30-Jahr-Party in Stuttgart „Das ist wie bei den Scorpions“: Liebeserklärungen ans Schlesinger

Bei der Jubiläumsparty ist es voll im liebevoll geschmückten Schlesinger. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Das Schlesinger ist eine Kult-Kneipe voller Geschichten. Zum 30. Geburtstag gab es eine große Feier, reihenweise Liebeserklärungen und Hoffnung, was die Zukunft betrifft.

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Sind das hier noch Gäste oder ist es nicht eher eine sehr große Familie, die sich da in ihrem Wohnzimmer trifft? Als sich am Samstagabend um kurz nach 20 Uhr die Türen des Schlesinger in der Stuttgarter Schlossstraße öffnen, wird Geburtstag gefeiert. Und alle sind gekommen. An die hundert Leute drängen sich schon vor dem Eingang. Viele umarmen sich, winken sich zu. In Windeseile ist es drin voll. Draußen lodern die Flammen in der Feuerschale.

 

Zum 30. Jubiläum hat die Kult-Kneipe DJs am Start. Es gibt eiskaltes Bier, an die Wand werden Fotos aus drei Jahrzehnten und länger projiziert, denn die beiden Betreiber Martin „Nolde“ Arnold und Heribert „Heri“ Meiers waren schon vor der Eröffnung aus dem legendären „Casino“ in Heslach bekannt. Manche Gäste sind seit damals dabei, sie sind mit ins Schlesinger gewechselt. Das ist im Lauf der Jahre von der Punk-Kneipe mit vielen Konzerten zu einem Ort für jedermann geworden, wo alle kommen können, wie sie sind, wo längst auch hochwertiges und trotzdem bezahlbares Essen serviert wird, wo es besondere Biere gibt und oft genug aus Besuchern Freunde werden.

Und die haben jetzt ärgste Befürchtungen. Denn Arnold und Meiers haben angekündigt, im Sommer aufhören zu wollen. Die Frage, was danach aus den zahlreichen Fans des Schlesinger wird, beschäftigt am Jubiläumsabend viele. Um nicht zu sagen: alle. So wie Fred Feuerbacher. Er ist den Gastronomen seit 38 Jahren treu. Und gibt sich verschmitzt: „Ich glaube nicht, dass sie aufhören. Vielleicht versuchen sie’s, aber das muss man auch hinkriegen. Das ist wie bei den Scorpions“, sagt er.

„Heri“ Meiers gibt sich aber nach wie vor überzeugt. Kaum zum Durchschnaufen kommen er und Arnold, so viele Hände gibt es zu schütteln und so viele Menschen zu umarmen. „Es wird sicher nicht so ganz einfach, aufzuhören. Aber es gibt kein Zurück mehr. Es macht nach wie vor Spaß, aber ich werde jetzt bald 67, da fällt die Nachtarbeit schwer“, sagt er.

Es könnte weitergehen

Doch es gibt Hoffnung. Dass die beiden mit mehreren möglichen Nachfolgern verhandeln, war schon bekannt. Ihre Bedingungen sind nicht ganz ohne: Der Laden soll in ihrem Sinne weitergeführt, das Personal übernommen werden. Doch jetzt verdichten sich die Anzeichen, dass die Gespräche zum Erfolg führen könnten. Noch sei nichts spruchreif, sagt Meiers, aber: „Es gibt eine Chance, dass es weitergeht. Schließlich zieht man nicht 30 Jahre lang sein Baby groß und schaut dann zu, wie es vor die Hunde geht.“ Es gebe so viele treue Stammgäste, deren Kinder inzwischen auch kämen.

Die Geschichten, die die Gäste an diesem Abend erzählen, sind legendär. Das Schlesinger, das wird klar, genießt Kultstatus. Eine Liebeserklärung folgt der nächsten. „Das ist eine besondere Kneipe“, sagt etwa Alexander. Er kommt seit langem, ist mehrmals im Monat dort. Da sind die Skiausfahrten, die die Betreiber immer wieder organisiert haben. Da ist die Süßigkeitenschublade hinter der Theke für die Kinder. Oder die schräge Geschichte vom ausrangierten Wasserwerfer, den die Wirte einst angeschafft hatten und damit bei den Demos gegen Stuttgart 21 mitgefahren sind. „Meine Kinder sind hier groß geworden“, sagt Alexander.

„Heri“ Meiers (links) und „Nolde“ Arnold wollen im Sommer aufhören. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Der Wasserwerfer befindet sich tatsächlich noch immer im Besitz der Gastronomen. „Der rostet langsam vor sich hin“, sagt Meiers und lacht. „Aber wir haben uns vorgenommen, dass wir ihn demnächst mal wieder herrichten.“ Wenn es die Zeit erlaubt. Aber erst einmal wird gefeiert. Und, so darf wohl vermutet werden, jeder Tag genossen. Noch bis zum Sommer. Wobei: Die Scorpions spielen ja immer noch.

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