30 Jahre mobile Jugendarbeit in Schorndorf Streetwork per Smartphone

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Seit 30 Jahren gibt es die mobile Jugendarbeit in Schorndorf – damit war die Stadt der Vorreiter im Rems-Murr-Kreis. Die Nöte der Jugendlichen sind gleich geblieben, verändert hat sich die Arbeit durch WhatsApp und Co.

Anja Fuchs und Wolfgang Holzwarth bilden das Team der mobilen Jugendarbeit in Schorndorf. Foto: Frank Eppler
Anja Fuchs und Wolfgang Holzwarth bilden das Team der mobilen Jugendarbeit in Schorndorf. Foto: Frank Eppler

Schorndorf - Vermutlich kennt kaum einer die Jugendlichen in Schorndorf so gut wie Wolfgang Holzwarth. Seit 18 Jahren dreht der Sozialpädagoge seine Runden durch die Stadt, um die Jugend an ihren Treffpunkten aufzusuchen. Seit zehn Jahren hat er dabei Anja Fuchs an seiner Seite. Die beiden bilden das Team der mobilen Jugendarbeit – und beide können sich keinen besseren Job vorstellen. „Das ist Basisarbeit, authentisch und pragmatisch. Da kann man auch mal sagen: Du hast Scheiße gebaut, jetzt lass uns schauen, dass du wieder rauskommst“, sagt Holzwarth.

Leitbild der mobilen Jugendarbeit: Zuwendung statt Ausgrenzung

Vor 30 Jahren wurde die mobile Jugendarbeit in Schorndorf eingerichtet – damit war die Daimlerstadt Vorreiter im Rems-Murr-Kreis. An der Grundkonzeption von damals hat sich nicht viel verändert. „Über allem steht das Leitbild Zuwendung statt Ausgrenzung“, sagt der 47-jährige Holzwarth. Zuwendung schon dadurch, dass die Mitarbeiter der mobilen Jugendarbeit nicht warten, bis die Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu ihnen kommen, sondern sie aktiv aufsuchen.

Erster Anlaufpunkt bei der Streetwork war von Anfang an der Bahnhof. In welchen Bereichen ihr Klientel Unterstützung benötigt, das habe sich ebenfalls kaum geändert, sagt Holzwarth: „Bedarf gibt es immer im Übergang von Schule zu Beruf.“ Auch Probleme mit Drogen oder mit dem Gesetz hat es schon immer gegeben und wird es immer geben. „Allerdings haben wir zum Beispiel in Schorndorf keine Altpunkszene mehr, das habe ich in meiner Anfangszeit noch erlebt“, erzählt Wolfgang Holzwarth.

Vergangenheit sei auch die harte, offene Drogenszene: „Früher hatten wir Spritzen im Stadtpark liegen. Allerdings darf man sich keine Illusionen machen: Es werden Drogen konsumiert, und viele sind gesellschaftsfähig geworden“, berichtet er.

Die mobile Jugendarbeit sucht die Jugendlichen virtuell auf

Einschneidend verändert hat sich die Arbeit der beiden Sozialpädagogen vor allem durch die neuen Medien. „Jugendliche sind dadurch viel mobiler geworden. Sie verabreden sich per WhatsApp und wir können nicht mehr davon ausgehen, dass wir sie immer am gleichen Platz antreffen“, erzählt Holzwarth. Auf der anderen Seite kann die mobile Jugendarbeit die neuen Kommunikationsformen selbst nutzen. „Wir können leichter Kontakt halten und suchen die Jugendlichen virtuell in ihrer Lebenswelt auf“, sagt Anja Fuchs. Allerdings gilt auch hier: die Jugendlichen müssen den ersten Schritt tun. „Alle kommen freiwillig, niemand kann dazu gezwungen werden. Und wir unterliegen der Schweigepflicht“, sagt Holzwarth.

In den vergangenen Jahrzehnten hat die mobile Jugendarbeit ein tragfähiges Netzwerk mit anderen Kooperationspartnern aufgebaut. Das Ziel: „Wir möchten immer die Lebenssituation der Jugendlichen verbessern“, sagt Fuchs. Nicht nur mit Streetwork, sondern auch mit Gruppenarbeit oder Einzelfallhilfe. Das gelingt mal – und mal nicht. „Wir haben beide gelernt, dass wir nicht alle retten können“, sagt die 32-jährige Sozialpädagogin.

Die Sozialpädagogen müssen den Lebensentwurf begleiten

So wie im Fall der 40 bis 50 Jugendlichen, die vor Jahren im Breuningerareal ihr Unwesen getrieben haben, Polizei und Jugendhilfe in Atem hielten. „Einige haben sich gefangen, andere sitzen mittlerweile ein“, erzählt Wolfgang Holzwarth.

Wo die beiden für die Zukunft Handlungsbedarf sehen? „Es fehlt immer an Plätzen, von denen die Jugendlichen nicht vertrieben werden“, sagt Holzwarth, der in dieser Hinsicht schon Ideen für die Gartenschau hat. Inhaltlich sieht Anja Fuchs die mobile Jugendarbeit immer mehr in einer Rolle, die eigentlich Eltern einnehmen sollten: „Weil der Halt nicht gegeben ist, müssen wir sie zunehmend beim Entwerfen von Lebensentwürfen begleiten.“




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