Der Bosnienkrieg und Srebrenica lassen die bosnische Diaspora in Stuttgart bis heute nicht los. Für manche ist die Erinnerungsarbeit zur Lebensaufgabe geworden.
Nermina Zolj war gerade in der Pubertät, als ihr Elternhaus in Vaihingen an der Enz aus allen Nähten quoll. „Damals haben bei uns zwischenzeitlich 19 Leute in vier Zimmern gelebt“, erzählt die 46-Jährige. Mit „damals“ meint sie die Jahre zwischen 1992 und 1996, als in Bosnien, dem Heimatland ihrer Eltern, ein blutiger Krieg tobte. Da ihre Eltern bereits in den 1970er Jahren nach Deutschland emigriert waren, flüchtete ein Großteil der noch in Bosnien lebenden Familie nun zu ihnen. Nermina Zolj bringt das Credo dieser Zeit auf den Punkt: „Rette, wen du retten kannst.“
Die Stuttgarterin stammt aus einer bosniakischen Familie. Bosniaken, das sind Bosnier muslimischen Glaubens. An dieser Bevölkerungsgruppe verübten vor allem bosnisch-serbische, aber auch bosnisch-kroatische Milizen wiederholt grausame Kriegsverbrechen.
Stuttgarterin erzählt von einer „schlimmen Zeit“
Besonders betroffen waren die Gebiete im Süden und Osten des Landes, die seit dem Krieg zum Teilstaat Republika Srpska gehören und in denen inzwischen überwiegend serbisch-orthodoxe Bosnier leben.
In der Gegend um die Stadt Nevesinje, die Zoljs Eltern zwei Jahrzehnte zuvor verlassen hatten, warfen die Täter nach einem Massaker die Überreste der laut der Aufklärungsorganisation Asocijacija Bosna mehr als 300 Opfer in verschiedene Massengräber. Unter den Leichen war auch Zoljs Urgroßmutter. „Sie wurde bis heute nicht ganz gefunden – nur in Stücken“, erzählt die Urenkelin.
Nermina Zolj, braun-blonde Haare und Brille mit dünnem Goldrand, kniet auf dem Sofa ihrer Wohnung in Zuffenhausen und zieht an einer Zigarette, während sie die Gefühle schildert, die sie damals als Jugendliche verspürte. Vor allem Angst, Ohnmacht, Hilflosigkeit. Auch Bestürzung über ihre deutschen Schulfreunde. Vielen sei gar nicht bewusst gewesen, dass rund 1000 Kilometer entfernt – mitten in Europa – ein schrecklicher Krieg herrschte. „Das war eine ganz schlimme Zeit für mich.“
Die Tage des Völkermords
Heute arbeitet sie daran, hierzulande die Erinnerung an die einstigen Geschehnisse wachzuhalten. Seit 2015 organisiert Nermina Zolj gemeinsam mit Mitstreiterinnen und Mitstreitern einen jährlichen Trauermarsch durch Stuttgart, immer um das Datum des Völkermordes von Srebrenica herum. Die vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag als Genozid eingestufte Ermordung von mehr als 8000 Bosniaken ereignete sich vor 30 Jahren – hauptsächlich in den Tagen vom 11. bis zum 19. Juli.
In diesem Jahr findet der Marsch in Stuttgart am Sonntag, 20. Juli, statt. Reden halten unter anderem die Journalistin Melina Borčak und die Autorin Mirsada Simchen-Kahrimanović aus Backnang. Nach Angaben von Zolj sind im vergangenen Jahr rund 6000 Trauernde mitgelaufen. Über die Teilnahme von Menschen ohne bosnischen Pass oder familiären Bezug zu dem Balkan-Staat freut sich Nermina Zolj besonders. Sie sieht sich in der Pflicht, darüber zu berichten, was sich damals in Srebrenica und anderen Orten zutrug. „Denn unter uns Bosniern wissen das ohnehin alle.“
Stuttgarterin hat „zwei Heimaten“
Sich selbst bezeichnet Nermina Zolj als „typisches Gastarbeiter-Kind“. In der Region geboren und aufgewachsen, ist die Sozialpädagogin Teil der bosnischen Diaspora im Raum Stuttgart. Diese umfasst ihren Angaben nach rund 6000 bosnische Staatsbürger, aber auch viele Menschen ohne bosnischen Pass. Zolj sagt: „Mein großes Geschenk ist, dass ich zwei Heimaten habe.“ Sie reise so oft wie möglich nach Bosnien, meistens zusammen mit ihrer 15-jährigen Tochter.
