job deutlich kürzer tritt, ist in vielen Fällen aus finanziellen Gründen nicht möglich. So ist es bei uns auch. Dabei zeigen Beispiele aus Nachbarländern, dass es auch anders geht. Bekannte leben in Dänemark, der Staat – und auch die Unternehmen – unterstützen dort Eltern mit Babys teils deutlich besser, sodass auch Väter eine längere Auszeiten vom Job nehmen können. Seit August 2022 gibt es in Dänemark ein neues Elternzeitmodell, das sicherstellen soll, dass die Zeit zu Hause mit dem Kind zwischen Mutter und Vater gleichmäßiger aufgeteilt werden kann. Zudem haben viele Unternehmen eine „Elternzeit-Richtlinie“, in der beispielsweise auch zusätzliche finanzielle Hilfen wie ein Lohnausgleich festgeschrieben sind.
Dass wir unsere Tochter voraussichtlich mit nur einem Jahr in die Kita schicken werden, ist dem Umstand geschuldet, dass wir es uns anders nicht leisten können. Ob wir einen Platz bekommen, wird sich zeigen. Vermutlich wird es auch im kommenden Jahr noch so sein, dass ich über jeden zusätzlichen Tag froh bin, in der ich Papa-Tochter-Zeit habe – und wenn ein paar Kumpels mit ihren Kindern dazu kommen, dann ist das umso schöner. Auch ohne Bollerwagen.
Michael Bosch ist als Ad-hoc-Reporter für schnelle Nachrichten zuständig. Seine Tochter kam vor drei Monaten zur Welt.
Ein Vatertag mit Bier und Bollerwagen, das spiegelt einen recht traditionell-männlichen Zugang zu Emotionen wider: Gefühle sind, wenn man leicht einen sitzen hat. So haben wir das von unseren Papas und sie von ihren Vätern gelernt. Die Frage ist: Hatten sie eine Chance, es anders zu machen?
Mein Opa wurde mit zwölf Jahren auf einen Bauernhof gegeben, wo er für Kost und Logis mitarbeiten musste: Vor der Schule, nach der Schule, Bildung war eine Randerscheinung. Bei kinderreichen Familien – er hatte sieben Geschwister – war das üblich, anders waren nicht alle satt zu kriegen. Er hat den Krieg erlebt, die kargen Jahre danach, später auf seinem eigenen Hof geschuftet, als Straßenarbeiter etwas Geld dazu verdient. Mit knapp 70 Jahren ist er gestorben, die Nieren waren kaputt.
Mein eigener Papa war wiederum das Produkt dieses Vaters. Er war fürs Arbeiten zuständig, nicht fürs Windelwechseln. Ich habe ihn oft schimpfen hören und nie weinen sehen. Er hat mir beigebracht, dass es wichtig ist, ordentlich zu arbeiten. Er hat das vor allem getan, indem er mir gesagt hat, was ich falsch mache, wenn wir Mauern gemauert oder Holzscheite gestapelt haben. Es zählt, was man leistet, nicht, was man fühlt.
Das sind die Männer, die uns Millennials – zwischen 1980 und 1995 geboren – geprägt haben. Was heißt das für unsere Generation, nun selbst oft mit jungen Kindern?
Bei meinem Sohn, drei Monate alt, will ich alles anders machen. Er soll mich als echte Bezugsperson erleben. Als jemand, mit dem er sich irgendwann über das erste Verliebtsein freut und bei dem er sich über den ersten Liebeskummer ausheult. Mit dem er über seine Ängste spricht und von dem er einen wohlwollenden Blick auf andere Menschen vorgelebt bekommt. Es wird dabei Dinge geben, von denen ich noch gar nicht weiß, dass man sie falsch machen kann. Er wird irgendwann von mir enttäuscht sein. So, wie das auch mit meinem Vater war.
Was hat das alles mit dem Vatertag zu tun? Gerade weil die Väter unserer Generation nicht dafür bekannt waren, große Gefühle zu zeigen, ist es wichtig, ihnen mitzugeben: Ich sehe, dass du es auch nicht leicht hattest. Du bist wichtig für mich, mit all deinen guten Seiten und den Fehlern dazu. Nur so kann ich mir von meinem Kind auch mal einen milden Blick auf mich als Vater erwarten. Und man kann den Tag nutzen, seinen eigenen Vater zu fragen, wie er das Vatersein erlebt hat, ob er jemals das Gefühl hatte, dass das auch anders auslegbar gewesen wäre. Wenn man all das mit Bier und Bollerwagen macht: Auch okay!
Florian Gann ist Reporter für Psychologie und Partnerschaft. In die Vaterrolle findet er sich noch ein: Sein Sohn ist drei Monate alt.