Bär Läsker und Die Fantastischen Vier Der fünfte Mann

Andreas „Bär“ Läsker in seinem Büro im Römerkastell Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Das Beste aus dem StZ-Plus-Archiv: Andreas Läsker, den alle nur Bär nennen, managt seit 30 Jahren die Fantastischen Vier. Eine Geschichte über Treuhandkonten, einen Parkplatzstreit mit Smudo und die Trennung von der Plattenfirma Sony.

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Stuttgart - Andreas „Bär“ Läsker erinnert sich noch gut, als Michi Beck, ein langhaariger 20-Jähriger, zu ihm in den Plattenladen in der Immenhofer Straße 19 kam. Michi war öfters da. Irgendwann gab er ihm eine Kassette von seiner Band, die zum Teil auf Deutsch rappte. „Ich fand das total spannend. Hip-Hop war ein aufstrebendes Ding, viel kam auch aus England“, erzählt Bär. „Die erste Single ,Hausmeister Thomas D.’ war eine super Idee. Also sagte ich zu ihm, dass ich ihr Manager sein wollte. Obwohl ich keine große Ahnung davon hatte. Ich war DJ und Plattenladeninhaber mit großem Pleitepotenzial.“

 

Der Rest ist deutsche Popgeschichte. Manager der Fantastischen Vier ist Andreas „Bär“ Läsker heute noch. Bär wurde er damals schon genannt, weil er nicht nur sehr groß, sondern auch korpulent war. Aber er dachte auch schon immer in größeren Dimensionen.

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Musik zieht sich wie ein roter Faden durch sein Schaffen: 1978 fing er als DJ in Ludwigsburg an. Damals nannte man das noch Discjockey. Er brach die Schule ab und verdiente sein Geld mit Musikauflegen. „Das war aber nicht so heldenhaft bezahlt wie heute“, sagt Bär. Also heuerte er in Esslingen im Plattenladen Casablanca an: „Da hast du auch mal für ,Relight my fire‘ von Dan Hartmann 150 Mark bezahlt.“ Geschichten kann Läsker viele erzählen, und viele haben mit den Fantastischen Vier zu tun.

Der Mann fürs Große

Die Band weiß ihren 55-jährigen Manager zu schätzen – und auch seine Ideen. „Wir haben einen Manager, der ein kleines bisschen Größenwahn schon immer zu unseren Gunsten gelebt hat“, sagt Thomas D. „Der hatte auch die Idee zu Four Music, als wir gar nicht daran dachten, dass eine Labelgründung irgendeinen Sinn ergibt. Wir haben das Medienhaus in Heslach gekauft, weil er das gesagt hat. Und wir haben auf seinen Rat die Booking-Agentur gegründet. Bär hat das große Denken angewendet, um uns gut aussehen zu lassen“, so Thomas D im Interview.

Der Manager ließ die Fantastischen Vier auch schon für Auftritte in Jugendhäusern im Mercedes vorfahren, kaufte ihnen Faxgeräte und später die ersten Handys. Seine Eltern – Jahrgang 1916 und 1925 – waren schon recht alt, als Andreas „Bär“ Läsker auf die Welt kam. Er wollte schnell raus, träumte von einem Leben mit Musik – und mit Erfolg. „Das hat mein Schaffen gesteuert“, sagt Bär. „Ich konnte natürlich nicht wissen, dass das klappt mit den Fantas.“ Er sah das Potenzial in den vier Typen und ihrer Musik. Und er hatte dieses Urvertrauen in sich selbst.

Am Anfang dachte er, dass er ja viel mehr arbeiten müsse als die Künstler, und wollte 40 Prozent von allem. Smudo aber rief im Büro von Schlagerproduzent Ralf Siegel in München an und erkundigte sich, was ein Musikmanager so verdiene. Dort wurde ihm gesagt, dass es am gerechtesten sei, dass jeder der fünf 20 Prozent bekomme. So haben sie es dann gemacht. „Zumal Michi Beck der Gerechtigkeitsfanatiker schlechthin ist“, sagt Läsker.

Die Fanta-4-Zentrale in einer WG

Über der Diskothek Musicland in der Reinsburgstraße wohnte Bär in einer WG, hatte ein Zimmer zusätzlich, in das er Pappmöbel von Pappe La Papp stellte. Das war sein Büro. Smudos Vater hat ihm einen alten 469er-Ericsson-Computer hingestellt, es gab Briefbögen mit einer 4 darauf. Das war also die Fanta-4-Zentrale.

Blöd nur, dass sie die Telefonnummer 0711616003 auf das Album „4 Gewinnt“ gedruckt hatten: „Um Gottes willen, alles ist explodiert“, erzählt Läsker. Die zweite Platte wurde innerhalb von vier Monaten 700 000-mal verkauft. Und die Fans ließen das Telefon nicht mehr verstummen.

Die vier selbst haben Läsker lange nicht geglaubt, dass sie jetzt viel Geld verdienen. „Wir waren ja alle komplett abgebrannt. Keiner von uns hatte mehr als ein paar Hundert Mark zur Verfügung gehabt“, erzählt Bär. Einmal mussten sie nach London zu MTV, am nächsten Tag nach Nürnberg zu Dieter Thomas Hecks „Musik liegt in der Luft“. Weil es keine guten Flugverbindungen gab, buchte Fitz Braum von der Plattenfirma Sony einen Privatjet. „Wir saßen in dem Lear, und ich habe den vier Typen in 10 000 Meter Höhe versucht zu erklären, dass sie nun richtig Geld verdienen“, erzählt Läsker. „Es gab die Zahlen: 700 000-mal 2,50 Mark und so weiter, das Geld ging von Anfang an auf ein Treuhandkonto bei einem Anwalt, was eine gute Vertrauensbasis ist.“

Er investiert, fällt mal hin, steht wieder auf

Läsker hat immer schon unternehmerisch gedacht. Er investiert, fällt mal hin, steht wieder auf. Er sagt auch: „Das letzte Hemd hat keine Taschen.“ Damals fuhr er rund 120 000 Kilometer im Jahr. Ständig waren sie unterwegs, auch in Stuttgart bauten sie sich viel auf.