In ihrem Wohnzimmer hängen gleich mehrere bunte Zeichnungen des wohl bekanntesten Bauwerks Bosniens, der Alten Brücke von Mostar. Mit der zweitgrößten Stadt des Landes, nur wenige Kilometer von Nevesinje entfernt, verbindet Nermina Zolj viele gute Erinnerungen. Zwei der Bilder sind aus einer Einrichtung für Kinder mit Behinderung in Mostar. Dort absolvierte Zolj während ihres Studiums ein Praxissemester, an die Zeit denkt sie gerne zurück.
Erinnerungen an den Bosnienkrieg aus der Ferne
Gleichzeitig ist die Brücke heute ein Mahnmal für die Auswirkungen nationalistischer Zerstörungswut. Sie führt über den Fluss Neretva, der in Mostar den muslimisch geprägten Ostteil vom überwiegend kroatisch-katholischen Westteil trennt. Im Krieg bekämpften Milizen beider Gruppen zunächst gemeinsam serbische Truppen, sich später aber gegenseitig. Unter kroatischem Beschuss ging die Brücke 1993 zu Bruch, bevor sie nach dem Krieg wiederaufgebaut und zur beliebten Touristenattraktion wurde.
Trotz ihrer räumlichen Distanz zum Kriegsgeschehen lassen die Ereignisse Nermina Zolj bis heute nicht los – oder vielleicht auch gerade deshalb. „Der Opfer zu gedenken zeigt, dass du deine Heimat liebst“, sagt sie. Gleichzeitig ist ihr bewusst, ihre Erinnerung ist eine andere ist als die von Menschen aus Srebrenica, Nevesinje oder Mostar. „Wir in der Ferne können etwas rationaler damit umgehen, weil wir den Krieg nicht selbst vor Ort erlebt haben.“
Eine Kindheit zwischen Milchpulver und Granatenlärm
Das ist bei Lemana Filandra Muslić anders. Die Buchlektorin kam im April 1992 in Sarajevo zur Welt. Sieben Tage vor ihrer Geburt hatten serbische Milizen begonnen, die bosnische Hauptstadt von der Außenwelt abzuschotten. Diese Blockade sollte fast vier Jahre lang andauern – die längste Belagerung einer Stadt im 20. Jahrhundert.
Filandra Muslić erinnert sich, obgleich sie noch sehr jung war, lebhaft an eine Kindheit zwischen Milchpulver, Kerzenlicht und Granatenlärm. Sie erzählt, dass sie das nachhaltig geprägt habe. 2022 zog sie von Sarajevo zu ihrem damaligen Freund und heutigen Ehemann nach Stuttgart. Eine ihrer wichtigsten Migrationserfahrungen: „Jetzt weiß ich, dass ich den Krieg immer mitnehme, egal wohin ich auch gehe.“
Einmal habe ihr eine Bekannte erzählt, dass sie an glückliche Kindheitserlebnisse im Stuttgart des Jahres 1993 zurückdenke. „Für uns in Sarajevo war das der härteste Winter überhaupt“, sagt Filandra Muslić. Seit sie in Deutschland lebt, sieht sie sich in der Rolle einer Art inoffiziellen Botschafterin. Immer wieder lädt sie Menschen zu sich nach Hause ein, um ihnen bei bosnischem Essen von ihrem Land zu erzählen – und vom Krieg. „Die Wahrheit, die ich in mir trage, verlangt nach größerer Aufmerksamkeit.“
Srebrenica als ein Fall von vielen
An den Völkermord in Bosnien zu erinnern, sei eine andauernde Anstrengung. Für Filandra Muslić ist es unabdingbar, genau zu benennen, was im Krieg passierte – und wer die Täter waren. Etwa im Fall Srebrenica: In den Wäldern, Feldern und Flusstälern um die ostbosnische Kleinstadt töteten Soldaten der Republika Srpska, der Polizei und des serbischen Paramilitärs unter der Führung von General Ratko Mladić zwischen dem 11. und dem 19. Juli 1995 mehr als 8000 Bosniaken. Dieses Verbrechen steht heute im Zentrum der Erinnerungskultur des Staates Bosnien und Herzegowina sowie des internationalen Gedenkens an den Bosnienkrieg.
Filandra Muslić betont aber auch, dass die Gewalt von Srebrenica keine Ausnahme war. So töteten serbische Truppen etwa im nordbosnischen Prijedor zwischen 4000 und 5000 Menschen – überwiegend Bosniaken, aber auch zahlreiche Kroaten. Ein Fall, den der Internationale Gerichtshof in Den Haag bislang nicht als Genozid anerkennt.
Filandra Muslić weist darauf hin, dass vielerorts auch Juden oder Roma den Massakern zum Opfer fielen. Und zum vollen Bild gehört auch, dass bosniakische Truppen ebenfalls Kriegsverbrechen verübten. „Dafür schämen wir uns und wir unterstützen die rechtliche Verfolgung dieser Taten“, sagt die 33-Jährige. Internationale Organisationen machen allerdings serbische Truppen für den mit Abstand größten Teil der Verbrechen, darunter auch für systematische Massenvergewaltigungen, verantwortlich. Filandra Muslić urteilt: „Srebrenica war ein Fall von vielen.“
„Uns geht es nicht um Hass“
Das sieht auch Nermina Zolj so. Gleichzeitig stellt sie klar: „Srebrenica steht für uns alle.“ Damit meint sie die Toten und Verletzten des Krieges, die Angehörigen und alle anderen, die der Opfer gedenken – ob in Bosnien oder in der Diaspora. „Wir brauchen Raum zum Trauern.“ Als Aktivistin hat sie deshalb das „Srebrenica Awareness Network“ mitgegründet. Der Verein ging in Stuttgart, Berlin und Dortmund aus der Organisation der jährlichen Trauermärsche hervor. Nermina Zolj ist auch an Schulen sowie Universitäten unterwegs. Und sie setzt sich dafür ein, den Bosnienkrieg in deutschen Lehrplänen zu verankern.
Gleichzeitig wehrt sie sich gegen eine politische Instrumentalisierung ihrer Erinnerungsarbeit. Versuche dazu habe es über die Jahre einige gegeben, von verschiedenen Seiten. Die aber habe sie stets abgelehnt. „Denn uns geht es nicht um Hass“, sagt Nermina Zolj. Sie verurteile serbische Kriegsverbrecher, keineswegs aber Serben an sich.
Ihr Ziel: „Wir wollen zeigen, was passiert, wenn Nationalismus und Ideologie überhand nehmen.“ Auch in Deutschland sieht sie diese Gefahr, spätestens seit dem Erstarken der AfD. „Dagegen müssen wir anarbeiten.“ Ihr Beitrag dazu sei, über die Gewalt in Bosnien aufzuklären. Zolj sagt: „Das ist zu meiner Lebensaufgabe geworden.“
Infos zum Trauermarsch durch Stuttgart:
- Termin: Sonntag, 20. Juli
- Start: 14 Uhr am Generalkonsulat von Bosnien und Herzegowina (Olgastraße 97b)
- Ziel: Stadtgarten (Keplerstraße 7)
- Gedenkveranstaltung ab 15.30 Uhr im Stadtgarten