Mitte der 90er war dann klar, dass es mehr Platz braucht für die Firma und Firmen rund um die Band. Bär schlug vor, dass die fünf ein stattliches, vierstöckiges, über dem Heslacher Stadtbad gelegenes Gebäude für 5,5 Millionen Mark kaufen. Er hatte die Idee einer Kreativzentrale. „Das funktioniert bis heute. Es gab das Café, unten das Studio, oben die Plattenfirma.“ Der Musiksender Viva und das Stadtmagazin „Prinz“ hatten dort Büros.

Er gründete zusammen mit der Plattenfirma Sony die Bear Music Familiy, die Bear Music Factory, dann Bear Entertainment, kümmerte sich um Bands wie Fury in the Slaughterhouse, Die Prinzen, Jule Neigel, Farmer Boys, Dog Eat Dog, Das Modul oder Mink Stole. 1999 zog er nach Berlin, blieb dort vier Jahre. Keine gute Zeit, sagt er rückblickend. Aber bereuen tut er sie nicht.

Eine Band besteht aus kreativen Köpfen, aus Künstlern mit Selbstzweifeln

2003 kam er wieder in Stuttgart an, mit immer neuen Ideen. Einige Konzepte samt Designs und Namen liegen in der Schublade. Ihm falle es schwer, aus Ideen kein Geschäft zu machen, sagt Bär. „Es gab ja immer die Dauerdrohung der Fantas, dass sie aufhören. Jetzt sind sie vielleicht an dem Punkt, dass sie nichts mehr anderes machen wollen. Oder sollte Michi nun Winzer in der Toskana werden?“

Eine Band besteht aus kreativen Köpfen, aus Künstlern mit Selbstzweifeln. Auch die Fantastischen Vier fürchteten, die nächste Platte könnte die letzte sein, weil ihnen danach nichts mehr einfällt. „Dieses Damoklesschwert hängt seit 1991 über mir. Warum aber soll man etwas ohne Not beenden?“, fragt Läsker. „Es ist wohl ihre Art von Freiheit: sich zu sagen, dass sie jederzeit aufhören können.“

In seiner Firma im Römerkastell hängen viele Fanta-4-Devotionalien an den Wänden, massig Goldene Schallplatten, überall stehen Plattenspieler und Kameras. Bär ist ein absoluter Analog-Freak.

Heute dreht sich bei ihm viel um sein veganes Leben, das er so laut in die Welt posaunt, dass es einigen nicht in den Kram passt. Meist aber geht es bei ihm um die Musik. „Musikmanager“ gibt er als Berufsbezeichnung an. „Ohne Berufsausbildung ist das natürlich schwierig. Das Wort Berater mag ich nicht, aber eigentlich mache ich das auch.“

„Vor 30 Jahren musste ich vier bekiffte Twens zusammenhalten und mich selbst über Wasser halten.“

Musikmanager ist heute natürlich etwas anderes als 1989. „Vor 30 Jahren musste ich vier bekiffte Twens zusammenhalten und mich selbst über Wasser halten. Heute ist das eine viel aufgeräumtere, strategischere Sache. Inzwischen ist die Band eine Marke geworden, mit der man ganz anders umgehen muss.“

Zum 20-Jahr-Jubiläum organisierte Bär das Heimspiel auf dem Wasen. 60 000 Fans feierten die Fantas, die After-Show-Party war in der benachbarten Schleyerhalle. Er ließ Masten von der Bundeswehr auf das Cannstatter Gelände stellen, um eine Spidercam an Seilen über das Gelände schweben zu lassen. „Dann gab es diesen Stromausfall mitten im Konzert, und Michi hat mit dem Megafon die Leute unterhalten“, erzählt Bär.

Heute ist es komplizierter, was Termine angeht. Die vier sind Familienväter, die mit insgesamt zehn Kindern in vier verschiedenen Bundesländern mit unterschiedlichen Ferienzeiten wohnen. Das will erst mal koordiniert sein.

Mit den Fantastischen Vier geht Bär 2019 insofern neue Wege, als sich Sony und die Band nach 27 Jahren getrennt haben. Plattenfirmen geht es bekanntlich nicht sonderlich gut, Sony wollte den Vertrag so nicht weiterführen. Damit geht eine Ära zu Ende. „Die konnten sich die Fantas nicht mehr leisten. Jetzt können wir unser eigenes Ding machen“, sagt Bär, der große Pläne hat. Klar.

30 Jahre sind sie jetzt zusammen, gingen durch Höhen und Tiefen, hatten Streitereien. Wie in einer Familie eben. An einen Streit zwischen Smudo und ihm erinnert sich Läsker noch gut. Damals ausgetragen auf dem Parkplatz vor dem Musicland in der Reinsburgstraße. Es ging darum, welche Single man zuerst aus dem Album „4 gewinnt“ veröffentlicht. Smudo war für „Saft“, Läsker wollte „Die Da!?!“ – und setzte sich schließlich durch. „1992 hätte man niemals ein Lied über den Austausch von Körperflüssigkeiten im Radio gespielt“, sagt er. Wer weiß, wie die Geschichte sonst ausgegangen wäre.

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